Saisonhöhepunkt an der Rheinoper
Astor Piazzollas „María de Buenos Aires“
María (mit Ovationen gefeiert: die international gefragte Mezzosopranistin Maria Kataeva aus dem Ensemble) liegt zusammengekauert auf dem Souffleurkasten an der Rampe. Sie ist gestorben, wie uns der hier nicht nur, aber vor allem in der Tradition des antiken griechischen Kommentators gefragte Chor mitteilt. Die Bühne Katrin Connans, ein surreales Environment, ist eine einzige Augenweide: Sie ist der Sala Planeta nachempfunden, einem Varietétheater in der argentinischen Hauptstadt, dem Uraufführungsort der einzigen Oper Astor Piazzollas „María de Buenos Aires“. Im Hintergrund ein riesiges aufgefächertes Bandonéon, rechts ein weißer Kindersarg und zu beiden Seiten Musikinstrumente.
Pinker Western-Held
Zu dieser halbseidenen Kaschemmen-Atmosphäre passt El Duende, der die vergessene Stimme Marías beschwört und ihre Geschichte erzählt. Dieser Geist, verkörpert von der argentinischen Sänger-, Schauspieler- und Komponisten-Legende Alejandro Guyot, kommt wie ein Held aus einem 1950er-Jahre-Western daher, dem Jorge Jara freilich ein pinkes Outfit verpasst hat. Unterstützt wird er von einem alten, Payador genannten Bandonéon-Sänger (der Bariton Jorge Espino aus dem Ensemble), der, statt sich auf der Gitarre zu begleiten, auf dem Klavier rechterhand sitzt und – als Chronist – auf einer alten mechanischen Schreibmaschine tippt.
Vielfältige Facetten
„Ich bin María… María Tango, María der Vorstadt, María Nacht, María fatale Leidenschaft, María der Liebe zu Buenos Aires bin ich!“: Während die Kellner-Riege im Hintergrund als Walk-Act in Slowmotion ihrer Profession nachgeht, von Running Gag kann hier nicht wirklich die Rede sein, geht es vorn um die vielfältigen Facetten der Titelfigur, die sich später verdreifacht als Schatten (die Sopranistin Morenike Fadayoumi aus dem Ensemble) und als Puppe mit charakteristischen flammend roten Haaren. Effektvoll unterstützt von nur scheinbaren Live-Bildern auf dem Gazevorhang entsteht ein Eindruck des auch verruchten Lebens in Buenos Aires, „der Stadt des Schmerzes und der Feste“ – zusammen mit der mitreißenden „Tango Nuevo“-Musik Astor Piazzollas.
Johann Sebastian Bach
Welche plötzlich, geradezu ein Schreckmoment, von einem auf Deutsch gesungenen Chorgesang unterbrochen wird: „Du edles Angesichte…“ aus Johann Sebastian Bachs Matthäus-Passion. Der zweiten Strophe des Chorals „O Haupt von Blut und Wunden“ folgt vor der Pause noch mit der emotionsgeladenen, von Morenike Fadayomi gesungenen Arie „Erbarme dich“ ein weiteres Stück aus der Matthäus-Passion, während im zweiten (Backstage-) Teil Auszüge der h-Moll-Messe Bachs und seines Adagios nach Marcello erklingen: Astor Piazzolla ist mit der Musik Bachs in Paris erstmals in Berührung gekommen, die ihn fortan sein ganzes Leben (1921 Mar del Plata – 1992 Buenos Aires) begleitet hat.
Enormer Schauwert
Der Schauwert der Inszenierung Johannes Eraths („Vissi d’arte“, „La Sonnambula“ und „Septembersonate“ an der Rheinoper) ist enorm, etwa wenn ein Gitter zur funkensprühenden Lichtquelle für einen ikonischen Auftritt der „aufregenden Zauberin“ wird. Die Handlung der am 8. Mai 1968 uraufgeführten „Tango Operita“, die gerade zur Karnevalszeit ins katholisch geprägte Rheinland passt, Premiere war am 7. Februar 2026 im Düsseldorfer Opernhaus, gerät dabei etwas ins Hintertreffen, was freilich auch an der sehr poetischen Sprache des Librettisten Horacio Ferrer liegt: Seine verrätselten lyrischen Metaphern, noch dazu mit dem „Lunfardo“ genannten Dialekt, der „Ganovensprache“ der Jahrhundertwende um 1900 aus den Hafenvierteln La Boca und Palermo in Buenos Aires durchzogen, lassen sich kaum ins Deutsche übertragen und noch weniger zu Übertiteln verkürzen.
Feuriger Tango Argentino
Die Passionsgeschichte Marías zwischen Lebensfreude und Melancholie, die ihr Glück in der Großstadt Buenos Aires suchte und sterbend zur mythischen Gestalt wird, entfaltet sich in der grandiosen Rheinopern-Produktion, für mich ein Saisonhöhepunkt, zum einen optisch. Wozu neben den Ausstattern (im zweiten Teil eine wilde Mischung aus Pop-Art und Frida Kahlo-Kostümen) und der Videokünstlerin Bibi Abel (mit Anklängen an den Düsseldorfer Akademie-Professor Gerhard Richter) wesentlich die argentinische Choreographin Agostina Tarchini beiträgt: Die weltweit renommierte Meisterin des Tango Argentino kann man auch als feurige Tänzerin an der Seite ihrer Landsleute Mariano Agustín Messad und Andrés Sautel auf der Bühne bewundern.
Virtuose Bandonéon-Solistin
Zum anderen musikalisch. Unter der Leitung des mehrfach ausgezeichneten argentinisch-italienischen Dirigenten Mariano Chiacchiarini klingen die 20-köpfigen Düsseldorfer Symphoniker, verstärkt um die Pariser Bandonéon-Virtuosin Carmela Delgado und den serbischen Gitarristen Ilija Tošić, als hätten sie den Tango im Blut. Unter der Führung des neuen Direktors Albert Horne sorgt der als Sprechchor wie szenisch stark geforderte Chor der Deutschen Oper am Rhein schließlich für beglückenden Raumklang aus des Proszeniums-Logen.
Die nächsten Aufführungen im Opernhaus Düsseldorf
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Karten unter operamrhein.de oder Tel. 0211 – 8925211.
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Karten unter theater-duisburg.de oder Tel. 0203 – 28362100.