Psychokrimi nach Charlotte Link am WLT und im KuZ
'Am Ende des Schweigens'
Jessica Wahlberg (Anna Döing) ist erstmals Teil einer Gruppe von ursprünglich vier Freunden, die seit vielen Jahren ihre Ferien im Stanbury House in Yorkshire gemeinsam verbringen: die Deutschen Alexander Wahlberg (Marvin Moers), Jessicas Gatte und Historiker, der gerade an seiner Promotionsarbeit schreibende Psychoanalytiker Tim Burkhard (Vincent John) und der jüngst eine eigene Kanzlei eröffnete Rechtsanwalt Leon Roth (Jan-Hendrik Kroll) sind einst hier in Brontë-Country aufs Internat gegangen und suchen in dem idyllisch gelegenen Anwesen Erholung vom Alltag, seit es Patricia Roth (Arikia Orbán), die sie seit Schulzeiten kennen, von ihrem Großvater geerbt hat.
Die Tierärztin Jessica fühlt sich in dieser Runde zunehmend unwohl und unternimmt häufiger längere Spaziergänge in die Natur. Was zum einen daran liegt, dass der sensible Alexander bei Problemen mit seiner 15-jährigen Tochter Ricarda (Lesley-Ann Eisenhardt) immer noch mit seiner „Ex“ Elena telefoniert. Und zum anderen an Ricarda, die fälschlicherweise ihre junge und dazu noch schwangere Stiefmutter für die Scheidung der Eltern verantwortlich macht – und Jessica das täglich spüren lässt.
Sehr fragile Ruhe wird gestört
Die auch aus anderen Gründen sehr fragile Ruhe, bei denen Geldsorgen, psychische Probleme und ein immer noch sehr präsentes Ereignis aus der gemeinsamen Schulzeit eine Rolle spielen, wird in diesem Jahr zusätzlich durch einen seltsamen, ziemlich heruntergekommen erscheinenden Fremden gestört. Der offenbar nervöse und zunehmend aggressive Mann scheint die Gegend zu erkunden und wird immer wieder in der Nähe des Grundstückes gesehen. Philipp Bowen (Guido Thurk) behauptet, ein Verwandter von Patricia Roth zu sein und als Erbe ein Anrecht auf das Landhaus zu haben.
Als Jessica einige Tage später von einem ihrer langen Spaziergänge zurückkommt, empfängt sie ein bedrohliches Schweigen, das unheilvoll über der ganzen Gegend lastet. Kurz darauf macht sie eine grauenhafte Entdeckung: Die Gastgeberin Patricia liegt vor dem Haus, tot, blutüberströmt. Jemand hat ihr die Kehle durchgeschnitten. Im Haus noch weitere Tote.
Nur drei Überlebende
Es gibt nur drei Überlebende des Massakers, darunter Evelin (Moira Pawellek), Tim Burghards Ehefrau, die traumatisiert im Badezimmer kauert. Aber deren Aussagen bringen keine wirklichen Erkenntnisse. Wer ist in diesen scheinbar so friedlichen Landsitz eingedrungen? Und warum? Philipp Bowen, der Hauptverdächtige, hat zwar kein Alibi, an seiner Kleidung finden sich aber keine Blutspuren…
Die zweistündige Inszenierung Karin Epplers kommt im ersten Teil, der die Personen vorstellt und ihre verzwickten Verbindungen in Vergangenheit und Gegenwart offenlegt, nur schwer in Gang: Was Charlotte Link in ihrem 2003 erschienenen und für den Deutschen Buchpreis nominierten Roman „Am Ende des Schweigens“ in epischer Breite auf 600 Seiten schildern konnte, musste die Regisseurin in ihrer Dramatisierung notgedrungen raffen, sodass der Psychokrimi vor der Pause wie ein Konversationsstück daherkommt. In dem zwei Gäste ihr eindrucksvolles WLT-Debüt geben: Die in Bochum ausgebildete Anna Döing, die neben zahllosen TV-Rollen zuletzt vor allem in Bamberg, aber auch im Rottstr5-Theater gespielt hat, und die zuletzt in Ulm engagierte Moira Pawellek.
Horribler Auftakt
Und das in einer Einheitsbühne im Cinemascope-Format des Ausstatters Philipp Kiefer, dessen mittig situierter Kamin nur zu Beginn ein horribles Ausrufezeichen setzt: Alle Bewohner des Stanbury House sind stets präsent, Drehsessel und Lichtregie (Grün steht für die Natur draußen) zeigen die Szenen-, Stimmungs- und Ortswechsel an. Nach der Pause kann die Inszenierung jedoch enorme Fahrt aufnehmen, denn nun geht es um die Aufklärung einer wahnwitzigen Bluttat durch die Befragung der wenigen Überlebenden durch den eher behäbigen Polizei-Superintendenten Norman (Mike Kühne) und die den Überlebenden zur Seite stehende Polizeipsychologin (Arikia Orbán).
Eines kann verraten werden: Die erste Theateradaption des Romans, weshalb das WLT von einer Uraufführung sprechen kann, ist im zweiten Teil weitaus spannender als u.a. mit Christine Neubauer, Gesine Cukrowski und Martin Feifel prominent besetzte Verfilmung von Erhard Riedlsperger 2006 fürs ZDF. Das Stück steht nach der am Samstag (13.12.2025) minutenlang mit rhythmischem Klatschen des begeisterten Publikums gefeierten Premiere wieder am 21. März 2026 in Castrop-Rauxel auf dem Spielplan (die Vorstellung am 20. Dezember 2025 ist ausverkauft) und ist am Dienstag, 3. Februar 2026 um 19.30 Uhr auch im Kulturzentrum Herne zu sehen.
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- Samstag, 21. März 2026