„Altes Land“ mit Lina Beckmann

Herner Schauspielerin in der ZDF-Mediathek

Die kleine Vera (Emilia Kowalski, l.) erreicht mit ihrer Mutter Hildegard von Kamcke (Birte Schnöink) nach einer abenteuerlichen Flucht über das Eis den zugewiesenen Hof im Alten Land.
Die kleine Vera (Emilia Kowalski, l.) erreicht mit ihrer Mutter Hildegard von Kamcke (Birte Schnöink) nach einer abenteuerlichen Flucht über das Eis den zugewiesenen Hof im Alten Land. Foto: ZDF / Boris Laewen

Die Herner Schauspielerin Lina Beckmann spielt in dem ZDF-Zweiteiler „Altes Land“, Sherry Hormanns Verfilmung des gleichnamigen Roman-Bestsellers Dörte Hansens aus dem Jahr 2015, die konventionelle Obstbäuerin Britta zum Felde. Die Mutter von vier Kindern muss sich mit einem eher mürrischen Gatten Dirk, verkörpert von Bernd Hölscher, herumschlagen, dem der Zug zur Öko-Landwirtschaft arg zusetzt. Als dieser plötzlich nur noch fleischlos essen möchte, protestieren die Kinder und besonders Mutter Britta, die keine Vegetarier werden wollen: „Wir machen alles mit, aber wir essen kein Tofu!“

Im Mittelpunkt der erstmals am 15. und 16. November 2020 ausgestrahlten Literaturadaption, die noch bis zum 13. November 2021 in der ZDF-Mediathek abgerufen werden kann, stehen Vera (Iris Berben), ihre Halbschwester Marlene (Nina Kunzendorf) und deren Tochter Anne (Svenja Liesau). Dabei werden die Lebensläufe zweier nicht miteinander vergleichbarer Generationen durch Parallelität auch optisch auf eine Stufe gestellt: der Ankunft von Veras Mutter Hildegard (Birte Schnöink) 1945 mit der fünfjährigen Vera (Emilia Kowalski) nach der verlustreichen Flucht aus Ostpreußen auf dem Hof folgt nahtlos und in gleicher Kameraperspektive das Erscheinen Annes 2015 mit ihrem vierjährigen Sohn Leon (Maren Dilger) aus dem Hamburger Szeneviertel Ottensen. Hildegard von Kamcke hat Haus und Hof, Mann und Sohn verloren, Anne von Kamcke dagegen nur ihren Gatten, den Krimischriftsteller Christoph (Jacob Matschenz), beim Seitensprung mit seiner Lektorin Carola (Bea Brocks) erwischt.

Die Herner Schauspielerin Lina Beckmann verkörpert in „Altes Land“ die Obstbäuerin Britta zum Felde.
Die Herner Schauspielerin Lina Beckmann verkörpert in „Altes Land“ die Obstbäuerin Britta zum Felde. Foto: Marie Köhler

Der Zweiteiler spielt, wie der Roman, auf mehreren Zeitebenen, die besonders in den ersten neunzig Minuten derart ineinander verwoben sind, dass der Zuschauer zumal bei Zwei- und Dreifachbesetzungen einer Rolle große Schwierigkeiten hat, der auf der Zeitebene wild hin und her springenden Handlung zu folgen. Was das ZDF offenbar auch erkannt hat, flankiert es „Altes Land“ in der Mediathek doch mit einem halben Dutzend Erklär-Videos, von denen mit „Darum geht’s“, „Die Rollen in drei Generationen“ und „Vom Bestseller zum Film“ zumindest drei vorab angeschaut werden sollten.

Ankommen

„Dit Huus is mien un doch nich mien, de no mi kummt nennt ook noch sien“ steht über dem Harmshof in Jork, neben dem Obsthof Moje zentraler Drehort zwischen März und Juni 2019 in der Elbmarsch vor den Toren Hamburgs. Die Spruchweisheit unterm mächtigen Giebel des niedersächsischen Bauernhauses aus dem 17. Jahrhundert nimmt die Handlung der folgenden drei Stunden vorweg: „Das Haus ist mein und doch nicht mein, der nach mir kommt, nennt es auch noch sein“.

Vera Eckhoff (Iris Berben) verarbeitet in ihrer Küche ein Reh, das ihr Nachbar Hinni angefahren hat.
Vera Eckhoff (Iris Berben) verarbeitet in ihrer Küche ein Reh, das ihr Nachbar Hinni angefahren hat. Foto: ZDF / Christine Schroeder

Vera ist fünf Jahre jung, als sie nach einer traumatischen Flucht aus Ostpreußen mit ihrer Mutter Hildegard von Kamcke auf dem Hof der Ostbäuerin Ida Eckhoff (Karoline Eichhorn) im idyllischen Alten Land zwangseingewiesen wird. Als „Polackenkind“ gescholten hat sie es mit der Bäuerin nicht leicht, doch als deren Sohn Karl Eckhoff (Kilian Land) zwei Jahre später mit kaputtem Bein aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrt, könnte sie sich vorstellen, hier heimisch zu werden. Zumal sie sich rasch mit dem Nachbarsjungen Hinni (Marius Ahrendt) anfreundet, dem Sohn der Lührs (Ronald Kukulies und Inga Dietrich). Hildegard von Kamcke aber hat Karl rein aus Versorgungsgründen geheiratet: Nachdem Ida sich aus Gram über die sich zu vornehm für eine Bäuerin dünkende Schwiegertochter auf dem Dachboden aufgeknöpft hat, und Vera zu einer lebensfrohen jungen Frau (Maria Ehrich) herangewachsen ist, kehrt sie im schicken Cabrio eines wohlhabenden Mannes (Robin Sondermann) dem Alten Land den Rücken.

An der Seite ihres Stiefvaters Karl (inzwischen Milan Peschel) wird der Hof zu ihrem Zuhause. Ganz im Gegensatz zum Aussteiger-Ehepaar Burkhard und Eva Weißwerth (Matthias Matschke und Henny Reents), das vor zwei Jahren aus Hamburg zugezogen ist im Glauben, hier eine romantische Vorstellung vom Landleben verwirklichen zu können. Dass das idyllische Bild trügt, weiß niemand besser als die kinderreiche Landwirtsfamilie Britta und Dirk zum Felde (Lina Beckmann und Bernd Hölscher): Sie müssen alles daransetzen, ihre Existenz zu sichern, wenn sie dem neumodischen städtischen Bio-Hype trotzend ihren Vorstellungen eines konventionellen Obstanbaus treu bleiben wollen. Und dann steht plötzlich Veras Nichte Anne von Kamcke mit ihrem vierjährigen Sohn Leon vor der Tür…

Bleiben

Anne lässt sich von Veras schroffer Art nicht aus dem Konzept bringen: Musikalisch begabt hat sie dennoch eine Schreinerlehre absolviert und bringt Vera tatsächlich dazu, „ihren“ Hof von ihrem Ausbilder, Meister Drewe (Stephan Tölle), und seinen Leuten auf Vordermann bringen zu lassen. Anne packt kräftig mit an, was dem zunehmend schwächeren, kränkelnden Karl mächtig imponiert. Hinni Lührs (nun Peter Kurth), zur Überraschung der Zuschauer mit Elisabeth (Katrin Pollitt) verheiratet, die bei einem Fahrradunfall ums Leben kommt, und Vera blicken nun mit gewisser Altersmilde auf die verpassten Gelegenheiten ihrer nur räumlich gemeinsamen Vergangenheit zurück.

„Wir sind jetzt wie die anderen“ hatte sie als kleines Mädchen stolz verkündet, wie sich Vera erinnert – und dafür von Mutter Hildegard eine schallende Ohrfeige kassiert. Die hatte sich zuvor mit Ida Eckhoff solchermaßen handgreiflich auseinandergesetzt – und dann heftig das neu angeschaffte Klavier traktiert, dem eine altes Familien-Erbstück von Schrank hatte weichen müssen. Nun hat Vera sich mit Anne arrangiert, lässt sogar bauliche Veränderungen zu. Als Annes Mutter, ihre Halbschwester Marlene, ihre Hamburger Elbchaussee-Villa verlässt, um im Alten Land in der eigenen Familienvergangenheit zu forschen, brechen alte Wunden wieder auf…

Dörte Hansen, 1964 in Husum geborene promovierte Linguistin, die mit Familie in Steinkirchen im Alten Land lebt, zur Adaption ihres Romans: „Sherry Hormann hat wunderbare Bilder für „Altes Land“ gefunden und großartige Schauspielerinnen und Schauspieler. Ihr Film erzählt eine Geschichte von Einsamkeit, Entwurzelung und Heilung, wie mein Roman. Aber er erzählt sie anders. Im Zentrum des Films stehen drei Frauenschicksale, die einander bedingen und auf ihre Art vom Ankommen und Bleiben erzählen. Die Erzählung ihrer Schicksale im Film ist sehr berührend. Andere Geschichten meines Romans treten dabei zurück und verändern sich, besonders das Porträt des Lebens auf dem Lande, das in meinem Buch einen größeren Raum hat.“

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