Hätte, hätte, Fahrradkette

Kolumne von Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey

Der Lockdown, das Impfen, das Testen und die Fahrradkette.
Der Lockdown, das Impfen, das Testen und die Fahrradkette. Illustrator: Jörg Lippmeyer

Dem, was ich in den Kolumnen der letzten Monate geschrieben habe, ist aus meiner Sicht eigentlich nichts mehr hinzu zu fügen. Als naturwissenschaftlich denkender Mensch bin ich total frustriert.

Die profilierte Virologin und Forscherin Isabella Eckerle sagte jüngst, dass Ende Dezember 2020, Anfang Januar 2021 klar gewesen sei, was für ein Problem mit der Variante B.1.1.7. auf uns zu komme. „Die Zeit, sich da rechtzeitig vor der 3. Welle zu schützen, wurde dann verbummelt. Jetzt klopft die Realität an“ und weiterhin: „Ich habe immer mehr das Gefühl, dass die Eindämmung der Pandemie oder auch nur die objektive Auseinandersetzung mit Daten bei einigen Politikern nie das Ziel war, nur die Frage, wie man das jetzt irgendwie laufen lassen kann, ohne hinterher verantwortlich gemacht zu werden, ... anders kann man sich aktuell vollkommen irrationale Entscheidungen nicht erklären.”

Seit einem Jahr mit halbherzigen Lockdowns sehen wir einen permanenten Wettstreit der Virologen und Epidemiologen einerseits gegen die Wünsche der Wirtschaft und der Cov-Idioten andererseits. Es siegten stets die Letzteren. Immer sagten die Epidemiologen, wie sich das Infektionsgeschehen fortsetzen wird, immer meinten die Interessenvertreter der Wirtschaft, es würde wohl doch nicht so schlimm. Immer folgte die Politik ihnen, und letztlich kam es schlimmer.

Etliche Landesfürsten haben augenscheinlich das Gespür für Mehrheitsmeinungen verloren. Wie sonst ist es zu erklären, dass bekloppte Minderheiten wie die „Querdenker“ und ihre Partei, die AfD, einen so maßgeblichen Einfluss auf die Corona-Politik nehmen konnten. Seit einem Jahr erleben wir, wie Armin Laschet in der für ihn typischen gepressten Stimmlage in stetigem Wechsel unentschlossene Lockdowns und und vorschnelle Lockerungen verkündet. Mit Ausnahme der Cov-Idioten und etlicher Ignoranten aus der Wirtschaft hat ihn und seine Gesinnungskollegen niemand darum gebeten. Im Gegenteil, großen Teilen der Bevölkerung geht vor allem die Planlosigkeit und Inkonsequenz auf die Nerven. Perspektive heißt nicht Lockerung um jeden Preis. Perspektive heißt Berechenbarkeit: Was passiert wenn - und das muss dann auch passieren - wenn es denn sein muss, auch ein kurzer, harter Lockdown. Bernd Ulrich, Kommentator in der „ZEIT“, schreibt: „Anscheinend hat man das Gespür für das Volk verloren und schaut ersatzweise schockstarr auf die Schlagzeilen einer überspannten, schlingernden Boulevardzeitung. Aber die kennt das Volk auch nicht besser, sie denkt nur schlechter darüber.“

Genau wie Finnland, Norwegen, Neuseeland hätte auch Deutschland die Chance gehabt, der dritten Welle zu entgehen. Die Regierungen dieser Länder hatten es verstanden: Ein Lockdown muss hart sein, damit er effektiv und deshalb kurz sein kann. Und er muss bis zur annähernd vollständigen Unterdrückung des Infektionsgeschehens durchgehalten werden. Auf Druck der Wirtschaft hat Deutschland hingegen sich entweder nur zu weitgehend läppischen Maßnahmen, wie dem „Wellenbrecher-Lockdown“ im November 2020 durchringen können oder kurz vor Erreichen des Ziels gekniffen. Nicht die Härte des Lockdowns macht die großen Schäden, vielmehr hat die Dauerschleife zu den immensen wirtschaftlichen und sozialen Schäden geführt.

Natürlich sind die Menschen „lockdownmüde“. Vor allem aber will immer noch die Mehrheit der Bevölkerung entschlossene Maßnahmen gegen die Pandemie. Sie begreifen, mit Gefälligkeitspolitik für die Wirtschaft und eine lautstarke Minderheit ist der Pandemie nicht beizukommen. Und so rauschen die Umfrageergebnisse für Armin Laschet und seine Union dahin, wo sie hingehören: in den Keller. Augenscheinlich hat er immer noch nicht die Grundvoraussetzung für das exponentielle Wachstum der Pandemie begriffen: Mobilität ist der zentrale Indikator für das Infektionsgeschehen. Wenn Menschen unterwegs sind, geht das immer mit mehr Kontakten einher. Wo auch immer jemand hinfährt, er trifft am Ende auf andere Menschen: im Beruf, in der Schule, beim Sport, beim Einkaufen. Laschets Hypothese, man könne mit Lockerungs-Versprechen die Menschen zu mehr Tests veranlassen, auf diese Weise die Infektiösen „abfiltern“ und so das Infektions-Geschehen bremsen, lässt die Epidemiologen sich die Haare raufen. Der Gedanke ist so logisch wie die Behauptung, man könne durch vorherige Beschleunigung den Bremsweg verkürzen.

Diese Aussicht schafft Mobilität und in der Folge lange Schlangen vor den Testzentren. Dort könnten Infektiöse andere anstecken. Die werden frühestens 12 Stunden später positiv getestet. Dann verbreiten sie das Virus aber schon in der Familie. Freilich, das Tübinger Modell ist zunächst einmal verlockend. Aber dort wird seit Wochen zehn mal häufiger getestet als im Bundesdurchschnitt. Dadurch scheint die Inzidenz vielleicht etwas höher, entsprechend niedriger ist jedoch die Dunkelziffer. Und das gesamte Projekt ist wissenschaftlich entwickelt und wird wissenschaftlich evaluiert. Es ist aber ein Experiment, von dem niemand weiß, wie es ausgeht. Wenn jetzt vierzig Kommunen in NRW das nachmachen wollen, bevor die Ergebnisse vorliegen, ist es noch längst nicht dasselbe sondern sträflicher Leichtsinn. Die Wahrscheinlichkeit, dass das „in die Hose geht“, ist riesengroß.

Ja, es ist richtig, wir müssen neben impfen, impfen, impfen auch testen, testen, testen. Aber testen muss man dort, wo das Infektionsgeschehen stattfindet: Vor den Betrieben und den Schulen. Vor allem aber, zweimal Testen in der Woche ist Augenwischerei und an der Grenze zur Lächerlichkeit. Es ist nun mal die Eigenart der Schnelltests, nur die Infektiosität, nicht aber die Infektion an sich nachzuweisen. Steckt sich ein Schüler am Nachmittag an, kann er am nächsten Morgen noch negativ getestet werden, aber schon am Mittag zum Superspreader werden. Gleiches gilt für Arbeitnehmer in Betrieben. Testen muss man täglich! Es muss doch nicht mehr zum abertausendsten Mal betont werden, dass Symptomlosigkeit nicht bedeutet, nicht infektiös zu sein. Statt die Mobilität in verantwortungsloser Weise zu steigern, indem man die Menschen in die Innenstädte lockt, wo sie zunächst in langen Schlangen vor den Testzentren warten, wäre es besser, diese Ressourcen vor den Betrieben, Büros und Schulen zu platzieren.

Ich bin sicher, in wenigen Wochen werden wir wieder sagen: Hätte man Anfang Januar den Lockdown noch einmal richtig verschärft, so wie es die Zero-Covid-Initiative gefordert hatte, könnten wir jetzt schon bei Zehner-Inzidenzen sein. Aber aber die Landesfürsten hatten Angst vor den Wirtschaftsbossen und anderen Minderheiten und führten uns in die dritte Welle, die einen Lockdown mindestens bis zum Mai erfordert und uns sicher bis in den Sommer begleiten wird.

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