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Melanie Streichhahn litt aufgrund der Doppelbelastung von Familie und Job unter einem Burnout.

Serie „Frauen ins Scheinwerferlicht“ über Melanie Streichhahn

'Wir müssen uns vom Perfektionismus lösen'

Was als Serie zum Weltfrauentag begann, geht weiter. halloherne-Redakteurin Julia Blesgen spricht mit verschiedenen Frauen aus den unterschiedlichsten Bereichen. Dabei geht es unter anderem um ihre persönlichen Werdegänge, die Herausforderungen, denen sie sich stellen mussten oder was sie ihrem jüngeren Ich oder anderen jungen Mädchen nun mit auf den Weg geben würden. Alle weiteren Teile der Serie sind auf halloherne zu finden.

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Dieses Mal berichtet Melanie Streichhahn, die mit ihrem Mann Guido das Physioatelier Streichhahn an der Wilhelmstraße führt, wie man die Balance zwischen Unternehmertum und Familie beibehält und warum zu viel Streben nach Perfektionismus krank machen kann.

'Herz des Unternehmens'

Das

Das Physioatelier ist mittlerweile vielen Menschen in Herne ein Begriff. Seit mehr als fünf Jahren machen dort Guido Streichhahn und sein Team ihre Patienten wieder fit und geben ihnen Lebensqualität zurück. Melanie Streichhahn ist die Frau im Hintergrund und – nach Angaben des Teams – das Herz des Unternehmens.

„Ich mache eigentlich alles, von den Löhnen bis zur Buchhaltung und noch ganz viele andere Sachen, die ich gar nicht alle aufzählen kann“, berichtet Melanie Streichhahn lachend im Gespräch mit halloherne.

Ihr und ihrem Mann sind eine freundschaftliche Atmosphäre im Team wichtig, darum werden gerne gemeinsame Bowling-Ausflüge oder Feiern organisiert. „Ich seh' mich selbst gar nicht als die Chefin. Mir ist es wichtig, dass wir alle ein freundschaftliches Verhältnis haben und die Mitarbeiterinnen wissen, dass sie immer zu mir kommen können“, so die 42-Jährige.

'Liebe auf den ersten Blick'

Denn Melanie Streichhahn weiß selbst, wie schwer es sein kann, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen. Kennengelernt hat sie ihren Mann im Alter von 18 Jahren, während eines beruflichen Praktikums in einem Krankenhaus.

„Guido war grade fertig mit seiner Physiotherapeutenausbildung. Er erzählt immer, dass ich zunächst mit dem Rücken zu ihm stand und als ich mich dann umdrehte, sei es um ihn geschehen und es war Liebe auf den ersten Blick“, so die gelernte medizinisch-technische Assistentin strahlend.

Später folgen die Hochzeit und die zwei gemeinsamen Kinder. Melanie Streichhahn bleibt auch als Mutter berufstätig. Mittlerweile arbeitet sie in der Forschung und überwacht außerdem ein Schlaflabor für krebskranke Kinder. Sie will funktionieren, obwohl sie über ihre Belastungsgrenze hinaus geht.

'Ich hatte ein Burnout'

Melanie Streichhahn spricht sehr offen über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

„Ich wollte die perfekte Mutter und Ehefrau sein. Dazu auch noch Beruf, Haushalt und Familie perfekt bewältigen. Ständig bin ich an den Rand meiner Kräfte gekommen. Ich wollte aber auch nicht kürzertreten. Irgendwie herrscht ja auch so ein gesellschaftlicher Druck, dass wir Frauen alles schaffen müssen“, berichtet die Mutter zweier Töchter nachdenklich.

Weiter führt sie aus: „Ich bin dann in den Burnout gerutscht. Ab da ging nichts mehr.“ Nach einer längeren Auszeit kämpft sich Melanie Streichhahn zurück, achtet mehr auf sich. Doch als das Physioatelier startet, gerät sie wieder in den Strudel aus falschem Perfektionismusstreben.

'Heute bin ich sanfter zu mir'

Melanie Streichhahn, vom 'Physioatelier Streichhahn' in ihrem Homeoffice.

„Ich musste lernen, auch mal Dinge abzugeben. Denn wenn es mir nicht gut geht, geht es auch der ganzen Familie nicht gut“, sagt die junge Frau. Heute arbeitet sie meistens von zu Hause aus. Ist da, wenn die Töchter von der Schule kommen. Plaudert mit ihnen über ihren Schultag und steht bei allen Teenager-Problemen mit Rat und Tat zur Seite. Arbeit kann sie delegieren, denn sie weiß, dass sie sich auf das Team des Physioateliers verlassen kann.

„Ich bin nun sanfter zu mir. Ich weiß, dass niemand perfekt ist und dass ich es auch nicht sein muss. Es ist so schlimm, das junge Mädchen heute schon mit diesem Druck aufwachsen, bloß perfekt zu sein und keine Fehler zu machen“, sagt die 42-Jährige.

'Ihr seid genug'

Sie berichtet diesbezüglich auch von einer Situation mit ihrer Praktikantin im Physioatelier. „Wir haben so eine tolle und herzensgute Praktikantin bei uns. Sie hat mir zu meinem Geburtstag eine Karte geschrieben, darin stand unter anderem: Ich bin dankbar, dass ich von dir viel über Arbeit gelernt habe, ohne Angst vor Fehlern zu haben. Dein Motto 'Das ist alles menschlich', wird immer in meinem Herzen bleiben. Das hat mich sehr glücklich, aber auch traurig gemacht. Warum kann so etwas nicht überall selbstverständlich sein, dass man Fehler machen darf?“, fragt die Mutter zweier Töchter.

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Melanie Streichhahn wirkt mittlerweile zufrieden, ausgeglichen und bei sich angekommen. Doch sie weiß auch, wie hart der Weg dahin war. Aus diesem Grund ist es ihr zum Abschluss des Gesprächs wichtig jungen Mädchen und Frauen noch etwas mit auf den Weg zu geben: „Ihr seid genug. Akzeptiert euch so wie ihr seid, denn niemand...wirklich niemand ist perfekt, auch wenn es nach Außen vielleicht so aussieht.“

Samstag, 6. Juli 2024 | Autor: Julia Blesgen