Vom Emeriten zum Eremiten

Eine Kolumne von Hans-Jürgen Jaworski

Hans-Jürgen Jaworski.
Hans-Jürgen Jaworski. Foto: Günter Mottyll

„Einmal zwei, am besten drei Wochen keinen Menschen sehen. Keine Termine und Treffen. Einfach nur Zeit haben zum Malen und zum Lesen. Auch zum Schreiben. Das Essen könnte mir jemand vor die Tür stellen.“ Davon habe ich immer geträumt. Jetzt ist dieser Traum wahr geworden. Seit ungefähr zwei Wochen. Ich bin gewissermaßen mutiert vom Emeriten zum Eremiten. Aber bisher habe ich keinen Pinselstrich zustande gebracht, habe nur zwei nicht zu dicke Schweden-Krimis gelesen. Nicht sehr tiefgründig. Was ich wirklich endlich lesen wollte, steht unberührt im Regal wie seit vielen Jahren. Ich schreibe immer wieder ein wenig…diese Kolumne, mehr nicht, und meistens erst nach einem gewissen seelischen Ruck und mit zig Tassen Kaffee.

Hätte ich, ehrlich gesagt, vorher nie gedacht? Woran mag das liegen?

Zum einen glaube ich, dass nach Zeiten mit vielen Terminen und Verpflichtungen, nach Zeiten mit Hektik und Lärm es einfach dauert, bis man zu sich selbst findet, bis man bei sich selbst angekommen ist. Es kostet wohl auch Kraft, sein 'Nachaußengekehrtsein' zu überwinden. Im Kopf ist das klar; aber der Weg eine Etage tiefer, also vom Kopf ins Herz ist oft der längste im Leben.

Zum andern ist mein Rückzug nicht ganz freiwillig geschehen, sondern mit einem gewissen Druck von „oben“ und durch die unangenehme Tatsache, dass draußen vor der Tür dieser unsichtbare Feind mit dem schönen Namen lauert. Und da regt sich erst einmal Widerstand, auch bei besserer Einsicht. Und zuerst habe ich mich gefragt, ob die verordneten Einschränkungen meiner Grundrechte überhaupt rechtens seien (Mittlerweile hat es zu diesem Fragenkomplex genügend Informationen gegeben).

Als Theologe weiß ich natürlich, dass solch ein Rückzug, ein Innehalten und Stillwerden von Zeit zu Zeit äußerst hilfreich und segensreich sein kann - auch unter ungewöhnlichen Umständen. Entflechtung und Entschleunigung sind immer wieder nötig, damit wir nicht Quantität mit Qualität, 'Angefülltsein' mit 'Erfülltsein' verwechseln, auch dass wir uns darüber im Klaren werden, wer und was uns im Alltag bestimmt und steuert, was wir wirklich im Leben brauchen und ob wir so frei sind, wie wir beständig behaupten.

Deshalb gilt es jetzt, das Beste aus der Situation der vielen Einschränkungen herauszuholen, was für mich bei allen inneren Schwierigkeiten garantiert einfacher ist als für jemanden, der mit drei kleinen Kindern in vier Zimmern ohne Garten zurechtkommen muss. Ich gebe es ja zu. Dieses Gedicht eines verstorbenen Freundes hat mir in diesen Tagen der Abschottung ein wenig auf die Sprünge geholfen.

Bilanz

Wir brauchen nicht viel / viel weniger, als wir meinen. / Öffentliche Eitelkeiten haben uns maßlos gemacht - / und neidisch. // Wir haben übergenug, / viel mehr, als wir sehen. / Blendende Farben / haben uns blind gemacht- / und matt. // Was wir wirklich brauchen / zum Leben und zum Sterben / ist immer kostenlos: / Liebe, Gnade, Gelassenheit - / und Dank. (Joannes Hansen in: Ein Haus, in dem ich wohnen darf)

Quelle: