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Der italienische Bariton Massimo Cavalletti mit einem überzeugenden Rollendebüt als Macbeth. Foto:

Umjubelter Einstand für GMD Andrea Sanguineti

Verdis „Macbeth“ in Essen

Kein Déjà-vu, aber schon eine bemerkenswerte Duplizität der Ereignisse: Beinahe exakt vor zehn Jahren, am 19. Oktober 2013, begann die Intendanz von Hein Mulders am Essener Aalto-Theater in der Nachfolge von 16 Jahren Stefan Soltesz als Intendant und Generalmusikdirektor mit Giuseppe Verdis „Macbeth“ in der Florentiner Erstfassung von 1847.

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Der Einstand von GMD Tomáš Netopil am Pult ließ damals ebenso aufhorchen wie das doppelte Essen-Debüt des deutsch-französischen Regisseurs David Hermann und seines österreichischen Ausstatters Christof Hetzer: sehr differenzierte, weiche Töne, vergleichsweise ruhige Tempi, feine Schattierungen zu einer gebändigten, beinahe impressionistischen Inszenierung ohne jedes Shakespearsche Grauen – und ohne die nur akustisch wahrnehmbaren Hexen.

Ausgehend von den tragischen Ereignissen des Jahres 1840, in dem Verdi erst den Sohn, dann die Tochter und schließlich auch die junge Gattin verlor, lag der Fokus dieses psychologischen Kammerspiels, dem Wolfgang Engels Schauspiel-Inszenierung am Grillo-Theater vorausgegangen war, auf der Kinderlosigkeit von Macbeth und der Lady. Was immer wieder erstaunt: Nur wenige Jahre später hat Verdi eine tragische persönliche Situation wie den bestialisch-blutigen Stoff Shakespeares geradezu konterkarierend-unbeschwerte, bisweilen gar heitere Musik komponiert.

Das neue Essener Ensemblemitglied Astrik Khanamiryan debütiert in der Partie der Lady Macbeth, mit im Bild die Tänzerin Anna Maria Papaiacovou.

Am 3. September 2023 begann die neue Spielzeit am Aalto mit der ersten von Intendantin Dr. Merle Fahrholz geplanten Neuproduktion – Verdis meisterhafter Choroper „Macbeth“, nun in der Pariser Zweitfassung von 1865 mit dem verklärenden Siegeschor-Finale und den Ballett-Musiken. Seinen völlig zu Recht umjubelten Einstand gab der neue Generalmusikdirektor Andrea Sanguineti am Pult der auch diesmal sehr zurückgenommenen, fein differenzierenden Essener Philharmoniker.

In Shakespeares nach 1603 entstandener „Tragedy of Macbeth“ und Verdis Melodramma in vier Akten prophezeien drei Hexen dem von einer siegreichen Schlacht zurückkehrenden Macbeth (Massimo Cavalletti) den schottischen Thron und seinem Mitstreiter Banquo (Sebastian Pilgrim) eine kaum weniger ruhmreiche Zukunft: Er werde zwar kein König, aber Vater von Königen.

Die ehrgeizige Lady Macbeth (Astrik Khanamiryan) drängt ihren zunehmend von Erscheinungen und düsteren Vorahnungen geplagten Gatten zum Mord an König Duncan. Nach der Bluttat kann dessen Sohn Malcolm (George Vîrban) jedoch entkommen. Wie auch Banquos Sohn Fleance, nachdem sein Vater das nächste Opfer der machtgierigen Lady geworden ist. Das neue Königspaar fühlt sich nach weiteren Prophezeiungen der Hexen erst sicher, wenn auch Fleance und Macduff (Alejandro Del Angel) ihr Leben gelassen haben…

Für ihre erste, mit stimmigen Bildmetaphern (Ascheregen bei der Ermordung König Duncans, amorphe Volksmasse, die wie Lemminge in den Tod springt) aufgeladene Arbeit am Aalto Musiktheater kassierte die junge Regisseurin Emily Hehl am Premierenabend ein heftiges „Buh“-Gewitter. Dabei ist ihr Ansatz, nach dem Umgang des mörderischen Duos mit ihrer Schuld und der daraus resultierenden Angst („Jedes Geräusch schreckt mich“) als handlungstreibender Kraft zu fragen, nicht von der Hand zu weisen. Doch scheitert das Vorhaben eines Gesamtkunstwerks aus Musik, Szene und Tanz nicht zuletzt an den rein additiven Choreografien der jungen Italienerinnen Agata und Teodora Castellucci des 2007 gegründeten Tanz- und Performance-Kollektivs Dewey Dell: der Einsatz von drei Opernstudio-Mitgliedern als Erscheinungen und drei Tänzerinnen des Aalto-Balletts zieht den Abend auf drei Stunden.

Brot und Spiele, Baden im Schlamm der Mächtigen: Frank Philipp Schlößmanns Bühne rekurriert auf die schottische Landschaft, ähnelt Christof Hetzers verwelktem Laub, verliert freilich ohne dessen spektakulärstes Requisit, den entwurzelten, verkohlten Baum. Dafür setzen jetzt großformatige Gemälde im Stil von Lovis Corinth und Francis Bacon nicht nur farbliche Akzente, während Emma Hoffmanns gleichförmige (Chor-) Kostüme eher an Klosterbrüder und -schwestern erinnern.

Was die musikalische Seite betrifft, gibt’s auch zu Beginn der neuen Saison in Essen absolut nichts zu meckern. Als prominenter Gastsolist für die Titelpartie konnte der italienische Bariton Massimo Cavaletti gewonnen werden, der regelmäßig an der Metropolitan Opera New York, der Mailänder Scala und dem Opernhaus Zürich auftritt: ein überzeugendes Rollendebüt als Teamplayer.

In weiteren Partien lernt das Publikum auch zwei neue Ensemblemitglieder kennen – und schätzen. So die armenische Sopranistin Astrik Khanamiryan als so elegante wie wollüstige Lady Macbeth, die ebenfalls mit dieser Partie debütiert hat und im Laufe der Spielzeit noch als Tosca, Aida und Giorgetta zu erleben sein wird. Und den stimmgewaltigen, im Lippischen geborenen Bass Sebastian Pilgrim als Banquo. Der Wagner-Sänger übernimmt im Frühjahr 2024 auch die Partien des Königs Marke in „Tristan und Isolde“ sowie des Doktors in Bergs „Wozzeck“.

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Die weiteren „Macbeth“-Vorstellungen in dieser Spielzeit: 16. (19 Uhr), 20. (19:30 Uhr) und 29. September 2023 (19.30 Uhr); 21. (18 Uhr) und 27. Oktober 2023 (19.30 Uhr); 5. (18 Uhr), 12. (16.30 Uhr) und 16. November 2023 (19.30 Uhr) sowie am 14. Dezember 2023 (19:30 Uhr). Blaue Stunde am 18. September 2023 (19:30 Uhr), Nachgespräch am 21. Oktober 2023 im Anschluss an die Vorstellung in der Aalto-Cafeteria.Karten online unter theater-essen.de und unter Tel. 0201 81 22-200.

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  • Samstag, 16. September 2023, um 19 Uhr
  • Montag, 18. September 2023, um 19:30 Uhr
  • Mittwoch, 20. September 2023, um 19:30 Uhr
  • Freitag, 29. September 2023, um 19:30 Uhr
  • Samstag, 21. Oktober 2023
| Autor: Pitt Herrmann