Unvorhersehbarer Seuchen-Tsunami

Eine Kolumne von Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey

Politiker-Grillen in Corona-Zeiten.
Politiker-Grillen in Corona-Zeiten. Illustrator: Jörg Lippmeyer

Wenn ich im WDR-Fernsehen die „Aktuelle Stunde“ schaue, bin ich manchmal ziemlich genervt, wenn dort Politiker in Sachen Corona „gegrillt“ werden. So nahm man sich vor ein paar Tagen den Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann gehörig zur Brust, weil er es nicht schaffe, Schutzkleidung in ausreichender Menge für jede entsprechend bedürftige Institution in ausreichender Menge zu beschaffen. Ich bin, denke ich, nicht besonders verdächtig, gerade diesen Minister besonders wertzuschätzen. So neigt er in normalen coronafreien Zeiten (wie viele seiner Ressortkollegen auch) zu viel publikumswirksamem Aktionismus ohne wirklichen Effekt. Ihm allerdings vorzuhalten, dass er es nicht schaffe, in dieser globalen Konkurrenzlage zum Beispiel den Italienern, Franzosen oder Spaniern die auch bei denen dringend benötigten FFP2-Schutzmasken wegzuschnappen, finde ich schon ziemlich daneben.

Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey.
Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey. Foto: Wolfgang Quickels

Diese Seuche, das muss einfach klar gesagt werden, konnte vor vier Monaten noch keiner auf der ganzen Erde erahnen. Alle wurden davon kalt erwischt und die Lernkurve aller relevanten Personen aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik war ähnlich steil wie die Ausbreitung des Virus. Als ich Ende Januar dazu riet, „den Corona-Ball flach zu halten“, habe ich mich aus heutiger Sicht böse verschätzt. Jetzt sehen wir, es handelt sich um eine weltweite Jahrhundertseuche und es ist noch lange nicht ausgemacht, dass sie weniger katastrophal verläuft als die aus den USA exportierte „spanische Grippe“ vor ziemlich genau 100 Jahren.

Wenn wir sehr viel Glück haben, werden nationale und internationale wissenschaftliche Kapazitäten es schaffen, der Politik so intelligente Entscheidungs-Grundlagen zu liefern, dass daraus ethisch vertretbare Entscheidungen abgeleitet werden können. Dieses ist die Zeit der Wissenschaft, nicht nur der Naturwissenschaft, auch Philosophie, Wirtschafts-, Sozial- und Rechtswissenschaft, sogar Theologie sind gefordert. Denn schon gibt es die Gruppe derer, die das „Wasser nicht halten können“ und den raschen Ausstieg aus den Restriktionen fordern, ohne dass sie eine auch nur ansatzweise Vorstellung davon haben, wie das geschehen kann, ohne den Kollaps des Gesundheitswesens in Kauf zu nehmen. Gerade hat der Bonner Virologe Hendrik Streeck begonnen, die Ausbreitung und Durchseuchung von Covid-19 im Kreis Heinsberg zu erforschen. Diese Region ist dafür extrem gut geeignet. Sie ist von überschaubarer Größe, die initiale Einschleppung des Virus ist bekannt und es wurden schon früh Quarantäne-Zonen ausgewiesen. Dadurch sind Infektionsketten wesentlich besser nachvollziehbar als in anderen Regionen. Es ist zu hoffen, dass die Ergebnisse dieser Studie in 2-3 Wochen der Politik wesentliche Hilfen bei den zweifellos notwendigen Überlegungen zu einem schrittweisen Zurücknehmen der Restriktionen leisten.

Wenn die Verdopplungszeit der Infektionen sich auf 12 Tage verlängert, heißt das zwar, dass die gegenwärtigen Maßnahmen Wirkung zeigen. Es heißt aber auch, dass wir in 12 Tagen circa 160.000 aktiv Infizierte haben, bei einer völlig unkalkulierbaren Dunkelziffer. In einer derartigen Situation wieder von der Bremse zu gehen, würde dazu führen, dass uns innerhalb weniger Wochen die Katastrophe erschlagen würde.

Mich machen diese nassforschen Jungspunde vom Typ Christian Lindner wütend. Da plustern sie sich auf und verkünden mit dem Ausdruck größter Wichtigkeit Forderungen, deren Folgen sie mit einer Verantwortungslosigkeit ignorieren, für die mir die Worte fehlen. Ich habe lange auf der Intensivstation gearbeitet. Es ist schon extrem belastend, dort regelmäßig mit der Niederlage beim Kampf um das Leben von Menschen umgehen zu müssen. Bei dem Gedanken, einem Menschen das Beatmungsgerät zu entziehen und ihn so dem sicheren Tod auszuliefern, weil ein anderer nach irgendwelchen Auswahlkriterien als lebenswerter einzuordnen wäre, packt mich das schiere Grauen. Aber vielleicht würden Politiker des genannten Typs bei einer solchen Maßnahme ja keinen nennenswerten Juckreiz verspüren.

Aktuell bin ich froh, dass die Politiker, die derzeit Verantwortung tragen, durchweg auch eine beruhigende Besonnenheit an den Tag legen. Sie scheinen begriffen zu haben, dass es sich bei Covid-19 um eine globale und epochale Katastrophe handelt, die in 3 Wochen noch längst nicht besiegt ist.

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