Träumen von Timbuktu

'Ruhrpottkind' ist für Literaturpreis nominiert

Sarah Meyer-Dietrich.
Sarah Meyer-Dietrich. Foto: Verlag Henselowsky Boschmann

Ein mitreißender Roman über das Leben, das manchmal so verdammt wehtut, dass man es nur mit genügend Witz aushalten kann: Sarah Meyer-Dietrichs Roman „Ruhrpottkind“ ist für den Literaturpreis Ruhr 2020 nominiert. Witzig und flott geschrieben wird das Leben von Jenni und ihrer kleinen Schwester Jana im Ruhrgebiet Ende der 1980er Jahre erzählt. Zwei Kindheiten zwischen Alf und Commodore 64 in Gelsenkirchen-Horst. So oder ähnlich hätte es sich auch in Herne-Baukau und Wattenscheid-Leithe abspielen können.

Auf dem Cover: Ein Ruhrpottkind sucht seinen Weg.
Auf dem Cover: Ein Ruhrpottkind sucht seinen Weg. Foto: Verlag Henselowsky Boschmann

Auch damals hat es schon Ein-Eltern-Familien gegeben: Die Mutter dauernd überfordert, der Vater längst von der Bildfläche verschwunden, aber zum Glück gibt es noch Oma. Und zur Not kann Jenni verschwinden: mit Donald Duck nach Timbuktu oder mit Huckleberry Hawke im Airwolf in die Wüste. Dann ist da noch Jennis unvergleichlich lakonische Art, dem Leben zu begegnen, um ihren Weg in diese Welt zu suchen und zu finden.

Mit viel Einfühlungsvermögen und einer regen Phantasie schildert die schon 2014 mit dem Förderpreis des Literaturpreises Ruhr ausgezeichnete 40-jährige Meyer-Dietrich die kleinen und großen Abenteuer ihrer Romanheldin Jenni und deren Schwester Jana im Familien- und Schulleben. Jenni als Ich-Erzählerin berichtet immer wieder von ihren implosiven Wutattacken, die sie manchmal auch handgreiflich werden lassen und von denen ihr Lehrer Herr Pfeifer rät, diese in den Griff zu bekommen. Träumen von Timbuktu ist angesagt, wenn mal wieder alles zu arg war.

Sarah Meyer-Dietrich bei einer Lesung während der „Langen Nacht der Bibliotheken“ in Bochum.
Sarah Meyer-Dietrich bei einer Lesung während der „Langen Nacht der Bibliotheken“ in Bochum. Foto: Renate Rohkemper

Die Protagonistin, ein wahres Kunststück der Autorin, hinterfragt Redensarten und -wendungen ihrer Heimat und klopft sie reflektierend auf ihre Sprichwörtlichkeit hin ab. Ein Beispiel: Der Feststellung ihrer Oma, „Damit kann man keinen Blumentopf gewinnen“, entgegnet sie mit der Frage: „Was sollen wir auch mit einem Blumentopf?“. Ein weiteres Beispiel: Der Phrase „Die Beine in die Hand nehmen“ setzt Jenni ein rationales „Wie soll man mit den Beinen in der Hand überhaupt laufen?“ entgegen.

Sarah Meyer-Dietrich ist studierte und promovierte Wirtschaftswissenschaftlerin. Die Tochter der Gelsenkirchener Schriftstellerin Inge Meyer-Dietrich kam als Kleinkind ins Ruhrgebiet, wo sie heute noch lebt und seit 2016 als freie Schriftstellerin arbeitet. Ihr zweiter Roman, für den sie jetzt beim Literaturpreis Ruhr nominiert ist, erschien wie ihr Erstling „Immer muss man mit Tagesbrüchen und Stellwerksbränden rechnen“ beim Bottroper Verlag Henselowsky Boschmann.

Der Band (ISBN 978-3-942094-73-3) ist im Buchhandel erhältlich und kostet 9,90 Euro.

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