'Cotton Queen' beim Afrikanischen Filmfest
Suzannah Mirghani und Mihad Murtada zu Gast
Die 15-jährige Nafisa (Mihad Murtada) lebt in einem traditionellen Baumwolldorf im Sudan. „Nur böse Mädchen gehen zum Fluss“: In der archaischen Nil-Landschaft ist sie wie alle anderen Kinder und Jugendlichen mit den märchenhaften Geschichten ihrer Großmutter Al-Sit (Rabha Mohamed Mahmoud) aufgewachsen, die ihrer Enkelin verbietet, mit den anderen Mädchen im Fluss baden zu gehen. Al-Sit gilt als Heldin, soll sie doch im Alter ihrer Enkelin heute den General Allison (Rodney Sharkey) der britischen Besatzungstruppen in seinem Bett erschlagen haben.
Jetzt in den Sommerferien hilft Nafisa zusammen mit ihren Freundinnen bei der Baumwollernte. Die Mädchen und jungen Frauen singen während der monotonen Arbeit unter sengender Sonne, Schatten gibt es nur zur Trinkpause unter einem Baum. Dann sprechen sie über ihre Träume von reichen Liebhabern und Schönheits-Tipps aus den Social-Media-Kanälen, die sie für bare Münze nehmen wie das Herunterwürgen von Watte zum Abnehmen.
Zum ersten Mal verliebt
Nafisa ist zum ersten Mal verliebt – in Babiker (Talaat Fareed), einen sehr zurückhaltenden Jungen aus dem Dorf. Der bei ihren Freundinnen nicht gut angeschrieben ist, weil er aus keiner reichen Familie stammt und auch nach Feierabend nach Zwiebeln riecht, die sein Vater anbaut. An eine Heirat ist also nicht zu denken – und diesbezüglich hat wahrscheinlich ohnehin die Großmutter das letzte Wort.
Denn Al-Sit, die geachtete Matriarchin, hält nicht zuletzt als Medizinfrau, die Heilmittel anrührt und die Ernte segnet, sämtliche Fäden des Dorfs fest in ihren Händen. Sie gibt ihr seit Generationen tradiertes Wissen an Nafisa weiter.
Die Ankunft von Nadir (Hassan Kassala), einem jungen sudanstämmigen Geschäftsmann aus dem Ausland, droht, das Leben des Dorfs zu erschüttern: Aus London kommend bezieht der zunächst westlich-elegant gekleidete, alle Aufmerksamkeit der jungen Mädchen auf sich ziehende „Herr“ ein seit Jahrzehnten verwaistes hochherrschaftliches „Geisterhaus“ aus der Kolonialzeit. Er will durch den Einsatz von Maschinen, neuen Technologien mit genetisch verändertem Saatgut und großen Entwicklungsplänen den herkömmlichen Baumwollanbau revolutionieren.
Zwischen Tradition und Moderne
Während Nafisas Vater Bilal (Mohamed Musa) dem Neuankömmling hilft, sich in der ihm völlig fremden Umgebung zurechtzufinden, wittert ihre Mutter Aisha (Haram Bisheer) die Chance, ihre Tochter mit Nadir zu verheiraten und so den Wohlstand der Familie zu vergrößern. Weshalb sie in Konkurrenz zu anderen Müttern mit Töchtern im heiratsfähigen Alter dem nun in sudanesischer Tracht gewandeten Investor, der sich inzwischen einen betressten Butler zugelegt hat, das Essen zubereitet.
Hin- und hergerissen zwischen den Forderungen ihrer Familie, ihrer aufkeimenden Liebe zu Babiker und ihrem Wunsch nach Unabhängigkeit muss Nafisa ihren eigenen Weg zwischen Tradition und Moderne finden.
Autobiographischer Bezug
Regisseurin Suzannah Mirghani, Tochter eines sudanesischen Vaters und einer russischen Mutter, im jip-Presseheft: „Die politische und wirtschaftliche Krise zwang meine Familie zur Auswanderung, als ich Teenager war. Diese Erfahrung prägt meine Arbeit. Al-Sit basiert auf meiner eigenen Großmutter, der zentralen Autorität unserer Familie. Der Film fragt, wie sich weibliche Macht im Laufe eines Lebens verschiebt: vom machtlosen jungen Mädchen zur entscheidenden Instanz im Alter, und wie ein Mädchen seinen eigenen Weg zwischen alten und neuen Lebensformen finden kann.“
Gewalttätiger Weg
„Ich bestimme über meine Zukunft“: Nafisas Weg, soviel muss verraten werden, weil er aus meiner Sicht nicht zum gewünschten Ziel führen kann, ist ein gewalttätiger. „Cotton Queen“, der Titel bezieht sich auf eine Misswahl unter jungen Baumwollpflückerinnen während der britischen Kolonialzeit, wirft in der episodischen Szene eines Puppenspiels ein kurzes Schlaglicht auf mittelalterliche patriarchale Traditionen wie die weibliche Beschneidung, die auch durch die kurze Phase der Zivilregierung Sudans zwischen 2019 und dem Militärputsch im Oktober 2021 nicht unterbunden werden konnten.
Der erste Spielfilm der sudanesisch-russischen Filmemacherin Suzannah Mirghani, stellvertretende Direktorin für Publikationen am Zentrum für internationale und regionale Studien (CIRS) der Georgetown University in Katar, erhielt 2022 den Arte Kino Award bei L’Atelier de la Cinéfondation in Cannes. Gedreht vom 24. September bis zum 27. Oktober 2024 in Kairo und Umgebung ist der 93-minütige Film am 27. August 2025 in der Reihe Settimana della critica auf den Int. Filmfestpielen Venedig uraufgeführt worden.
Im gleichen Jahr gabs die Auszeichnung „Bester Spielfilm“ beim Int. Filmfestival Thessaloniki, den Publikumspreis beim Doha Filmfestival sowie den Preis als „Bester Debütfilm“ beim Carthage Filmfestival. Nach der Deutschen Erstaufführung am 29. September 2025 beim Filmfest Hamburg kommt „Cotton Queen“ am Donnerstag, 23. April 2026 in die Kinos, bei uns zu sehen in der Galerie Cinema Essen und im Metropol Düsseldorf. Die Regisseurin Suzannah Mirghani und ihre Protagonistin Mihad Murtada sind beim Afrikanischen Filmfest Köln zu Gast am Freitag, 24. April 2026, um 18.30 Uhr im Rex am Ring.
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- Donnerstag, 23. April 2026
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- Freitag, 24. April 2026, um 18:30 Uhr