„In meinem Herzen sind Frieden und Ruhe“
Stolpersteinverlegung für das Ehepaar Gotthold
„Ich möchte Sie herzlich bitten (…) mich für meine Frau Helene Gotthold die Todesstrafe erleiden zu lassen, damit meinen armen Kindern die Mutter erhalten bleibt.“ Diese Worte schrieb Friedrich Gotthold am 12. August 1944. Eine berührende Bitte an den NS-Oberreichsanwalt, die auf taube Ohren stieß. Die Hernerin Helene Gotthold wurde ungeachtet der flehentlichen Bitte ihres Ehemannes am 8. Dezember 1944 in Plötzensee wegen ihrer Glaubensüberzeugung als Zeugen Jehovas hingerichtet.
Rund 260 Interessierte kamen jetzt zu der Stolpersteinverlegung für das Ehepaar Gotthold am ehemaligen Wohnhaus Düngelstraße 58 am Montag (23.2.2026). Oberbürgermeister Dr. Frank Dudda betonte, wieviel Mut Jehovas Zeugen auch in Herne aufgebracht hätten, sich dem totalitären Regime durch ihre Haltung entgegenzustellen. „Sie weigerten sich, Unmenschlichkeit als Recht anzuerkennen“, führte er aus. Besonderes Augenmerk legte er auf die konspirative Aktion 1937, als auch in Herne heimlich Flugblätter verteilt wurden, die über den verbrecherischen Charakter des NS-Regimes aufklärten. „Daran sollte man denken, wenn wir heute hier durch die Straßen gehen.“ Jehovas Zeugen verweigerten sowohl den Hitler-Gruß als auch jegliche Unterstützung des Kriegsdienstes. Sie lehnten Rassismus und Antisemitismus ab, da dies mit ihrem christlichen Glauben nicht vereinbar war. Dadurch war die Religionsgemeinschaft, obwohl zahlenmäßig klein, schnell Ziel der Verfolgungsmaschinerie. Viele Gläubige erlitten Repressalien, 4200 litten in den Konzentrationslagern – wo sie mit einem lila Winkel stigmatisiert wurden – viele starben durch Misshandlung oder Hinrichtung.
Helene Gotthold wurde denunziert: Sie hatte sich am erwähnten Verteilen der Aufklärungsschrift beteiligt und kam in Haft. Wegen der groben Misshandlungen verlor sie ihr drittes Kind, mit dem sie schwanger war. Auch ihr Mann wurde mehrfach verhaftet und bei einem Bombenangriff, während er im Essener Gefängnis einsaß, schwer verletzt.
Die Enkelin und zwei Urenkelinnen der Gottholds waren zu der Stolpersteinverlegung aus Süddeutschland angereist und erzählten die Verfolgungsgeschichte ihrer Familie. Auch Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Eickel und der Quinoa-Schule beteiligten sich am Programm: sie lasen Teile der Kassiber – so heißt die heimliche Gefängnispost – von Helene Gotthold. „Meine Großmutter hat über ihren Tod hinaus mein Leben geprägt“, führte Gottholds Enkelin Jutta Bohne aus, die sich sehr gerührt über die große Resonanz des Verlegungs-Termins zeigte. Durch das Beispiel hätte sie gelernt, dass es im Leben nach einem Bibelwort darauf ankäme, „Gott mehr zu gehorchen als Menschen“. Der Glaube ließ Kinder und Nachfahren nicht verbittern, die letzten Zeilen Helenes an ihre Kinder machten Mut und sprechen von Hoffnung. Schon wochenlang an Händen und Füßen mit Ketten gefesselt schreibt sie am Morgen des Hinrichtungstages: „In meinem Herzen sind Frieden und Ruhe“ - und endet mit dem hoffnungsvollen Gruß: „Auf Wiedersehen!“