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Mit Rose (Sandra Hüller) überlebt eine Frau den Dreißigjährigen Krieg als Soldat, aber nicht die dörfliche Gemeinschaft in Friedenszeiten.

Caro Braun überzeugt in 'Rose'

Silberner Bär für Sandra Hüller

„Es geschah also in jenen Tagen des ersten großen Krieges, der das Land Jahrzehnte lang erschüttern sollte, dass Rose beschloss, dem Soldatendasein den Rücken zu kehren, und ihre Geschichte so zwar nicht ihren Anfang nahm, aber dennoch eine ernste Wendung“: Die Erzählerin Marisa Growaldt führt aus dem Off zu Bildern von brennenden Schlachtfeldern und in Massengräbern verscharrten Toten, wie wir sie aus dem Ersten Weltkrieg in Erinnerung haben, zurück ins 17. Jahrhundert.

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Der eher schmächtige Fremde (die überragende, bei der Berlinale mit dem Silbernen Bären ausgezeichnete Sandra Hüller), dessen gewaltige Narbe quer durchs Gesicht von seiner harten, eine Dekade währenden Soldatenzeit zeugt, ist in ein abgelegenes protestantisches Dorf gekommen, um sein Erbe anzutreten, das sich als abrissreife Hütte ohne Dach herausstellt. Doch mit Hilfe der zunächst misstrauischen, durch ein amtliches Dokument beruhigten Gemeinschaft, denen sie hilft, einen Bären zu bekämpfen, gelingt es Rose binnen eines Jahres, sich als vollwertiger, also fleißiger und gottesfürchtiger Bauer zu etablieren.

Suzanna emanzipiert sich

Suzanne (Caro Braun, l.), die Tochter des Großbauern, emanzipiert sich in der ihr aufgezwungenen Ehe mit Rose (Sandra Hüller).

Weshalb nun erwartet wird, das Rose heiratet, bevor der erwünschten Grundstückserweiterung zugestimmt wird. Und zwar Suzanna (Caro Braun), die älteste Tochter des Großbauern (Godehard Giese), mit der sich Rose stets gut verstanden hat, ihr Lesen und Schreiben beibringt. Die Hochzeit ist kein Problem, aber das Kinderkriegen. „Der Stier, der nicht decken will, den tauscht man aus“ heißt es im Ort. Suzanna, welche die Tradition, aus des Vaters Hand dem Ehemann übergeben zu werden, nicht hinterfragt hat und die auch als kinderlose Gattin andauernden Erniedrigungen mit stoischer Unterwürfigkeit begegnet, könnte sich den jungen Knecht (Maurice Leonhard) als Kindsvater vorstellen. Aber wenn alles gut über die Bühne geht, soll Rose aus ihrem Leben und dem des Dorfes wieder verschwinden.

Kleine Dinge – große Wirkung

„Auch kleine Dinge können eine große Wirkung zeigen. Wie der Flügelschlag eines Schmetterlings oder der Stich einer Biene“ lässt sich Marisa Growaldt aus dem Off vernehmen, als Rose beim Imkern ohnmächtig wird. Ihr wahres Geschlecht lässt sich nun nicht mehr verheimlichen, der Amtmann (Robert Gwisdek) wird gerufen. Seine Anklage lautet auf Sodomie, wobei darunter damals nicht nur die Unzucht mit Tieren, sondern auch die gleichgeschlechtliche Liebe zwischen Männern gemeint ist sowie die Ausübung der Penetration der Frau mit einem Gegenstand, bei Rose mit einem umgeschnallten Penis aus Leder. Als der Richter (Sven-Eric Bechtolf) sein Urteil spricht, ist Rose vergewaltigt worden und schwanger: „Bis hierhin bin ich gekommen. Ich hab‘ getan, was ich kann.“ Wenn sie entbunden hat, wird Rose durch das Schwert hingerichtet…

Langer Nachhall im Kopf

Die in düsteren Schwarz-Weiß-Bildern gehaltene, atmosphärisch ungemein dichte Dorfgeschichte ist ein im Kopf lange nachhallendes Sittengemälde aus scheinbar ferner Zeit, das keiner solitären Biografie folgt, sondern ein Konglomerat einzelner Schicksale darstellt, die sich auf einen Satz komprimieren lassen, den Rose gegen Ende des Films zum Richter sagt: „In der Hose steckt mehr Freiheit.“ Der Kinobesucher erfährt so gut wie gar nichts über die Vorgeschichte der Titelheldin, was dem Film universeller machen soll. Seine Protagonistin geht ihren Weg unbeirrbar bis zum Schluss, ist aber Opfer und Täterin zugleich: „Ich empfinde es sehr stark, dass wir aktuell wieder in einer Zeit leben, in der man nicht ein bisschen mutig sein kann oder ein bisschen aufmerksam. Sondern in der man Haltung zeigen muss. In der das größte gesellschaftliche Verbrechen darin liegt, lethargisch zu sein, ruhiggestellt, still und, leider ja, eingeschüchtert und ängstlich. Deshalb suche ich nach dialektischen Charakteren, an denen ich mich aufrichten kann“, so Markus Schleinzer im Presseheft.

Heimliche Heldin

„Hatten Rose und Suzanna beschlossen, nichts sofort zu entscheiden, war doch bereits alles verändert. Aufrechter gingen sie, freier voreinander, unabhängiger. Und waren sich vielleicht deshalb auch zugewandter. Zum ersten Mal. Dies alles war unerwartet gekommen. Wie es zumeist nur das ausgesprochene Wort mit sich bringen kann“: Im nach „Michael“ (2011) und „Angelo“ (2018) dritten Film des Wiener Regisseur Markus Schleinzer steht Sandra Hüller naturgemäß im Mittelpunkt. An ihrer Seite aber mausert sich Caro Braun zur heimlichen Heldin der Geschichte. Zur Jahrtausendwende in Witten geboren und in Bochum aufgewachsen, wo sie ihre prominente Kollegin mehrfach auf der Bühne bewundern konnte, stand sie im November 2017 auf der Bühne des Prinz-Regent-Theaters als Caligulas Mätresse Caesonia in Albert Camus‘ Drama „Caligula“ in der Inszenierung von Clara Nielebock, die im Jahr darauf zum Theatertreffen der Jugend nach Berlin eingeladen wurde. Der weitere Weg führte sie über das Studium am Salzburger Mozarteum u.a. ins Aachener Theaterensemble und vor Gerald Kerkletz‘ Kamera.

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Der 93-minütige Film, gedreht vom 7. Mai bis 13. Dezember 2024 in Sachsen-Anhalt, ist am 15. Februar 2026 im Wettbewerb der 76. Berlinale uraufgeführt worden, wo Sandra Hüller als „Beste Schauspielerin“ ausgezeichnet wurde. Zum Kinostart am 30. April 2026 bei uns zu sehen in den Lichtspielhäusern Casablanca Bochum, Roxy Dortmund, Schauburg Gelsenkirchen, Filmstudio Glückauf Essen sowie Bambi und Cinema Düsseldorf.

Dienstag, 28. April 2026 | Autor: Pitt Herrmann