Sie stellen sich vor

Foto-Hommage an das Ruhrfestspiel-Publikum

Kurator Andreas Rossmann neben dem einleitenden Foto „Arbeit und Kultur gehören zusammen“ von 1949.
Kurator Andreas Rossmann neben dem einleitenden Foto „Arbeit und Kultur gehören zusammen“ von 1949. Foto: Pitt Herrmann

Interesse, Neugier, Faszination sprechen aus dem „Arbeit und Kultur gehören zusammen“ betitelten Foto aus dem Jahr 1949, das den ersten Teil der Ausstellung „Sie stellen sich vor. Ansichten der Zuschauer“ am Ruhrfestspielhaus Recklinghausen einleitet. Die Arbeiter, noch in voller Berufsmontur und teilweise mit Arbeitsgeräten wie Sauerstoff-Flaschen bestückt, die mit großer Neugierde auf das Plakat der „Ruhr-Festspiele“ blicken, scheinen das Ereignis vor 72 Jahren kaum erwarten zu können.

Kunst für Kohle: Es sind übrigens keine Bergarbeiter, sondern Schweißer, wie Klaus-Dieter Riedel von der Kunsthalle Recklinghausen dem Kurator Andreas Rossmann, langjähriger Kultur-Korrespondent der „Frankfurter Allgemeinen“ aus Nordrhein-Westfalen, verriet. Dennoch sagt dieses Foto eine Menge über die enorme Bedeutung der Institution Ruhrfestspiele, die vor 75 Jahren aus der Taufe gehoben wurde, als Bergleute Kohle für frierende Hamburger Schauspieler aus der Erde holten und diese sich mit einem mehrtägigen Gastspiel im damaligen Städtischen Saalbau am Fuße des „Grünen Hügels“ revanchierten.

Die Fotoausstellung „Sie stellen sich vor. Ansichten der Zuschauer“ zum 75-jährigen Jubiläum der Ruhrfestspiele ist open air auf dem Grünen Hügel zu sehen.
Die Fotoausstellung „Sie stellen sich vor. Ansichten der Zuschauer“ zum 75-jährigen Jubiläum der Ruhrfestspiele ist open air auf dem Grünen Hügel zu sehen. Foto: Pitt Herrmann

Es gibt mehrere tausend Aufführungsfotos von den Ruhrfestspielen, die in 75 Jahresringen die Theatergeschichte seit dem Zweiten Weltkrieg erzählen. Aber im Vergleich dazu nur wenige Bilder von Zuschauern. Wer sind sie? Bergleute, das ist lange her und war schon in den Anfängen eher die Ausnahme. Wie sehen sie aus, und was zeichnet sie aus? Was macht sie besonders, oder sind sie gar nicht besonders? Und wie haben sie sich verändert, ihre Kleidung, Brillen, Frisuren? Und wie ihre Auftritte? Erst im Städtischen Saalbau und später im Festspielhaus, vor der Vorstellung und in der Pause, im Parkett und draußen im Park.

Die für das Foyer des Ruhrfestspielhauses geplante und nun pandemiebedingt draußen unter freiem Himmel von Cordula Körber gestaltete Ausstellung mit siebzig Fotos sollte ursprünglich am 2. Mai 2021 eröffnet werden, was ebenso dem Corona-Virus zum Opfer gefallen ist wie das Kulturvolksfest am 1. Mai und alle Präsenzveranstaltungen bis Ende Mai. Dafür offerieren die Ruhfestspiele in ihrem 75. Jubiläumsjahr attraktive „Gastspiele“ als Stream. Beim Pressetermin am 1. Mai bekundete Kurator Andreas Rossmann, mit der Zusammenstellung nichts beweisen zu wollen. Die Ausstellung habe auch kein Thema, sondern erkläre sich „als eine Art Familienalbum in XXXL“ von selbst.

Erklärungsbedürftig ist freilich, dass es für den Zeitraum zwischen 1972 (erster Teil mit analoger Schwarzweiß-Fotografie) und 2006 (zweiter Teil mit digitaler Farbfotografie) nur eine einzige Aufnahme von Luitgard Nolte aus dem Jahr 1982 gibt: sie zeigt Jugendliche vor einer Reihe von Festspiel-Plakaten. Diese dreißigjährige Dokumentations-Lücke in den einschlägigen Archiven wie dem Institut für Stadtgeschichte Recklinghausen und dem in Bochum beheimateten Haus der Geschichte des Ruhrgebiets bleibt eine Aufgabe künftiger Recherchearbeit - vielleicht fürs nächste runde Festspiel-Jubiläum.

Ein 110seitiger Katalog mit allen Fotografien der noch bis zum 20. Juni 2021 gezeigten Ausstellung und einem klugen Beitrag Andreas Rossmanns über die Ruhrfestspiele und ihr Publikum im (modischen) Wandel der Zeiten ist im Verlag der Kölner Buchhandlung König erschienen und im Handel sowie, wenn Präsenzvorstellungen wieder möglich sind, auch bei den Ruhrfestspielen erhältlich.

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