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Werner Gömer (Uwe Preuss, 5.v.r.) prostet dem Kameramann Carlos Vásquez zu beim großen Festessen zu Ehren der Bodenforscher von der Universität Greifswald – und den Gastgebern Tine (Hannah Ehrlichmann, l.) und ihrem Vater Uwe (Herrmann Beyer, 3.v.r.).

VHS-Filmforum in der Filmwelt

'Rote Sterne überm Feld'

An den vier Ecken des Berliner Reichstagsgebäudes wehen Rote Fahnen. Sind die Russen wieder durchs Brandenburger Tor marschiert? Die in einem Bekennervideo vermummter Gestalten als Kunst-Intervention verkündete Aktion, die es bis in die Tagesschau geschafft hat (mit der in knalliges Rot gewandeten Sprecherin Jule Böwe) wird von den Behörden der Hauptstadt als ein terroristischer Akt eingestuft und entsprechend verfolgt. Weshalb Tine (Hannah Ehrlichmann) in ihr mecklenburgisches Heimatdorf Alt-Meteln abtaucht. Das liegt unweit von Bad Kleinen, einem unscheinbaren Provinzkaff nördlich von Schwerin, das 1993 nach einem GSG9-Einsatz gegen RAF-Terroristen in die Schlagzeilen geriet.

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Apropos Rote Armee Fraktion. Tine wohnt wieder bei ihrem Vater Uwe (Hermann Beyer) im alten, einst zur LPG Glücksstern gehörenden Anwesen, einem unverdrossen die einstige FDJ-Zeitung „Junge Welt“ lesenden Linken („Der Sozialismus wird uns alle überleben“) mit DDR-Fahne im Schuppen. Seit der Wiedervereinigung lebt er allein auf dem großen, von ihm allein nicht mehr zu bewirtschaftenden Hof: Als der damalige LPG-Vorsitzende Willi Stange (Andreas Döhler) mit dem Vorhaben scheiterte, die Genossenschaft in die neue kapitalistische Wirtschaftsordnung zu transformieren, verschwand er spurlos – und mit ihm Tines Mutter Rieke (Jenny Schilly), eine in der DDR untergetauchten RAF-Terroristin.

Frisch gewendeter Genosse

Werner Gömer (Uwe Preuss), frisch gewendeter Genosse, war damals die treibende Kraft hinter dem Ausverkauf des LPG-Vermögens. Er ist nun als Professor für Geologie an der Universität Greifswald mit seinem Doktoranten Mischa (Camill Jammal) und einigen Studenten ins Dorf zurückgekehrt, um im nahelegenen Moor nach Zeugnissen aus vergangenen Jahrhunderten zu suchen. Was sie finden ist eine Moorleiche, die freilich noch so jung ist, um mit Bornstäd (Arnd Klawitter) einen Schnüffler vom Bundesnachrichtendienst anzulocken, den die Regie-Debütantin Laura Laabs als exakte Kopie Ulrich Mühes in „Das Leben der Anderen“ anlegt.

Tine kommt wieder mit ihrer Jugendliebe Martin (Matthi Faust) zusammen, der sich als im Grunde Apolitischer mit völlig abgedrifteten Gleichaltrigen wie dem tumben Neonazi Raik (Gerdy Zint) den Slogan „Frei.Sozial.National“ auf die Schwarzrotgoldene Fahne geschrieben hat. Trifft aber auch auf den politisch wie philosophisch bewanderten Rotschopf Efi (schon wieder Jule Böwe), von der sich schon nach wenigen Worten die umstehenden Dörfler distanzieren, indem sie nicht nur bildlich gesprochen die Seite wechseln und sich hilfesuchend hinter Tine versammeln.

Tine (Hannah Ehrlichmann) hat mit einer Aktivistengruppe Rote Fahnen an den vier Ecken des Berliner Reichstagsgebäudes gehisst und ist nun aufs Land zu ihrem Vater geflüchtet. Dort ist die Zeit zumindest fahnenmäßig noch stehengeblieben.

Die kramt auf dem Dachboden in den Sachen ihrer verschwundenen Mutter und findet Feldpostbriefe aus den 1940er Jahren. Sie stammen von den älteren Brüdern des kurz vor seiner Einberufung zur Wehrmacht ebenfalls spurlos verschwundenen Rudi (Fritz Faust), die beide vor Stalingrad fielen. Die Familie (Jule Böwe und Rainer Reiners als Eltern) lebte damals auch in dem Anwesen der LPG, in dem nur noch ihr Vater Uwe ausharrt.

Gerüchteküche brodelt

Die Gerüchteküche brodelt: Könnte es sich bei der Moorleiche um Willi handeln? Oder um Rudi? Und dann ist da noch der GSG-9-Einsatz im benachbarten Bad Kleinen: Tine sucht die inzwischen betagte Frau Prophet (Ursula Bahr) auf, die damals den Kiosk im Bahnhof betrieben hat und in den ersten polizeilichen Vernehmungen von drei toten Terroristen sprach.

Wer war die dritte Leiche? Interessiert sich deshalb der BND plötzlich für den Cold Case? Tine gräbt aber nicht nur in der Vergangenheit des Ortes, sie hat bereits die nächste als Kunst verbrämte Aktion gegen Windräder geplant. Mit Efi und der Dorfjugend soll ein „Symbol der rechts-grünen Konsensgesellschaft“ gesprengt werden. Da taucht plötzlich Tom (Simon Mantei) auf, ihr Berliner Lover – mit der vom Reichstag geklauten Deutschland-Fahne im Rucksack…

„Rote Sterne überm Feld“, gedreht vom 21. April bis 22. Dezember 2022 in Bad Kleinen und Umgebung, ist Laura Laabs biographisch grundierter Erstling – was die Spurensuche betrifft, nicht die die eigene familiäre Situation. Der Film ist so vielgestaltig wie die darin verwendete Typographie, vermischt die durch Schwarz-Weiß-Sequenzen und divergierende Bildformate kenntlich gemachten Zeitebenen ebenso wie Traum („Rammstein“-Frontmann Till Lindemann als Todesengel) und Wirklichkeit. Und findet bei der epischen Länge von 138 Minuten kein Ende.

Revier-Premiere in Herne

Nach der Uraufführung am 21. Januar 2025 auf dem 46. Filmfestival um den Max Ophüls Preis 2025 wurde der Film mit Preisen überhäuft: In Saarbrücken gabs den Kritikerpreis als Bester Spielfilm, beim 21. achtung berlin Festival gleich vier new berlin film awards in den Kategorien „Bester Spielfilm“, „Bestes Drehbuch“, „Beste Produktion“ und „Beste Kamera“. Bei den Heimat Europa Festspielen in Simmern gabs den Preis der Jugendjury und beim 34. Kinofest Lünen den CinePostproduction Verleihpreis an Farbfilm Berlin.

Zum Kinostart am 6. November 2025 in keinem Kino unserer Region gezeigt, kommt er nun im Rahmen des VHS-Filmforums dreimal in die Filmwelt Herne: Am Sonntag, 8. Februar 2026, um 12.45 Uhr, am Montag, 9. Februar 2026, um 20.15 Uhr sowie am Mittwoch, 11. Februar 2026, um 17.15 Uhr.

Februar
8
HEUTE
Sonntag, 8. Februar 2026, um 12:45 Uhr Filmwelt Herne, Berliner Platz 7 - 9, 44623 Herne
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  • Montag, 9. Februar 2026, um 20:15 Uhr
  • Mittwoch, 11. Februar 2026, um 17:15 Uhr
Donnerstag, 5. Februar 2026 | Autor: Pitt Herrmann