Ritt auf der Rasierklinge

Eine Kolumne von Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey

Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey.
Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey. Foto: Wolfgang Quickels

Ich glaube, es war Mitte Februar als Professor Drosten bei Maybrit Illner sagte, es würde schlimm mit dem Coronavirus. Etwa zu dieser Zeit fingen wir an, eine Ahnung davon zu bekommen, welcher Tsunami da auf uns zurollt. Mittlerweile wurden allein in Europa circa 150.000 an den Folgen der Infektion Verstorbene gemeldet. Bei einer Letalität von ca. 0,4 Prozent müssten demnach circa 40 Millionen Menschen infiziert sein.

Am 23. März 2020 wurde der Lockdown verkündet. Kaum eine Woche später tönten liberale und rechte Schlaumeier bereits, dass man über Lockerungen nachdenken müsse. Hatten sie womöglich angenommen, dieses Szenario wolle man jetzt unverändert das gesamte kommende Jahr, in dem uns das Virus foltern wird, fortsetzen? Keiner der verantwortlichen Politiker hatte nach meinem Eindruck derartiges im Sinn. Nur zu diesem Zeitpunkt hatten wir ein anderes Problem: Zunächst musste die erste große Welle des Tsunami abgewehrt werden. Das ist erreicht, weil die Bevölkerung eine geradezu sensationelle Disziplin zeigt. Die Zahl der Neuinfizierten ist diese Woche im Vergleich zur Vorwoche erneut gesunken und es scheint, als würde sich dieser Trend stabilisieren.

Dass wir jetzt beginnen müssen, uns aus dem Tal wieder heraus zu arbeiten, kann doch niemand ernsthaft bezweifeln. Aber es ist der Beginn und nicht das „Ob“ ist das Problem, sondern das „Wie“, vor allem aber das „Wie schnell“. Das allerdings ist deutlich schwieriger, als eine Ausgangs- oder Kontaktsperre zu verhängen. Es ist vor allem deshalb schwierig, weil es stufenweise erfolgen muss. Dabei leiden alle unter den Maßnahmen und alle hoffen, bald Erleichterung zu erfahren. Wer ist am schlechtesten dran? Wer braucht als erstes Hilfe? Wer muss warten? Von welcher Branche geht ein hohes Risiko aus? Wo sind die Gefahren einer Verbreitung der Seuche eher gering? Was ist wichtiger, Wirtschaft oder Gesundheit, Kindertagesstätten oder Fußball, Lufthansa oder Einzelhandel, Friseure oder Theater, Gastronomie oder Kreuzfahrten?

War das Problem der letzten sechs Wochen vor allem die Bewältigung der Krise, geht jetzt das politische Normalgeschäft wieder los. Das bedeutet, die diversen Interessenvertreter müssen ihre Zielgruppen zufrieden stellen. Da verwundert es nicht, dass die Lobbyisten jedweder Branche und die Populisten jedweder Couleur wieder aus den Sträuchern kommen und ihre Forderungen verkünden, natürlich immer mit dem Anspruch, sie verträten die Wichtigsten und wüssten wie es geht. Natürlich haben sie keinen ihrer Tricks vergessen, mit denen sie die Politik und die öffentliche Meinung seit jeher zu ihrem Vorteil zu beeinflussen versuchen.

Die alles entscheidende Frage bei der Ausbreitung der Infektion ist das Problem der individuell erforderlichen Distanz. Ob und wie diese Abstandsregeln umgesetzt werden können, hängt von der Dichte des Verkehrs der Menschen untereinander ab. Was, wenn die erforderlichen 1,50 m nicht zu gewährleisten sind? Können Masken helfen? Hoffentlich! Leider sind wir erst in 3 Wochen schlauer, natürlich nur dann, wenn jede Lockerungsmaßnahme penibel untersucht wird.

Es kann nach meinem Verständnis überhaupt nicht die Frage sein, dass Universitäten, Schulen und Kindertagesstätten wieder eröffnet werden müssen. Erscheint das Einhalten von Distanzregeln an Schulen und Universitäten zwar kompliziert, aber realisierbar zu sein, ist dies umso schwieriger bis gänzlich unmöglich, je jünger die Kinder in den Einrichtungen sind. Auch ich habe ein 3-jähriges Enkelkind, das unter dem Fehlen sozialer Kontakte zu gleichaltrigen leidet. „Rutsche und Schaukel sind kein Ersatz für Kita-Betreuung und Schulunterricht. Viele Eltern sind am Rande ihrer Kräfte. Homeschooling, Homeoffice und Haushaltsarbeit sind auf Dauer nicht vereinbar. Viele Kinder leiden unter der Isolation und vermissen ihre Freunde“ meint Annalena Baerbock von den Grünen. Das ist so platt wie richtig.

Bis zum Mittwoch, 6. Mai 2020, verlangt Baerbock von der Bundesregierung einen konkreten Fahrplan für die Kinder-Betreuung in Kitas und Schulen. Mittlerweile ist jedoch auch wissenschaftlich erwiesen, dass Kinder sich nicht nur genauso häufig mit SARS-CoV-2 infizieren wie Erwachsene, sie sind auch genauso ansteckend. Man braucht also sehr durchdachte Konzepte, um zu verhindern, dass von diesen Einrichtungen ausgehend erneut Infektionsketten aus dem Ruder laufen. Ob mit sehr niedrigschwelligen Tests Infektionen ausreichend schnell erkannt werden können, ist noch längst nicht erwiesen. Fokale Lockdowns werden unvermeidbar sein und es droht jederzeit der generelle. Bevor man Fristen setzt, braucht man einen Plan. Den allerdings hat auch Frau Baerbock nicht.

„Das Virus ist in unserem Land, es wird noch monatelang in unserem Land bleiben“, sagt Prof. Wieler vom Robert-Koch-Institut. Das ist eigentlich eine Binsenweisheit. Nur bei vielen scheint sie noch nicht wirklich im Bewusstsein angekommen zu sein. Wenn man jetzt in kopfloser Hast dieses „bissige“ Virus „von der Leine lässt“, ist eine zweite und dritte Infektionswelle, von der die Mehrheit der Wissenschaftler sowieso ausgeht, noch eine ziemlich optimistische Erwartung.

Jeder, der jetzt hektisch nach Öffnung verlangt, sollte auch ein Bekenntnis dazu abgeben, wie viele Tote er bereit ist, zu akzeptieren.

Ab jetzt wird es richtig ernst und es bleibt ein monatelanger „Ritt auf der Rasierklinge“.

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