Noch sind wir nicht durch

Eine Dunkhase von Hinckeldey Kolumne

Chancen auf den Jackpot stehen gut: SARS-CoV-2 kann in ca. 30.000 Genen herummutieren.: Insgesamt mehr Mutationsversuche als wöchentliche Lottotipps
Chancen auf den Jackpot stehen gut: SARS-CoV-2 kann in ca. 30.000 Genen herummutieren. Insgesamt mehr Mutationsversuche als wöchentliche Lottotipps Foto: Jörg Lippmeyer

Die Cov-Idioten und Impfgegner frohlocken, Impfpflicht gescheitert und Corona auf dem Rückzug. Zwar haben sie noch keinen Chip von Bill Gates gefunden, eine Weltherrschaft von wem auch immer ist nicht zu erkennen, in den meisten Ländern der EU wird immer noch gewählt und auch die größten Schwachköpfe dürfen ihre Dummheit in Demonstrationen zur Schau tragen. Das sollten sie mal in echten Diktaturen wie Moskau, Minsk, Ankara oder Peking versuchen… Durch die Aufhebung der Pflicht, eine Maske zu tragen, lassen sich zudem die Einfältigen von den Vernünftigen leicht unterscheiden. Aber die Pandemie liegt – augenscheinlich - in ihren letzten Zügen.

Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey.
Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey. Foto: Carola Quickels

Natürlich ist das Auslaufen der Corona-Schutzmaßnahmen nicht der Sieg durchgeknallter, ignoranter Demonstranten. Tatsächlich haben die Impfungen diese phantastische Wirkung entfaltet. Ja, und auch die Omikron-Variante hat ihren Teil dazu beigetragen. In der Tat finden unter Omikron multiple Impfdurchbrüche statt. Zwar werden Geimpfte auch krank, aber eben nur sehr selten wirklich ernsthaft. In den Krankenhäusern finden sich überwiegend Ungeimpfte, obwohl die Zahl der Geimpften und Genesenen, die sich infizieren, um ein Vielfaches höher ist. Für intellektuell minderbemittelte AfD-Abgeordnete im Bundestag, die glauben machen wollen, die Impfung sei völlig wirkungslos, ist das alles natürlich etwas zu kompliziert. Nun ja, sonst säßen sie ja auch nicht für die AfD in den Parlamenten.

Seine tödliche Power scheint das Virus mit Omikron jedoch eingebüßt zu haben, auch eine Explosion der Inzidenzen ist trotz aller Freiheiten bislang nicht zu verzeichnen. So wurde zumindest politisch das – vorläufige – Ende der Pandemie eingeläutet und wir können den Zustand der Endemie ausrufen. Das heißt aber nur, dass die Krankheit in einer bestimmten Gegend zwar relativ häufig auftritt, die Zahl der Infizierten nur moderat nach oben oder unten unduliert, aber nicht mehr exponentiell wächst.

Auch hat sich mittlerweile wohl der größte Teil unserer Bevölkerung auf die eine oder andere Weise biologisch mit dem Virus auseinander gesetzt, sei es durch Impfung, Erkrankung – oft auch beides - oder Tod. Aber eine wissenschaftlich eindeutige Definition des Endes einer Pandemie gibt es nicht. Man sollte es sich vor Augen führen: Am 13.04.2021 wurden 10 000 Neuinfektionen, am selben Tag des Jahres 2022 das 10fache, nämlich über 100 000, registriert. Trotzdem hat sich die Zahl der derjenigen, die infolge einer Covid-19-Infektion versterben – ca. 200/Tag - nicht vermehrt. Das statistische Risiko einer Coronainfektion scheint sich dem der saisonalen Grippe, die unter den Corona-Schutzmaßnahmen fast in der Bedeutungslosigkeit versunken ist, anzunähern. Auch die hat in früheren Jahren etliche Alte und Gebrechliche dahingerafft, auch wenn ich mich nicht an eine ähnlich hohe Zahl an Infektionen wie durch das Coronavirus erinnere.

Die gefühlte Pandemie orientiert sich eben nicht an der tatsächlichen Zahl der Infizierten. Sinkt das Risiko, daran zu sterben, unter eine mehr oder minder bestimmte Grenze, hört man auf, sich zu sorgen und legt die Krankheit unter der Rubrik „allgemeines Lebensrisiko“ ab. So scheinen wir uns derzeit im infektiologischen Niemandsland zwischen medizinischem und sozialen Ende der Pandemie zu befinden.

Aber Gemach, das Virus könnte noch Überraschungen in der Pipeline haben.

Mindestens wird Covid-19 uns wie die Grippe über die nächsten Jahrzehnte begleiten. Vielleicht kann man schon Wetten darauf abschließen, welches Virus den Jahrgang gewinnt, wobei es unterschiedliche Wertungsläufe geben wird: Wer schafft die meisten Infektionen, welche Infektion die meisten Toten, welche lässt das Gesundheitssystem kollabieren. Halten wir das aus, werden wir uns daran gewöhnen?

Und, wird die Entspannung von Dauer sein? SARS-CoV-2 kann in circa 30 000 Genen herummutieren. Im Vergleich zum Lotto 6 aus 49 mit seinen schon circa 14 Millionen Möglichkeiten ergibt das eine unvorstellbar hohe Zahl an Kombinationen. In jedem Infizierten finden zudem täglich vielfach mehr Mutationsversuche statt als wöchentliche Lottotipps in ganz Deutschland. Bei der weltweiten Verbreitung der Pandemie mit Milliarden von Infizierten sind die Chancen auf den Jackpot – extrem infektiös, extrem pathogen und durch keine bisherige Impfung aufzuhalten – gar nicht so schlecht.

Um Omikron zu verdrängen, müsste die neue Variante noch infektiöser sein. Letztlich ist es nur eine Frage der Zeit, wann diese auftauchen wird. Welche Krankheitsverläufe wird diese dann hervorrufen, wird sie auch die Geimpften und Genesenen befallen? Sicher, es bleibt SARS-CoV-2. Es ist also unwahrscheinlich, dass unser Immunsystem wieder bei Null beginnen muss. Aber Vorsicht! Auch die Spanische Grippe traf auf eine Weltbevölkerung, deren Immunsystem die Influenza wohlbekannt war. Trotzdem löste sie die mörderischste Seuche der neueren Geschichtsschreibung aus.

Aber unsere Wissenschaft ist 100 Jahre weiter und hat in dieser Zeit mehr Erkenntnisse gesammelt, als in der gesamten Menschheitsgeschichte zuvor. Während man zur damaligen Zeit von der Existenz von Viren und der Struktur von Genen allenfalls eine vage Ahnung hatte, kann heute jegliches Genom bis auf die einzelnen Basenpaare entziffert werden. Mit diesem Wissen lassen sich exzellente Impfstoffe in erstaunlich kurzer Zeit entwickeln. Und weil damit natürlich auch wahnwitzige Profite zu erwirtschaften sind, wird in die Weiterentwicklung von Impfstoffen auch investiert, was das Zeug hält. SARS-CoV-2 hätte es selbst in einer Super-Omikron-Variante daher auch mit einer viel besseren wissenschaftlichen Abwehrfront zu tun als das H1N1-Virus der spanischen Grippe.

Brauchen wir somit noch eine Impfpflicht? Ich glaube, die Vernünftigen werden sich in Zukunft auch ohne gesetzliche Impfpflicht impfen lassen. Na gut, die Ungeimpften werden aller Wahrscheinlichkeit nach bei den zu erwartenden Neumutanten einen deutlich höheren Blutzoll zu entrichten haben. Aber so ist das eben, man kann nicht jeden, zumal gegen seinen Willen, retten. Aussterben werden die Dummköpfe aber, trotz aller Corona- und sonstiger Viren, dennoch nicht.

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