Neu im Kino: Sunset

Juli Jakob als Iris Leiter in dem Film: Sunset.
Juli Jakob als Iris Leiter in dem Film: Sunset. Foto: MFA Film

Eine junge Frau probt Hüte an. Ausgefallene Modelle, eines schöner als das andere. Sie scheinen die elegant gekleidete Kundin aber nicht als mögliche Kaufobjekte zu interessieren. Das Hutmachergeschäft Leiter ist nicht nur bekannt für seine außergewöhnlichen Kreationen, sondern auch ein Ort großer Träume. Zumindest für besagte junge Frau, die Iris Leiter (Juli Jakob) heißt und 1913 aus Triest kommend an ihren Geburtsort Budapest zurückkehrt ist, um in dem mondänen Geschäft als Hutmacherin anzufangen, dass einst ihren Eltern Leopold und Rose gehörte und in dem diese durch einen Brand ihr Leben verloren. Da war Iris gerade zwei Jahre alt.

Der Empfang fällt zwar höflich aus, Iris Leiter wird, nachdem sie ihre Identität preisgegeben hat, wie eine Prominente hofiert. Die Atmosphäre wird jedoch bald frostig: der jetzige Inhaber Oskar Brill (Vlad Ivanov), der sie lange warten lässt, weist sie ab. Gespenster der Vergangenheit, die hier offenbar alle zu fürchten haben, sollen nicht wieder zum Leben erweckt werden. Auch wird ihr untergetauchter Bruder Kalman für ein offenbar politisch motiviertes Verbrechen gesucht. Aber Iris, die seit ihrem zwölften Lebensjahr in Triest gelebt hat und im ersten Haus am Ort ausgebildet worden ist, hat nicht vor, Budapest so rasch wieder zu verlassen. Beharrlich macht sie sich auf die Suche nach ihrer Vergangenheit, nach ihrem Monster von Bruder. Dabei kann sie allerdings nur auf die Hilfe des Laufburschen Andor (Benjamin Dino) zählen.

Um bleiben zu können, bietet Iris sogar an, umsonst im einstmals elterlichen Betrieb zu arbeiten. Für eine Nacht immerhin kommt sie im Mädchenheim der Firma Leiter unter – und damit in ihrem Geburtshaus. Ein gewisser Gaspar (Levente Molnar) ist mit ihrem Einzug nicht einverstanden, dringt nachts in ihr Zimmer und legt Feuer. Iris, die nach Aussagen Kundiger ihrer Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten ist, hat offenbar bereits Gespenster geweckt. In diesem Fall handelt es sich um den früheren Kutscher der Familie Leiter, sein Motiv zur Tat bleibt aber im Unklaren. Die Aufregung ist groß, dennoch verspricht ihr Oskar Brill die erste frei werdende Stelle.

Die kommt rascher als gedacht. Leiter feiert nicht nur das dreißigjährige Bestehen, sondern auch die Ernennung zum „besten Hutsalon der Monarchie“. Da wird zusätzliches Personal gebraucht. Auch wenn Sandor (Marcin Czarnik) warnt: „Gehen Sie fort von hier, noch diese Woche wird hier Blut fließen“, nimmt Iris das Angebot an, sich – gerade auch mit ihrem renommierten Familiennamen – besonders um die prominenten Gäste zu kümmern. Die exzentrische Gräfin Redey (Julia Jakubowska) wird ihre erste Bewährungsprobe, welche Iris mit großem Einfühlungsvermögen und noch größerer Geduld glänzend besteht. Für den Besuch ihrer Majestäten aus dem Hause Habsburg, Erzherzog (Tom Pilath) samt Gattin (Susanne Wuest) und Hofstaat, lässt Oskar Brill den nach dem Besuch der Kaiserin Elisabeth verschlossenen „Sissi-Raum“ öffnen, den Iris soweit wie möglich in den Originalzustand bringt. Die düstere Prophezeiung Sandors tritt ein: Während des hohen Besuchs aus Wien kommt es im Innenhof zu einer Explosion. Wahrscheinlich stecken Nationalisten dahinter, womöglich ist Sandor Leiter ihr Anführer. Iris lässt sich jedenfalls von Gaspar in eine dunkle Gegend außerhalb der ungarischen Metropole kutschieren…

Regisseur Laszlo Nemes gelang gleich mit seinem Spielfilmdebüt 2015, Son of Saul, ein großer Erfolg weltweit. Das Holocaust-Drama zeigt 36 Stunden im Leben eines vom ungarischen Dichter Gera Röhrig verkörperten jüdischen KZ-Häftlings im Vernichtungslager Auschwitz und wurde nach seiner Uraufführung im Wettbewerb der Internationalen Filmfestspiele Cannes mit dem Großen Preis der Jury und dem Fipresci-Preis ausgezeichnet. Es folgen ein Golden Globe und der Oscar für den Besten fremdsprachigen Film.

Auch Sunset, uraufgeführt am 3. September 2018 im Wettbewerb der 75. Internationalen Filmfestspiele Venedig und mit dem Fipresci-Preis ausgezeichnet, ist eine präzise Schilderung einer Zivilisation am Abgrund. In fein komponierten Bildern (Kamera: Matyas Erdely) mit langen Einstellungen immer wieder auf das Gesicht der Protagonistin und mit einem virtuosen Gespür für die flirrend-dekadente Atmosphäre der Endphase der Habsburger Vielvölker-Monarchie kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs, schildert Nemes in 142 spannenden Minuten die Geschichte seiner jungen, von Juli Jakob verkörperten Heldin. Die gebürtige Budapesterin des Jahrgangs 1988 ist Autorin und Schauspielerin und gehörte als Ella auch bereits zum Cast von Son of Saul.

Wie der Hauptfigur Iris Leiter bleiben dem Zuschauer letzte Gewissheiten versagt. Über Prostitution und Menschenhandel unter dem Deckmantel eines bewusst an den Rändern der Habsburger Doppelmonarchie nach jungen Mädchen suchenden und diese scheinbar als Modelle verpflichtenden Modehauses, über die dunklen Machenschaften nationalistischer Revolutionäre. Deutlich wird dagegen Nemes‘ Bezug auf die ungarische Gegenwart, die zügellose Dekadenz einer kapitalistischen Oligarchen-Oberschicht und der zunehmend faschistische Züge annehmende Nationalismus unter dem aktuellen Ministerpräsidenten Viktor Orban. „Sunset“, der ungarische Oscar-Beitrag, feierte am 25. Oktober 2018 Deutschland-Premiere auf den Int. Filmtagen Hof und kommt am Donnerstag, 13. Juni 2019, in unsere Kinos, hierzulande zu sehen im Metropolis Bochum, in der Schauburg Dortmund sowie im Astra Essen.

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