Meine wunderbar seltsame Woche mit Tess

Zwei großartige Newcomer: Sonny Coops van Utteren und Josephine Arendsen.
Zwei großartige Newcomer: Sonny Coops van Utteren und Josephine Arendsen. Foto: Bert Nijman

„Alle Tiere und alle Menschen müssen eines Tages sterben“ sinniert der zehnjährige Sam (Sonny Coops van Utteren), als er in den Sandstrand von Terschelling eine grabförmge Grube schaufelt und sich selbst hineinlegt – probehalber. Es ist der erste Urlaubstag, den Sam mit seinen Eltern (Tjebbo Gerritsma und Suzan Boogaerdt) und seinem älteren Bruder Jore (Kulian Ras) an der niederländischen Nordseeküste verbringt. Herrliches Sonnenwetter, tolle Ferienstimmung – und dann solch' düstere Gedanken. Sam stellt nüchtern fest, dass seine Eltern und sein Bruder voraussichtlich vor ihm sterben werden – weil er der Jüngste ist. Weshalb er sich auf diesen wohl unabwendbaren Moment vorbereiten will: mit einem täglichen Alleinsein-Training.

Ein Vorhaben, das sogleich zum Scheitern verurteilt ist, als Jore sich das Bein bricht, als er in die von seinem Bruder ausgehobene Grube fällt: Beim Besuch der jungen, flippigen Inselärztin (Jennifer Hoffmann) lernt Sam deren nicht minder lebhafte Tochter Tess (Josephine Arendsen) kennen, die ihn zu einem Salsa-Kurs via Internet überredet. „Der Junge muss führen“ verkündet der Tanzlehrer auf dem Tablet-Bildschirm, aber die selbstbewusste und um einiges ältere Tess bestimmt: „Ich führe hier.“ Ein Statement, das auch für die nächsten Ferientage Gültigkeit hat: das Alleinsein-Training wird so zur schieren Unmöglichkeit, auch wenn Sam sich immer wieder in stillere Ecken in der westfriesischen Dünenlandschaft zurückzuziehen versucht.

Suzan Boogaerdt, Sonny Coops van Utteren, Tjebbo Gerritsma und Julian Ras.
Suzan Boogaerdt, Sonny Coops van Utteren, Tjebbo Gerritsma und Julian Ras. Foto: Sal Kroonenberg

Bei Tess ist einfach zu viel los: Sie kümmert sich um die neuen Mieter des idyllisch am Strand gelegenen Ferienhauses „La Casa“, ein junges Liebespaar aus Berlin: Elise, genannt Lise (Terence Schreurs) und Hugo (Johannes Kienast) haben zu ihrer eigenen Verwunderung einen Ferienaufenthalt auf Terschelling mit Unterhaltungsprogramm gewonnen, obwohl sie sich gar nicht an ihre Teilnahme an einem Preisausschreiben erinnern können. Ausflüge stehen an, Schnitzeljagden, natürlich Kibbeling mit Kräutersauce: das Berliner Pärchen wäre zwar lieber ganz unter sich, will aber nicht unhöflich sein.

Als Sam seinen kleinen, schattenspendenden Unterstand aus Strandgutmaterial vermisst, in den er sich immer wieder 'mal für kurze Zeit zurückgezogen hat, um seinen Gedanken nachzuhängen, begibt er sich auf die Suche durch die Dünen und wird bei einem bärtigen, irgendwie unheimlich aussehenden alten Mann fündig: Hille (Hans Dagelet) ist ein lebenserfahrener, aber alles andere als verbitterter Einsiedler, den der Verlust seiner geliebten Frau hierher getrieben hat. Für Sam, dem er bald sehr nahestehen wird, hat er einen weisen Rat: „Ich habe von einem Mann gehört, der Überraschungseier sammelt. Sammle so viele Erinnerungen, wie du kannst, gemeinsame Momente, bevor es zu spät ist.“ Sam hält sich daran und hilft Tess, ihren Vater kennenzulernen...

Mehr darf aber nun wirklich nicht verraten werden von „Meine wunderbar seltsame Woche mit Tess“, der spannenden Verfilmung des gleichnamigen Romans der 1981 in London geborenen und in Den Haag aufgewachsenen Kinder- und Jugendbuchautorin Anna Woltz, welcher in der Übersetzung von Andrea Kluitman 2015 bei Carlsen auf Deutsch erschienen ist und nun zum ursprünglich geplanten Filmstart im April 2020 als Taschenbuch mit Filmbildern neu aufgelegt worden ist. Der wunderbare, großartig besetzte 84-minütige Sommerfilm über die Bedeutung von Familie und Freundschaft, uraufgeführt am 9. Februar 2019 auf der 69. Berlinale und dort mit dem Großen Preis der int. Jury Generation Kplus ausgezeichnet, ist coronavirusbedingt erst am 3. September 2020 in unsere Kinos gekommen – reichlich spät für die sommerliche Ferienstimmung.

Steven Wouterlood, für die TV-Produktion „Anything Goes“ mit dem „Emmy“ ausgezeichnet, ist mit „Tess“ ein grandioses Kinodebüt gelungen, 2019 mit dem „Goldenen Spatz“ des Mitteldeutschen Rundfunks belohnt. Die Leinwand-Adaption einer außergewöhnlichen Urlaubs-Freundschaft zwischen dem träumerischen Sam und der quirligen Tess hat 2019 nicht weniger als vier internationale Kinderfilmfestivals gewonnen: Zlin/Tschechien, New York, Kristiansand/Norwegen und Zagreb/Kroatien. Im Revier ist der Film leider nur in der Dortmunder Nordstadt zu sehen, im Sweet Sixteen an allen September-Wochenenden (5./6., 12./13., 19./20. und 26./27.) jeweils um 15 Uhr. Das Essener Kino Eulenspiegel lädt sogar erst am 11. Oktober um 13 Uhr zum sonntäglichen Kinderkino ein.

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