Überragender Stellan Skarsgård
Joachim Triers 'Sentimental Value'
Das rote Holzhaus, das seit einhundert Jahren in Oslo steht und der Familie Borg stets willkommener Rückzugsort vor den Zumutungen der Welt draußen gewesen ist, wird zum Gegenstand eines Schulaufsatzes der jungen Nora (gespielt u.a. von Irma Trier und Olivia Thompson). Die von ihrem Kinderzimmer schreibt und davon, dass das Haus keinen Lärm verträgt. Wenig später erleben wir sie als hypernervöse Theaterschauspielerin (Renate Reinsve), welche vor lauter Lampenfieber beinahe die Premiere von Anton Tschechows Drama „Die Möwe“ geschmissen hätte, in der sie die Hauptrolle der jungen Gutsbesitzertochter Nina verkörpert: Nora lässt sich von Jakob (Anders Danielsen Lee), ihrem verheirateten Liebhaber und Darsteller ihres Bühnen-Freundes, des Schriftstellers Trigorin, eine schallende Ohrfeige verpassen – und marschiert schnurstracks auf die Bühne, wo sie eine triumphale Vorstellung gibt.
In der nächsten Einstellung ist das Haus voller schwarz gekleideter Menschen: Zur Beerdigung seiner Gattin Sissel (Ida Marianne Vassbotn Klasson) ist sogar der bekannte Filmemacher Gustav Borg (Stellan Skarsgård) an dem Ort erschienen, den er verlassen hat, als die Kinder noch klein waren. Weshalb die Schwestern Nora und Agnes (Inga Ibsdotter Lilleaas), eine mit Even Pettersen (Andreas Stoltenberg Granerud) verheiratete Geschichtswissenschaftlerin, nicht gerade begeistert sind über das Erscheinen ihres Vaters, der ihnen keiner gewesen ist. Dem allerdings nun das im ursprünglich aus Schweden kommenden Drachenstil erbaute Gebäude gehört, nachdem bei der Scheidung ihrer Eltern nichts Schriftliches fixiert worden ist.
Nun soll das Haus, was der renommierte Regisseur seiner Lieblingstochter vorsichtshalber konspirativ in einem Café mitteilt, Gegenstand eines biographischen Films werden – und Nora soll die Hauptrolle seiner Mutter, also ihrer Großmutter, übernehmen. Diese ist während der deutschen Besetzung im Zweiten Weltkrieg als Widerstandskämpferin gefoltert worden und hat sich im Haus der Familie erhängt. Ein Angebot, das für Nora eine Zumutung bedeutet, welches sie so vehement ablehnt wie ihre Schwester Agnes die Bitte, ihrem Sohn Erik (Øyvind Hesjedal Loven) die Rolle des Vaters Gustav Borg als kleines Kind zu erlauben.
Dabei könnte dieses Herzensprojekt, das Gustav Borg zuvor mit seinem langjährigen Kameramann Peter (Lars Väringer) besprochen hat, den Grundstein für eine Versöhnung zwischen Vater und Töchtern legen. Weil sich Nora standhaft weigert, auch nur das Drehbuch in die Hand zu nehmen, zieht der einst renommierte, nun aber schon seit 15 Jahren nicht mehr aktive Regisseur ein höchst attraktives Ass aus dem Ärmel: die junge Hollywood-Schauspielerin Rachel Kemp (Elle Fanning), die er bei einer ihm gewidmeten Retrospektive auf dem Filmfestival Deauville in der Normandie kennengelernt hat. Und die Chance, einen ernsthaften europäischen Film drehen zu können, mit großer Begeisterung ergreift. Auch wenn die Netflix-Produzenten zumindest ein Mitspracherecht beanspruchen.
Als die erste Leseprobe größere Artikulationsprobleme der Amerikanerin offenbart, ist diese längst als Werbeikone plakatiert. Was niemand mehr als Gustav Borg bedauert, der längst erkannt hat, dass Rachel trotz großer, ernsthafter Bemühungen seiner Tochter Nora nicht das Wasser reichen kann. Was diese auch erkannt hat und Zweifel äußert, ob sie die Richtige für diese Rolle ist, obwohl Nora zunehmend in Depressionen verfällt und Vorstellungen absagen muss. Währenddessen forscht Agnes im Archiv nach der 1943 verhafteten Großmutter Karin Irgens (Sigrid Lorentzen Abelsnes, später Vilde Søyland) und ist von den gefundenen Dokumenten so elektrisiert, dass sie heimlich das Drehbuch liest – und nicht mehr davon loskommt. Agnes erkennt, das es vom Vater nur für ihre ältere Schwester Nora geschrieben worden ist – und bringt es ihr ans Bett. Nora und Agnes lesen gemeinsam daraus, brechen in Tränen aus, legen es nicht mehr aus der Hand…
In „Sentimental Value“, der Fortsetzung der preisgekrönten „Oslo“-Trilogie Joachim Triers („Auf Anfang“, „Oslo, 31. August“ und „Der schlimmste Mensch der Welt“), stehen die Schwestern Nora und Agnes nach dem Tod ihrer Mutter vor der Herausforderung, sich mit ihrem entfremdeten Vater Gustav auseinanderzusetzen – eine Konstellation wie in einem Film Ingmar Bergmans. Die 135-minütige Tragikomödie ist ein hervorragend besetzter Spielfilm über das Filmemachen und über das Theaterspielen, ein Familienfilm über Generationskonflikte und das Altern – und noch vieles mehr.
Gedreht vom 12. August bis zum 31. Oktober 2024 in Oslo und Umgebung sowie in der Normandie, ist „Sentimental Value“, auf Deutsch: Erinnerungswert, am 21. Mai 2025 im Wettbewerb der Int. Filmfestspiele Cannes uraufgeführt und mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet worden, dem weitere internationale Auszeichnungen folgten. Wie der Audience Award nach der Deutschen Erstaufführung am 29. Juni 2025 beim Filmfest München. Zum Kinostart am 4. Dezember 2025 bei uns zu sehen im Casablanca Bochum, in der Schauburg Dortmund, im Filmstudio Glückauf Essen sowie im Atelier Düsseldorf.