In Wahrheit – Jagdfieber

Joachim Król überragt in Familien-Rachedrama

Tanja (Barbara Prakopenka) hilft ihrem Vater (Joachim Król) bei seiner Flucht vor der Polizei.
Tanja (Barbara Prakopenka) hilft ihrem Vater (Joachim Król) bei seiner Flucht vor der Polizei. Foto: ZDF/Network Movie/Andrea Enderlein

Ein Mann mit geschultertem Jagdgewehr schreitet durch eine Allee und biegt dann auf eine Wiese ab. Im Hintergrund wird eine Villa erkennbar, in der eine junge Frau gerade ihr Baby ins Bett legt. Plötzlich fallen Schüsse. Durch die Fensterscheibe zur Terrasse zielt der Mann wahllos aufs Mobiliar. Die Frau, offenbar von einer Kugel getroffen, sinkt zu Boden und verliert dabei ihr Handy. Das Baby schreit, als der Mann das Haus wieder verlässt.

Als die beiden Saarlouiser Kriminalpolizisten Judith Mohn (Christina Hecke) und Freddy Breyer (Robin Sondermann) eintreffen, alarmiert vom Ehemann, dem Arzt André Collmann (David Rott), den wiederum seine schwer verletzte Gattin zu Hilfe gerufen hatte, ist die 35-jährige Julia Collmann tot. 20 Schüsse hat der Unbekannte abgefeuert, Jagdmunition, „voll hochwildtauglich“. Der elf Monate alte Sohn hat überlebt, gestohlen wurde nichts: Raub als Motiv scheidet aus. Also ein gezielter Anschlag. Doch wurde die junge Frau nicht erschossen, sondern von einem Holzsplitter, den ein Querschläger vom Küchenschrank löste, getötet: Sie verblutete. André Collmann also, Inhaber einer Kette von Apotheken, war das Ziel.

Keine Spuren im Sand: Wolfgang Abeck (Joachim Król, r.) jagt sein Entführungsopfer Robert Haffner (Tristan Seith, li,) durch ein Flussbett im Wald.
Keine Spuren im Sand: Wolfgang Abeck (Joachim Król, r.) jagt sein Entführungsopfer Robert Haffner (Tristan Seith, li,) durch ein Flussbett im Wald. Foto: ZDF/Network Movie/Andrea Enderlein

Schnitt. Der Spitzengastronom Robert Haffner (Tristan Seith) lobt am Ende eines erfolgreichen Tages sein Restaurant-Team. Auf dem Weg nach Hause versperrt ein Transporter mit offener Ladetür die Fahrbahn. Als er sich der verwaisten Fahrerkabine nähert, wird Haffner niedergeschlagen und in die Ruine einer Waldhütte geschafft. In einem Video gibt sich der Entführer zu erkennen: „Die Wahrheit über Nadine Abeck“ fordert ihr Vater Wolfgang Abeck (der Herner Schauspieler Joachim Król) und gibt der Polizei 72 Stunden Zeit. Im Sommer vor drei Jahren war die 23-jährige Studentin (Judith Neumann), Aushilfsjobberin in Haffners Restaurant, nach einem Disco-Besuch und einer Sauforgie mit Haffner und dessen Freund Collmann ums Leben gekommen: Alkohol und Drogen führten zu akutem Sauerstoffmangel. Nadine fiel in ein irreversibles Koma und starb erst vor zwei Wochen.

Der Fall, den die Polizei längst abgeschlossen hat, da beide Zeugen seinerzeit aus Mangel an Beweisen freigesprochen worden waren, wird auf Betreiben von Judith Mohn neu aufgerollt – gegen den erklärten Rat ihres Kollegen Freddy Breyer und des inzwischen pensionierten Kriminalbeamten Markus Zerner (Rudolf Kowalski), der, obwohl damals nicht selbst involviert, ein bemerkenswertes Interesse an der weiteren Entwicklung offenbart. Die Ermittlungen stehen unter großem Zeitdruck, aber für Judith Mohn wird schnell klar, dass viele Fragen ungeklärt sind: Nadine war mit Handschellen gefesselt, als man sie fand. Deren Schlüssel ebenso verschwunden blieb wie ihr Slip und ihr Handy. Der behauptete Blackout der beiden Männer wirkt immer unglaubhafter, als weitere Details auftauchen. Zu denen nicht nur die ältere Schwester der Toten, Tanja Abeck (Barbara Prakopenka), die nun die väterliche „Pension Waldfrieden“ allein bewirtschaften muss, beiträgt. Sondern mit dem französischen Weinhändler Jérôme Lambert (Jean-Yves Berteloot) auch ein immer noch stark an ihr interessierter „Ex“ der Kommissarin Judith Mohn…

„Jagdfieber“ ist der vierte Film der beliebten, von ZDF und Arte koproduzierten Krimireihe „In Wahrheit“. Regisseur Thomas Roth, auch Koautor neben Fabian Thaesler, hat bereits zweimal die „Romy“, den österreichischen Film- und Fernsehpreis, für die beste Regie gewonnen für die Folge „Trautmann - Nichts ist so fein gesponnen“ (2002) und den „Tatort - Deckname Kidon“ (2015). Mit „Jagdfieber“ ist ihm ein über 88 Minuten hochspannendes Rachemovie gelungen, das sich äußerst wendungsreich vom Psychothriller zur akribischen Ermittlungsgeschichte und schließlich zum Familiendrama geradezu antiker Wucht entwickelt. Dabei übernimmt ein in seiner geradezu lakonischen Zurückgenommenheit grandioser Joachim Król die Rolle eines unfreiwilligen Killers als die Empathie des Zuschauers hervorrufender Schmerzensmann, der den Mord an seiner jüngeren Tochter aufklären und damit die Ehre seiner Rest-Familie, die Mutter beider Töchter hat sich frühzeitig aus dem Staub gemacht, wiederherstellen will.

„In Wahrheit – Jagdfieber“ wird am Freitag, 24. April 2020, um 20:15 Uhr auf Arte erstausgestrahlt und im deutsch-französischen Kulturkanal am Freitag, 1. Mai 2020 um 13:40 Uhr wiederholt. Online verfügbar in der Arte-Mediathek vom 23. April- 24. Mai 2020.

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Freitag, 24. April 2020, um 20:15 Uhr
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