Impflexikon 5 - Jetzt werden wir aktiv

Kolummne von Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey

Lebend- oder Totimpfung - sterile oder klinische Immunität.
Lebend- oder Totimpfung - sterile oder klinische Immunität. Illustrator: Jörg Lippmeyer

Wenn der Körper in Reaktion auf eine Impfung selbst aktiv wird und eine Immunität aufbaut, sprechen wir von einer aktiven Impfung. Die Konfrontation mit einem entsprechenden Antigen kann durch verschiedene Arten von Impfstoffen erfolgen. Die Oberbegriffe dafür sind „Lebendimpfstoffe“, „Totimpfstoffe“ und „genbasierte Impfstoffe“. Bei manchen Impfungen reicht die einmalige Gabe, bei anderen muss wiederholt im Abstand von Wochen, Monaten oder auch Jahren nachgeimpft werden. Man spricht dann von „Booster“-Impfung. Im Gegensatz zu passiven Impfungen schützen aktive Impfungen meist für viele Jahre, oft sogar lebenslang. Eine Ausnahme ist die Grippe-Impfung, die aufgrund der Variabilität des Erregers jährlich wiederholt werden muss. Eine aktive Impfung muss übrigens nicht zwingend durch eine Injektion verabreicht werden. Aus der Vergangenheit kennt man die Schluckimpfung gegen Kinderlähmung, die aber inzwischen wieder zugunsten einer injizierbaren Vakzine verlassen wurde. Auch die Tollwut wurde durch Impfköder für Füchse in Mitteleuropa fast vollständig zurückgedrängt. Gegen das Corona-Virus sind Impfstoffe in der Entwicklung, die per Nasenspray verabreicht werden.

Zwei Arten der Immunität können mit einer aktiven Impfung erreicht werden: eine „sterile Immunität“ oder eine „klinische Immunität“.

Sterile Immunität

Von einer sterilen Immunität spricht man, wenn ein Virus abgefangen und vernichtet wird, bevor es in Zellen eindringen kann. In diesem Falle kann es keine krankmachende Wirkung entfalten und es wird nicht mehr vermehrt. Es kann also nicht mehr ausgeschieden werden und andere Personen anstecken. Für eine sterile Immunität ist eine große Menge sog. neutralisierender Antikörper erforderlich. Eine sogar lebenslange sterile Immunität wird durch die Impfung gegen Kinderkrankheiten wie Masern, Röteln, Mumps, Windpocken und Kinderlähmung erzeugt.

Für die Covid-19-Impfungen können naturgemäß noch keine Langzeitstudien vorliegen, die Studiendauer beträgt bislang erst einige Monate. Es scheint jedoch so, dass die bald verfügbaren Impfstoffe eine bessere Antikörper-Antwort hervorrufen als eine natürliche Infektion. Wenn dadurch genügend neutralisierende Antikörper erzeugt würden, kann man eine robuste, wenn nicht sogar sterile Immunität erwarten. Eine sterile Immunität ist besonders wichtig für Personen, die im Kontakt zu vulnerablen Risikogruppen in Altenheimen und Kliniken tätig sind. Sie könnten dann keine Infektion in Institutionen eintragen, in denen Ungeimpfte mit hohem Krankheitsrisiko leben.

Klinische Immunität

Eine klinische Immunität liegt vor, wenn ein Virus zwar noch in Zellen eines Organismus eindringen kann, dort in begrenztem Maße auch noch vermehrt wird, es aber keine schwerwiegenden Krankheitssymptome mehr hervorruft. Das bedeutet, ein Teil der Geimpften wird noch infiziert, kann das Virus auch weitergeben, wird aber selbst nicht mehr krank oder entwickelt nur leichte Symptome und wird schnell wieder gesund. So wird bei der saisonalen Grippe durch die Impfung üblicherweise nur eine klinische Immunität erreicht. Schwere und tödliche Verläufe der Influenza treten aber fast ausschließlich bei Ungeimpften auf.

Für die breite Bevölkerung würde eine klinische Immunität zunächst reichen, vor allem, um schwere Krankheitsverläufe zu verhindern und die Kliniken zu entlasten. Es bliebe allerdings weiter das Risiko eines Spreadings, wenn auch deutlich geringer, als bei einem normalen Infektionsgeschehen. Letztlich würde damit die Covid-19-Pandemie langfristig zurückgedrängt werden. Bis zum Erreichen einer Herdenimmunität müssten für die immunologisch naiven Personen insbesondere aus der vulnerablen Bevölkerung allerdings weiterhin Schutzmaßnahmen erfolgen.

Im Falle der Covid-19 Impfung kann nach derzeitigem Wissensstand auch nicht von einer lebenslangen Schutzwirkung ausgegangen werden. Aber, selbst wenn der Schutz nur zwei Jahre hält, kann nachgeimpft werden. Das ist zwar nicht angenehm, aber doch zu schaffen. Insbesondere, wenn es gelingen sollte, den Impfstoff per Nasenspray oder Lutschtablette zu verabreichen, wird letztlich SARS-CoV-2 so zu einem weiteren Erreger, gegen den man zwar regelmäßig impfen muss, das aber sehr einfach und komfortabel. Das weltweite Infektionsgeschehen in Form der Pandemie wird so mittelfristig erlöschen. Da SARS-CoV-2 eine deutlich geringere Variabilität als das Grippevirus zeigt, dürfte es somit langfristig weitestgehend aus dem Alltagsleben verschwinden.

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