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Im Frauenhaus können die Betroffenen zur Ruhe kommen und ihre Kräfte sammeln.

Internationaler Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen

Im Frauenhaus zur Stärke zurückfinden

Jedes Jahr findet am 25. November der Internationale Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen statt. Dass dieser Tag immer noch von Nöten ist, zeigt sich auch in Herne. Im vergangenen Jahr gab es 420 Anzeigen in Bezug auf sexualisierte und häusliche Gewalt. Das ist ein Anstieg von 25 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

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Das Frauenhaus Herne bieten diesen von gewaltbedrohten Frauen sowie ihren Kindern Schutz und ein sicheres Umfeld, um zurück zu sich selbst zu finden und sich wieder ein selbstbestimmtes Leben aufzubauen. halloherne-Redakteurin Julia Blesgen sprach mit ehemaligen Bewohnerinnen des Frauenhauses, wie sie die Zeit dort erlebten, sowie mit den Mitarbeiterinnen Carolin Fuhrmann und Svenja Kröger, über die aktuelle Platzsituation.

Freies und vor allem gewaltfreies Leben ermöglichen

Die beiden Frauen, Noor und Katharina, kamen aus den unterschiedlichsten Teilen Deutschlands ins Frauenhaus. Beide wollten sich und ihren Kindern ein freies, selbstbestimmtes und vor allem gewaltfreies Leben ermöglichen.

Selbstbewusst in die Zukunft sehen, auch das erlernen die Frauen im Frauenhaus.

„Ich wusste, dass es so nicht weitergehen kann und ich nicht mehr mit ihm sowie der Gewalt leben kann", berichtet Noor. „Gleichzeitig hatte ich aber auch Angst und wusste nicht, was auf mich zukommen würde."

Ähnlich erging es auch Katharina. „Ich wollte nicht, dass meine Kinder mit dieser Gewalt aufwachsen müssen. Meine Schwester hat mir dann geholfen, den Platz zu finden. Sie sagte: 'Entweder, du gehst jetzt oder nie'. Ich habe mich dann fürs Gehen entschieden", so die Mutter zweier Kinder.

Start in ein neues Leben

Sie berichtet ebenso davon, dass ihr Mann gesagt hätte: „In zwei Wochen bist du eh wieder bei mir.“ Er sollte sich täuschen. Katharina und Noor begannen im Frauenhaus Herne ein neues Leben.

Die Premiere des Filmes vom Frauenhaus Herne und der Beratungsstelle Schattenlicht 'GewaltFrei' fand am Dienstag (9.5.2023) statt.

Zunächst hätten die Frauen etwas Zeit gebraucht, sich im Frauenhaus einzuleben, aber bald schon fühlten sie sich wie zu Hause. „Ich konnte endlich wieder atmen und spürte, wie ich von Tag zu Tag stärker wurde", berichtet Noor. „Ich glaube, viele Frauen - mich eingeschlossen - haben Angst vor dem ersten Schritt, also den Mann zu verlassen und vor der Ungewissheit, was auf einen zu kommt. Als ich diesen Schritt jedoch gegangen bin, fand ich wieder zu mir selbst zurück. Ich fand in der Gemeinschaft mit den anderen Frauen eine neue große Familie."

Katharina ergänzt: „Für mich war es, als hätte mir das Frauenhaus meine Flügel zurückgegeben. Ich bin wieder frei. Die Mitarbeiterinnen waren von Tag eins und bis heute für uns da. Sie haben uns viele Angebote gemacht, die alle auf Freiwilligkeit basieren. Denn niemand muss etwas im Frauenhaus tun."

Noor führt weiter aus: „Es gibt ja immer diese Vorurteile, dass man das Frauenhaus nicht verlassen könne oder dort für eine Frau entschieden wird. Das stimmt aber nicht. Ab dem ersten Tag holen wir Frauen uns mit Unterstützung der Mitarbeiterinnen unser Leben wieder zurück, wir lernen wieder Grenzen zu setzen - vor allem Nein zu sagen - und eigenständige Entscheidungen zu treffen."

Abweisungen aufgrund von Platzmangel

Katharina und Noor leben heute ein selbst bestimmtes und freies Leben - auch dank ihrem Platz im Frauenhaus. Doch mittlerweile sieht die Platzkapazität anders aus. Aufgrund der stetig wachsenden Anfragen sind nicht ansatzweise genügend Plätze da, um der hohen Nachfrage gerecht zu werden.

Wie fast immer sei das Frauenhaus derzeit komplett ausgelastet. Auf der Homepage der Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) Autonomer Frauenhäuser gibt es eine Karte, die mithilfe eines Ampelsystems anzeigt, wo in NRW noch Plätze in einem Frauenhaus frei sind.

'Was passiert mit der Frau?'

„Wenn bei uns ein Platz frei wird, steht das Telefon nicht mehr still", sagt Mitarbeiterin Carolin Fuhrmann. „Es macht schon etwas mit einem, wenn wir Frauen abweisen müssen. Es ist einfach ein Scheiß-Gefühl. Wir fragen uns dann, was mit der Frau nun passiert und wo sie Schutz finden kann."

Die Landesarbeitsgemeinschaft Autonomer Frauenhäuser (LAG) in NRW zeigt auf ihre Homepage, wo es noch freie Frauenhausplätze gibt. Momentan sind im Herner Umkreis wieder alle Plätze belegt.

Svenja Kröger ergänzt: „Die Situation ist unglaublich demotivierend. Eine Frau kostet es unglaublich viel Kraft und Mut, sich von ihrem gewalttätigen Partner zu lösen und dann erhält sie nirgendwo einen Platz. Vielleicht ist sie dann so demotiviert, dass sie ihr Vorhaben aufgibt, weil sie nirgends Schutz finden kann."

Aus diesem Grund beteiligen sich die Mitarbeiterinnen des Frauenhauses Herne auch an der Kampagne #RaufDiePlätze von der LAG Autonomer Frauenhäuser, die sich für mehr zugängliche Frauenhausplätze stark macht (halloherne berichtete).

Wohnungsmangel wird zur Not

Ebenso belaste die Mitarbeiterinnen der Wohnungsmangel. „Wir haben leider immer noch Schwierigkeiten für unsere Frauen, nach ihrem Aufenthalt im Frauenhaus, Wohnungen zu finden", klagt Kröger. Aufgrund der fehlenden Wohnungen blieben Plätze länger besetzt als nötig und andere Frauen, die akut Schutz benötigen, können keine Plätze zur Verfügung gestellt werden.

Jede Frau hat das recht auf ein selbstbestimmtes Leben, dass möchten die Frauen im Frauenhaus verdeutlichen.

Auf viele Bewerbungen kämen nur Absagen oder überhaupt keine Reaktion. Die Mitarbeiterinnen vermuten, dass eine Mieterin aus dem Frauenhaus vielleicht potenzielle Vermieter abschrecken könnte, weil sie unbewusste Vorurteile haben könnten.

„Diese Ängste sind aber unbegründet. Es sind ganz normale Mieterinnen, die mit ihren Kindern in Ruhe leben möchten. Außerdem stehen wir auch weiterhin als Ansprechpartnerinnen zur Verfügung. Wir würden uns wünschen, dass Vermieter unseren Frauen und ihren Kindern eine Chance geben würden", so Carolin Fuhrmann.

Das Leben hat sich verändert

Für Katharina und Noor hat sich durch ihre Zeit im Frauenhaus das ganze Leben verändert. Sie hoffen, dass andere Frauen auch die Chance bekommen können, dass sie Hilfe und Unterstützung erhalten können. „Jede von uns Frauen hat das Recht auf ein freies und vor allem glückliches Leben. Sucht euch Hilfe. Ihr seid nicht allein, auch wenn es euch so vorkommt", richten beide Frauen abschließend einen Appell an Frauen, die sich eventuell in einer ähnlichen Situation befinden.

Mehr Informationen zum Frauenhaus und Kontaktmöglichkeiten für potenzielle Vermieter gibt es hier.

| Autor: Julia Blesgen