'Ich sehe ja kaum fern'

Was lange währt ...

Volker Eichener, der Wanne-Eickeler Professor der Politikwissenschaften, bei seiner Buchvorstellung: 'They rocked the City'.
Volker Eichener, der Wanne-Eickeler Professor der Politikwissenschaften hat ein Buch geschrieben: 'They rocked the City'. Foto: Carola Quickels

... ist jetzt gut und eine runde Sache geworden. Pardon, natürlich ist es eckig geworden. Volker Eichener, der Wanne-Eickeler Professor der Politikwissenschaften, hat es in Corona-Zeiten getan: Er hat ein Buch geschrieben. Ein Buch über die Rockmusik und den gesellschaftlichen Umbruch, der sich in den 60er-Jahren andeutete, von Bob Dylon '63 mit‚ 'The times they are a-changin' verkündet wurde und in der 68er Revolte ihren Höhepunkt fand.

'They rocked the City'

Eichener nennt sein Werk, das mit 700 Seiten kein kleiner Schmöker geworden ist: 'They rocked the City'. Diesen Satz soll der Schriftsteller Henry C. Knight gesagt haben, als er im Jahr 1819 die Sklaven New Orleans am Samstagabend dabei beobachtet hatte, wie sie „mit ihren Kongotänzen die Stadt zum Beben brachten.“ Damit sei wohl das Verb 'rock' im Sinne der Rockmusik erstmalig verwandt worden, vermutet Eichener. Mit der afroamerikanischen Musik startet er auch in sein Buch und mit den Koordinaten des Ortes, an dem die Rockmusik gezeugt wurde: 29°,57'40,48" Nord 90°04'07,00" West (Google Maps Link).

Zehn Jahre hat der habilitierte Soziologe an der Recherche gesessen. „Ich sehe ja kaum fern“, erzählt er im halloherne-Gespräch. „An trüben Herbst- und Wintertagen sitze ich gerne vor meinen Computer und gehe meinem Hobby nach – der Musik und der Recherche. So habe ich in den Jahren quasi einen digitalen Zettelkasten erstellt, der immer voller wurde.“ Daraus ein Buch zu machen, das sei erst einmal nicht geplant gewesen, das habe sich irgendwie ergeben.

Volker Eichener, der Wanne-Eickeler Professor der Politikwissenschaften, bei seiner Buchvorstellung: 'They rocked the City'.
Volker Eichener, der Wanne-Eickeler Professor der Politikwissenschaften, bei seiner Buchvorstellung: 'They rocked the City'. Foto: Carola Quickels

'Musik ist Teil meines Lebens'

Musik sei schon immer ein Teil seines Lebens gewesen und dank seines fünf Jahre älteren Bruders, der damals immer Radio Luxemburg hörte, habe er mit zehn Jahren die allererste Deutschland-Aussendung von dieser 'gindurchtränkten Kneipenschönheit' – 'Honky Tonk Women‘ der Rolling Stones erlebt.

„ … und als Wanner hatte ich natürlich viele Kontakte zu der äußert lebhaften Wanner Musikerszene. Das alles hat zu meiner Musikbegeisterung beigetragen.“ Die Demonstrationen dieser Zeit habe er natürlich nicht live erlebt, aber er kann sich noch gut an die Bilder im Fernsehen erinnern „das hat mich als kleiner Dötz schon sehr beeindruckt.“

Und wie es bei Sozio- oder Politologen vielleicht üblich ist, wenn sie eine Sache betrachten, dann tun sie es immer mit einem analytischen Hintergrund und zerlegen die Objekte ihrer Betrachtung in ihre Einzelteile. Darum ist das Buch von Volker Eichener auch keines, das lediglich die Geschichte der Rockmusik erzählt, sondern Eichener beleuchtet die gesellschaftlichen Hintergründe dieser Zeit.

„Es war schon auffällig, dass die Musik in den 60er-Jahren im doppelten Sinne revolutionär war“, erzählt er, „sowohl musikalisch als auch textlich.“ Damit dem Leser das deutlich wird und auch, welche Wirkung die Rockmusik auf die von Konventionen geprägte bürgerliche Gesellschaft hatte, werden zu den Hintergründen einzelne Liedtexte abgedruckt und (siehe oben) wissenschaftlich zerlegt. Zum besseren Verständnis stellt der Autor immer auch die deutsche Übersetzung dazu.

Die Liedtexte dieser Zeit drehen sich um Drogen, Sex, freier Liebe und natürlich handeln sie von der Gesellschaftskritik. Als Beispiel zitiert er Jimi Hendrix' Lied „Voodoo Child“ das 1968 aufgenommen wurde. Es handelt von einem Kind, das einen Berg zertrümmert, um daraus eine neue Insel zu bauen. Eichener: „Dies ist ganz klar eine Metapher für die Sehnsucht der jungen Generation über die Macht zu verfügen die bürgerliche Gesellschaft zu zerstören und eine freie Gesellschaft zu schaffen.“

Er zitiert Elliott Landy, den Woodstock- und Dylan-Fotografen: „Die Musik bewegte uns derart, dass wir zu unserem wahren Selbst vorstießen. Sie war wild und befreite uns von kulturellen Beschränkungen.“ Und auch Michael Lang, einer der Woodstock-Veranstalter, sagt 50 Jahre später: „Ein Musikfestival hat eine ganze Generation geprägt, die sich anschickte die Welt zu verändern.“

„Ich bin eher dem Blues verhaftet"

Ein Lieblingskapitel hat der Autor nicht, für ihn mache eher die Vielfalt den Reiz des Buches aus. „Ich finde jedes Kapitel und jede Musikrichtung spannend, bin aber eher dem Blues verhaftet.“ Das Buch sei keine Pflichtlektüre für alle Musikbegeisterten, sondern ein Buch „das man prima in den Urlaub mitnehmen kann, oder das zum Schmökern an langen Winterabenden geeignet ist, da man immer wieder etwas Neues entdecken kann.“ Es gibt Begebenheiten, die sind sehr humorvoll, tieftraurig oder einfach nur interessant.

Wussten Sie, dass ...

Volker Eichener, der Wanne-Eickeler Professor der Politikwissenschaften, bei seiner Buchvorstellung: 'They rocked the City'.
Volker Eichener, der Wanne-Eickeler Professor der Politikwissenschaften, bei seiner Buchvorstellung: 'They rocked the City'. Foto: Carola Quickels

... der Bandname der Südstaaten-Rocker 'Lynyrd Skynyrd' – eine Verballhornung ihres Lehrers Leonard Skinner war, der die langen Haare der Schüler bekämpfte. Oder: Wer wusste schon, für wen Mick Jagger das Lied 'Angie' auf dem 73er Album Goats Head Soup schrieb. Der Abschiedsmonolog richtet sich nicht an eine der vielen Jagger-Geliebten, sondern dieses Lied beschreibt das Ende der Beziehung zu David Bowie.

Bei seinen Recherchen erfuhr der Autor zum Beispiel auch woher das Greta Garbo Haus in San Francisco aus dem Lied 'My name is Jack' - gesungen von Manfred Mann - seinen Namen hatte. Die Erklärung ist einfach. „Greta Garbo Home for Wayward Boys and Girls“, war der Spitzname einer echten Herberge, dem Kirkland Hotel, in San Francisco. Hier tummelten sich Menschen, die die unterschiedlichsten Drogen konsumierten. Da an der Fassade ein Plakat hing, auf dem Greta Garbo abgelichtet war, hieß der Treffpunkt das Greta Garbo Haus.

Was der Leser auch erfährt, aber vielleicht gar nicht wissen will ist, wer der 'eggman' aus dem Beatles Song 'I Am The Walrus' ist. Es ist Eric Burdon, der seine Bettgespielinnen mit Eierschleim bestrich. John Lennon war wohl einmal dabei und hat sogleich den 'eggman' ins Leben gerufen und ihn in dem Lied verarbeitet.

Passend zu Weihnachten am Start

Passend zum Weihnachtsgeschäft 2021 ist das Buch nun an den Start gegangen. „Das Buch“, sagt Eichener „ist natürlich für alle geeignet, die in dieser Zeit 'groß‘ geworden sind, die das alles miterlebt haben.“ Gemeint ist also die 68er Generation plus / minus zehn Jahre. Aber auch für jeden anderen Menschen, der an der Musik und den Hintergründen der Zeit interessiert ist. Erschienen ist das Buch bei Zweitausendeins mit der ISBN: 396318079X, es kostet 29,90 Euro und ist im Buchhandel erhältlich.

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