GEW Herne blickt auf den Schulstart zurück

Gewerkschaft kritisiert Hygieneregeln und Konzepte

Symbolbild Maske in Schule
Die GEW kritisiert die Hygieneregeln in den Schulen. Foto: Pixabay

Gerade einmal 10 Tage ist das neue Schuljahr alt, da erreichen den GEW Stadtverband zahlreiche Rückmeldungen von Kollegen aus den Schulen – der Stadtverband versucht in einer Mitteilung vom Dienstagabend (25.8.2020) einzuordnen und zu resümieren.

Grundsätzlich begrüßen es zahlreiche Kollegen ebenso wie die GEW Herne, dass der Schulunterricht für alle Kinder wieder aufgenommen wurde; denn die meisten Schüler benötigen Hilfen, Strukturen und die Beziehungsebene zur Lehrperson und den Mitschülern, um Leben und Lernen erfolgreich bewältigen zu können.

Beim vertieften Blick auf die Lage werden aber laut GEW Herne zahlreiche Katastrophen deutlich:

1. Oberflächlich ein erfolgreicher Schulstart? Die Hygieneregeln:

In zahlreichen Meldungen aus dem Ministerium für Schule und Bildung (MSB) und von Seiten der Schulaufsicht werden Erfolgsmeldungen veröffentlicht. Diese beziehen sich weitgehend auf die Frage, ob Schüler an weiterführenden Schulen die Masken tatsächlich auch tragen und wie diszipliniert sie in den Schulen die Hygiene-Maßnahmen befolgen. Tatsächlich berichten auch viele Kollegen, dass Schüler in den Schulen weitgehend die gegebenen Hygieneregeln akzeptieren. Fragt man aber nach dem Sinn der Regeln, muss die Einschätzung fatal ausfallen: „Alltagsmasken“ sind ja nicht „virendicht“, verhindern also nicht den Ausstoß von Viren, sondern sie verkürzen nur deren Ausstoß-Weite.

Dementsprechend wirksam sind diese Masken statistisch also in Situationen, in denen sich kurzzeitig Virenträger und Gesunde treffen, denn dann erreichen die Viren die Gesunden erst gar nicht oder in nur sehr verminderter Menge. Setzt man nun aber bis zu 9 Stunden 30 oder mehr Kinder und Jugendliche in einen Raum und stößt dann ein Virenträger Viren aus, dann werden diese sich zunächst um ihn herum in der Luft ansammeln und dann immer weiter im Raum verteilen, wenn die „kontaminierte“ Luft nicht verlässlich herausbefördert wird und frische, unbelastete Luft herein gelangt, so dass die Konzentration der Viren in der Umgebungsluft niedrig ist.

Für Schulsporthallen muss daher vor Benutzung geprüft werden, ob eine Belüftungsanlage den Luftaustausch ausreichend gewährleisten kann – aber was ist mit einem „normalen“ Klassenraum? Hier gibt es nur das „Prinzip Hoffnung“: Die Kollegen berichten nach 10 Tagen praktischer Erfahrung, dass in Klassenräumen auf der windabgewandten Seite des Gebäudes oder bei genereller Windstille trotz aller zu öffnenden Fenstern und Türen (häufig sind diese gar nicht oder nur „auf kipp“ zu öffnen) die Luft nach einigen Stunden „zum Schneiden“ war und „gestanden hat“. Wenn man daraus schließt, dass der Austausch der Luft in einem Fall von Infektion nicht ausreichend erfolgt, muss davon ausgegangen werden, dass sich viele im Raum sitzende Menschen infizieren werden.

Kurssystem lassen die Gruppen durcheinander würfeln

In weiterführenden Schulen „wandern“ die Lehrer von einer Klasse zur nächsten und unterrichten dort die nächste Gruppe oder den nächsten Kurs. Niemand kann erklären, warum diese Kollegen im Falle einer Infektion die Krankheit nicht in andere Klassen weitertragen sollten. Gleiches gilt für Kurssysteme, vor allem in der Oberstufe, in denen spätestens alle zwei Unterrichtsstunden die Jugendlichen völlig neu und durcheinander zu neuen Kursen zusammentreffen. Das MSB gibt dazu an, dass dort ein „gesamter Jahrgang“ eine definierte Gruppe sei, aus der heraus Durchmischungen nicht vorkämen – ein „superspreading“ wäre demnach aus der Gruppe der ca. 100 Jugendlichen einer Jahrgangsstufe hinaus also zu verhindern.

In Herne sind zahlreiche Oberstufenkurse aber „Koop- Kurse“ mit Schülern unterschiedlicher Schulen. Eine Infektion würde daher vermutlich auch an verschiedene Schulen getragen werden. Und was, wenn entsprechende Schüler dann Kontakte hätten zu Jugendlichen aus Bochum oder Castrop? Und was, wenn zahlreiche Schüler aus vorher angeblich strikt getrennten Gruppen gemeinsam in vollgestopften Bussen sitzen (gestaffelte Anfangs- und Endzeiten sind realistisch kaum möglich, z.B. weil zahlreiche Verkehrsbetriebe nach eigenen Angaben gar nicht genug Kapazitäten haben, um mehrere Busse zum Schulstart und Schulende an alle betroffenen Schulen zu schicken)?

Fazit Nr. 1 der GEW Herne: Die „von oben“ vorgegebene „Sicherheit durch Hygienemaßnahmen“, v.a. durch Alltagsmasken ist bei genauerer Betrachtung eine Farce – und wenn unsere Analyse stimmt, werden wir dies vermutlich mit hohen Infektionszahlen und am Ende auch mit Menschenleben bezahlen.

Betrachtet man die Auswirkungen der Hygienemaßnahmen weiterhin im Detail, wird deutlich, welch hohen Preis sowohl die Schüler als auch die Lehrkräfte auch unabhängig von Corona- Infektionen zu zahlen haben. Nach Meldungen aus den Schulen ist es nicht selten gewesen, dass unter den Bedingungen von Masken, Hitze und schlechtem Luftaustausch sowie Problemen mit einfachem Trinken (geht mit Masken nicht) mehrfach Schüler v.a. aus den unteren Jahrgängen mit Kreislaufproblemen zusammengebrochen sind. Aus vielen Klassen wird berichtet, dass unter den genannten Bedingungen ca. die Hälfte der Kinder im Laufe des Tages krank nach Hause entlassen werden musste. Für die Kollegen ist es ebenfalls eine extrem psychische und physische Belastung, sich zum Teil vor über 30 Schülern und auch in schwierigen Situationen akustisch und verständlich zu artikulieren.

Leerer Klassenraum.
So sahen die Klassenräume ohne Schüler aus. Foto: Pixabay

Der Fremdsprachenunterricht stellt sich als besonders schwer zu unterrichten dar. Präzise Aussprache und sinnvolle Korrekturen im sprachlichen Bereich sind unter den Masken nahezu unmöglich. Auch der zurzeit im Freien angeordnete Sportunterricht erweist seine Tücke im Detail. Manche Parkanlagen werden gleichzeitig auch als Hundetoilette genutzt und so ist es keinesfalls entspannt, den Unterricht draußen durchzuführen. Wie die Situation aussieht, wenn es zu einem Unfall kommt und die Sportlehrerin oder der Sportlehrer alleine entscheiden muss, ob das verletzte Kind ins Krankenhaus begleitet werden muss und wie gleichzeitig die Sportgruppe zu beaufsichtigen ist, bleibt nicht nur rechtlich ein Rätsel.

2. „Konzepte“ für eine Mischung aus Präsenzunterricht und Distanzlernen:

Erfreulich für uns ist, dass aus einigen Schulen rückgemeldet wird, dass das Unterrichten auf Distanz gut angelaufen ist. Dem steht aber eine Vielzahl von Schulen entgegen, in denen es an digitalen Endgeräten vor allem für die Schüler fehlt. Und Zuhause gibt es in sozial schwächer gestellten Familien häufig nur einen Computer oder gar keinen. Zudem würde vorhandene Hardware allein noch lange keinen digitalen Unterricht bedeuten: Zahlreiche Kollegen benötigten dringend Fortbildungen sowie geeignete Hard- und Software und sichere Plattformen.

Schüler brauchen Selbstkompetenzen

Und schließlich benötigen zahlreiche Schüler Selbstkompetenzen, um sich alleine „auf den Weg zu machen“, wenn digitale Aufgabenformate sie erreichen (sollen) – wie z.B. Fähigkeiten, sich selbst zu organisieren, zu motivieren, zu strukturieren oder Grundkompetenzen wie Zutrauen, Verantwortlichkeit, Arbeitsmethoden, Optimismus usw. – diese sind zur Zeit nicht Schwerpunkte von Curricula.

Fazit Nr. 2 der GEW Herne: Distanzlernen ist mehr, als nur das Vorhandensein von Hardware – und selbst deren Vorhandensein ist bisher in vielen Fällen reines Glück. Das Abwälzen von Erarbeitungen von Lösungen an einzelne Schulen kann nach unserer Analyse gar nicht funktionieren.

Sowohl im Bereich der Sicherheits-Setzungen im Zusammenhang mit Corona als auch im Bereich der Notfall-Digitalbeschulung wäre es wichtig, nicht nach oberflächlicher Betrachtung Erfolge zu verkünden, sondern tiefgreifend Lösungen zu suchen. Eine ausreichende Sicherheit in Zusammenhang mit Corona könnten momentan nur virendichte Schutzmasken liefern oder ausreichende Distanz bei ausreichender Belüftung, was nur mit deutlich mehr Lehrpersonal und Konzepten von Kleingruppenlösungen zu gewährleisten wäre.

Auch im Bereich des vielleicht notwendigen Distanzlernens wäre es wichtig, die Schulen aktiv zu unterstützen und tiefgreifende Neuausrichtungen des Systems vorzunehmen. Ein „weiter wie bisher – nur mit Tablets und auf Distanz“ wird große Teile gerade von Schüler*innen aus benachteiligten Familiensystemen noch stärker „abhängen“ als bisher schon sowieso.

Die GEW Herne wünscht sich, dass die realen Probleme vor Ort bei den Verantwortlichen in Stadt, Bezirk und Land nicht nur auf offene Ohren, sondern auch auf eine Haltung stoßen, die das Dilemma in den meisten Schulen sehr gründlich und durchdacht zu beseitigen gewillt ist. Tun sie es nicht, würde das Leben von Menschen gefährdert werden.

Quelle: