Gespenster aus dem Wiener Wald

Horvath-Inszenierung am Schauspielhaus Bochum

Gespenster aus dem Wiener Wald - Ulvi Teke und Thomas Anzenhofer.
Ulvi Teke und Thomas Anzenhofer. Foto: Lalo Jodlbauer

Wien, 8. Bezirk, zu Beginn der Dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts. Die junge, reichlich naive Marianne (trotz roter Bäckchen kein süßes Bilderbuch-Mädel: die überragende Marina Galic, Gast vom Hamburger Thalia-Theater) sehnt sich nach der großen Liebe, nach Mutterglück und nach einem zufriedenen (klein-) bürgerlichen Leben. Ihr erster Traum, ein Institut für Rhythmische Gymnastik zu eröffnen, ist früh geplatzt, weil ihr Vater (langmähniger Alt-68er Schluffen: Bernd Rademacher) die Ausbildung nicht bezahlen wollte.

Der selbstsüchtige, wenn auch nicht wie bei Horvath cholerische Witwer benötigt sein einziges Kind für den Haushalt – und das Geschäft, welches ihm den Spitznamen „Zauberkönig“ eingebracht hat: Scherzartikel und Spielzeug samt Puppenklinik. Marianne soll keine Flausen im Kopf haben, sondern ihm die Sockenhalter nachtragen. Und wenn schon geheiratet werden muss, dann in der Nachbarschaft, was nicht nur räumlich gemeint ist: Papa hat für sie den – hier im wahren Wortsinn – gut betuchten Fleischhauer Oskar (weder grobschlächtig noch gutmütig, sondern feinsinnig und elegant: Mourad Baaiz) als Gatten ausgesucht.

Gespenster aus dem Wiener Wald. v.l. Bernd Rademacher, Mourad Baaiz, Ulvi Teke, Marius Huth, Gina Haller und Karin Moog, vorn: Marina Galic.
v.l. Bernd Rademacher, Mourad Baaiz, Ulvi Teke, Marius Huth, Gina Haller und Karin Moog, vorn: Marina Galic. Foto: Lalo Jodlbauer

Welchen sich Marianne partout nicht als Vater ihrer Kinder vorstellen kann: „Jetzt bricht der Sklave seine Fessel!“ Sie verlässt Oskar noch während der Verlobungsfeier und brennt mit dem windigen, aber charmanten Rennbahn-Zocker Alfred (nicht wirklich ein Widerling von Strizzi: Ulvi Teke) durch. Denn der ist der erste Mann in ihrem Leben, der sie als Frau wahrnimmt: „Lass mich aus dir einen Menschen machen – du machst mich so groß und weit.“

Allerdings ein Mann mit Vergangenheit, der gerade von der alternden Tabakladenbesitzerin Valerie (lebenshungrig, wollüstig: Karin Moog entschieden zu jung) vor die Tür gesetzt worden ist, nachdem der Arbeitslose die wohlhabende Witwe um Wettgelder betrügen wollte. Marianne aber will sich an der Seite des hier auch ein wenig melancholisch daherkommenden Habenichts aus den eigenen engen Verhältnissen befreien – und kommt vom Regen in die Traufe.

„Du entgehst mir nicht“: Es dauert kein Jahr, da scheint sich Oskars Prophezeiung zu bewahrheiten. Alfred ist ihrer längst überdrüssig, hat das gemeinsame Kind, den kleinen Leopold, in die Obhut seiner Mutter (Bochum-Rückkehrer Thomas Anzenhofer) draußen in der Wachau gegeben und sehnt sich an den nährenden Busen der gönnerischen Trafikantin zurück. Die sich inzwischen mit dem deutsch-nationalen Studenten Erich (verhärmt-verklemmter Außenseiter in kurzen Hosen: Marius Huth, Ensemble-Neuzugang aus Wien) tröstet. Marianne muss selbst für sich sorgen und begibt sich in die Hände einer zweifelhaften Baronin, wo sie ihren Traum von Rhythmischer Gymnastik verwirklichen kann – freilich auf eine ihr gänzlich widerwärtige Art.

Am bitteren Ende hat Mariannes endlich doch zur Versöhnung bereiter Vater einen Schlaganfall erlitten beim Anblick seiner Tochter im Rotlicht-Schuppen Maxim, ist der kleine Leopold an Zugluft - und der so gehässigen wie geilen Großmutter - gestorben und sie selbst gerade eine vierwöchige Untersuchungshaft abgesessen nach falschen Anschuldigungen eines aus den USA zurückgekehrten Wieners: „Ich kann nicht mehr. Jetzt kann ich nicht mehr.“

Ödön von Horvaths rabenschwarzes Volksstück „Geschichten aus dem Wiener Wald“, 1931 an Max Reinhardts Deutschem Theater Berlin u.a. mit Carola Neher, Hans Moser, Paul Hörbiger und Peter Lorre von Heinz Hilpert uraufgeführt, ist ein Ensemblestück. Als solches hat es Hausherr Elmar Goerden 2008 am Schauspielhaus Bochum binnen dreieinhalb hochspannender Stunden inszeniert – mit Burghart Klaußner als „Zauberkönig“, Katja Uffelmann als Marianne, Felix Vörtler als Oscar, Uwe Bohm als Alfred – und dem Indigo-Streichquartett.

Elf Jahre später kommt Karin Henkel am gleichen Ort ohne Heurigen-Stimmung, Prater-Atmosphäre und Walzer-Seligkeit mit sechzig Minuten und einem halben Dutzend Schauspielern weniger aus, vergleichsweise nicht ganz so umjubelte Premiere an der Königsallee war am 3. Oktober 2019. Die Bochum-Rückkehrerin seit sage und schreibe sechzehn Jahren (Haußmann-Ära) offenbart gleich zu Beginn auf Thilo Reuters düsterer Asphaltbühne, übersät mit scheinbar in Plastik verpackten Leichen, die ganze Geschichte auf einen Blick: hinter einem schwarzen Gazevorhang scheint ein bleicher Totenschädel hervor, während vorn ein noch frisches Kindergrab aufgeschüttet ist.

Hinter den ganz in Schwarz verhüllten „Zwei Gestalten“, die im ouvertürenhaften Prolog das berühmte „Wachau-Lied“ anstimmen, verbergen sich Thomas Anzenhofer und Gina Haller, die in zahlreiche kleinere Rollen schlüpfen. Ersterer etwa in Alfreds Mutter Frieda, die ihren Sohn wie ein Baby auf dem Schoß mit allerdings saurer Milch füttert, der Bochum-Rückkehrer als Oskars Gehilfe Havlitschek und Gina Haller als elfjähriges Mädchen Ida– und beide als gedoppelter Zombie von Rittmeister.

Mourad Baaiz betritt als Oskar nicht nur mit blutiger Schürze, sondern gleich mit der Kettensäge die Bühne, während eine puppenhafte Marianne, die zwischenzeitlich im einzigen Requisit auf der Bühne, einer Kühltruhe, verschwindet, Pirouetten dreht und Thomas Anzenhofer gleichzeitig eine geschlachtete Sau ausnimmt. Und dann entsteigt plötzlich eine wundersame Mariannen-Vermehrung besagter Truhe und formiert sich zum Reigen an der Rampe: Bilder-Theater.

Karin Moogs Valerie, der die Kostümbildnerin Nicole Timm ein hautenges weinrotes Lederoutfit angepasst hat, schält sich als letzte aus dem Plastikfolien-Kokon: aufreizend rot geschminkter Mund, Zigarette. Derweil fuchtelt Alfred immer mit einem Küchenmesser herum. Wenigstens Oskars Likörbonbon-Slapstick ist ganz lustig, wenn auch nicht weniger sinnfrei wie aller andere Aktionismus. Der darin gipfelt, dass Alfred die Verlobungsfeier Oskars und Mariannes mit einer neumodischen Drohne stört. Auf das die Gesellschaft in das wohl für die angeblich blaue Donau stehende runde Wasserbassin in der Bühnenmitte steigt, Mourad Baaiz eine Jiu-Jitzu-Vorführung beisteuert und Oscar seine frisch Verlobte inflagranti mit Alfred erwischt.

Gespenster aus dem Wiener Wald auf der Jagd nach dem Glück. Weil Bochums Chefdramaturg Vasco Boenisch der nicht wirklich überraschende Vergleich von NSDAP- mit AfD-Kulturpolitik im Programmheft noch nicht reicht, wird Erichs Part „mit einigen Zitaten – teils literarischen, auch von Horvath, teils realen, politischen von damals und heute“ geschärft. Hätte nicht sein müssen, wäre aber auf Zustimmung Ödön von Horvaths gestoßen, der im Gespräch mit Willi Cronauer am 6. April 1932 im Bayerischen Rundfunk das Volksstück so definierte: „Es gibt eine ganze Anzahl ewig-menschlicher Probleme, über die unsere Großeltern geweint haben und über die wir heute lachen – oder umgekehrt. Will man also das alte Volksstück heute fortsetzen, so wird man natürlich heutige Menschen aus dem Volke – und zwar aus den maßgebenden, für unsere Zeit bezeichnenden Schichten des Volkes auf die Bühne bringen.“

Oktober
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Freitag
Freitag, 25. Oktober 2019, um 19:30 Uhr Schauspielhaus Bochum , Königsallee 15 , 44789 Bochum Horvaths „Geschichten aus dem Wiener Wald“ stehen wieder am 25. Oktober, 2., 10., 22. und 27. November 2019 auf dem Spielplan, Karten unter www.schauspielhausbochum.de oder Tel 0234 – 33 33 55 55.

Weitere Termine:

  • Sonntag, 27. Oktober 2019, um 19:30 Uhr
  • Samstag, 02. November 2019, um 19:30 Uhr
  • Sonntag, 10. November 2019, um 19 Uhr
  • Freitag, 22. November 2019, um 19:30 Uhr

Heutige Menschen in einem heutigen Volksstück – da ist Karin Henkel wenn überhaupt auf halbem Wege steckengeblieben. Immerhin gewinnt ihre durchgängig stilisierte Inszenierung nach der Pause an emotionaler Wucht. Was an den tollen Schauspielern, allen voran an der frappierend alterslosen Marina Galic liegt, die sich am Ende doch nicht vollständig hat einkasteln lassen in ein Regiekonzept mit immer wiederkehrenden Bildern, die vom Schauspiel inzwischen auch ins Musiktheater überschwappen. So taucht die Kettensäge, seit Christoph Schlingensief und La Fura dels Baus eine beliebte, inzwischen nur noch langweilende Metapher, wie das Castorfsche Wasserbassin auch in David Böschs jüngster Inszenierung der Spieloper „Die lustigen Weiber von Windsor“ Otto Nicolais an der Berliner Staatsoper auf – zum Gähnen!

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