Fast ein Schlaraffenland

Kolumne von Dr. Gerd Dunkhase

Coolcats im Schlaraffenland.
Coolcats im Schlaraffenland. Foto: Jörg Lippmeyer

Wenn man den Medien, manchen Politikern und den professionellen Häuptlingen von so genannten Patienten-Schutz-Organisationen glauben dürfte, müsste man eigentlich zu dem Schluss kommen, in Deutschland bestünde ein geradezu gruseliges Gesundheitswesen. Die Kliniken, Ärzteschaft und Pharmaindustrie hätte sich verschworen, die Ärmsten der Armen um ihre Gesundheit und ihr Leben zu bringen. Der arme Patient und ganz besonders der Kassenpatient: Nicht nur bei der Terminvergabe, auch bei der Qualität medizinischer Leistungen würde er zugunsten reicher Privatpatienten diskriminiert. Dieser bekäme jeden Blödsinn von seiner Versicherung bezahlt, der gesetzlich Ver(un)sicherte nur das billigste vom Billigen.

Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey.
Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey. Foto: Wolfgang Quickels

Mit diesem Zungenschlag publiziert zum Beispiel die Bertelsmann-Stiftung mit schöner Regelmäßigkeit ihre Statistiken. Gerne werden diese von Krankenkassen in Auftrag gegeben, die dann auch die Auswahl des statistischen Materials liefern. Eine genaue Untersuchung dieser Statistiken, die neben wirtschaftlichen Anreizen auch soziale, gesellschaftliche und rechtliche Rahmenbedingungen berücksichtigt, also ernsthaften wissenschaftlichen Kriterien genügen kann, habe ich bislang noch nicht gesehen.

Gleichzeitig (oder vielleicht gerade deswegen) kann man in einschlägigen Foren im Internet, häufig auch in den Produkten der „Yellow Press“ immer wieder Anleitungen zu Tricksereien lesen. Da erfährt man dann genau, mit welchen angeblichen Krankheiten und Beschwerden man seinen Arzt am besten behumpsen kann, um eine Krankschreibung zu ergattern. So sei für die Verlängerung des Wochenendes der Hausarzt das geeignete Opfer. Kopfschmerzen oder Durchfall sind schwer zu widerlegen, dafür bekommt man immer 3 – 4 Tage. Längerfristige Leiden könne man am besten beim Orthopäden oder Neurologen geltend machen. Frauen sollten auch gerne den Gynäkologen bemühen, da Unterleibsbeschwerden nicht leicht zu widerlegen seien. Mit diesen Tricks kann man sogar streikähnliche Zustände herbeiführen, was unlängst die TUI-Fly bei einer unpopulären Unternehmensentscheidung eindrucksvoll erfahren durfte. Nicht dass ich TUI-Fly jetzt besonders bedaure, aber das, was da mit den Krankmeldungen der Mitarbeiter ablief, war massenhafter Betrug. Eigenartigerweise ist das weder den Medien, den Politikern oder gar den Gewerkschaftern aufgefallen. Oder sollten sie am Ende diese Form des Betruges als Mittel des Arbeitskampfes für legitim erachten?

Beliebt sind auch Anleitungen, wie die Rezeption der Arztpraxis auszutricksen sei, um sich zum Notfall hochzustilisieren und so trotz fehlenden Termins eine Wunschbehandlung zu ergattern. Genau wird beschrieben, wie man es anstellen muss, damit die Wellness-Angebote der Mucki-Bude von der Krankenkasse, also letztlich von der Gemeinschaft der Versicherten bezahlt werden.

In Wahrheit ist unser Gesundheitswesen auch und ganz besonders im internationalen Vergleich geradezu ein Schlaraffenland. Niemand muss sich Sorgen machen, dass ihm im Bedarfsfall irgendetwas vorenthalten wird. Die gesetzlichen Krankenkassen liefern ihren Kunden eine Flatrate nicht nur für teuerste Behandlungen sondern auch auch für unsinnigsten Konsum. Nein, nicht der Mangel ist unser Problem im Gesundheitsmarkt sondern ein in weiten Teilen geradezu grotesker Überfluss. Weshalb sollten die Kaufleute Apotheker, Ärzte und Krankenhäuser ihren Kunden / Patienten auch ihre Produkte verweigern? Dann gehen die Kunden halt zum nächsten, wo ihre Wünsche befriedigt werden. Und, wie das so ist: Überfluss mach fett, feist, faul und krank. Wahrscheinlich ist das der Grund, weshalb die durchschnittliche Lebenserwartung in Skandinavien höher ist als bei uns.

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