Ein Transport als Corona-Patient

Der (gesunde) Selbstversuch im Wagen von HospiTrans

Transport eines 'fiktiven coronainfizierten' Patienten' durch die Firma Hospitrans.
Transport eines 'fiktiven coronainfizierten' Patienten durch die Firma HospiTrans. Foto: Carola Quickels

Vorweg: Selbstversuche aller Art kommen in der halloherne-Redaktion sehr selten vor, wir beschränken uns normalerweise auf Nachrichten und Berichte, in denen Experten oder die jeweiligen Verantwortlichen, Geschäftsführer o. Ä. zu Wort kommen. Außerdem habe ich diesen Selbstversuch als (vermutlich) gesunder Patient ohne Covid-19-Infektion wahrgenommen. Ohne Test und ohne Symptome ist das jedoch auch nicht zu 100 Prozent klar.

Trotzdem stand dann am Samstag (28.11.2020) der Tag an, an dem ich als Redakteur von halloherne, der Corona-Testpatient sein und der Transport wie bei einem wirklichen Fall ablaufen sollte. Dazu begleitete eine Volontärin von Radio Herne mich und die HospiTrans-Mitarbeiter durch den Tag.

Vorbereitung für den Transport eines 'fiktiven coronainfizierten' Patienten durch die Firma Hospitrans. im Bild v.l.: Kevin Siderczyk und Hospitrans-Chef Klaus Möllmann. Vorbereitung für den Transport eines 'fiktiven coronainfizierten' Patienten durch die Firma Hospitrans. im Bild v.l.: Kevin Siderczyk und Hospitrans-Chef Klaus Möllmann. Transport eines 'fiktiven coronainfizierten' Patienten durch die Firma Hospitrans. im Bild v.l.: Kevin Siderczyk und Hospitrans-Chef Klaus Möllmann.

Transport eines fiktiven coronainfizierten Patienten

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Ich wartete in der Redaktion und spielte fiktiv vor, dass es mir schlecht geht und möglicherweise eine Covid-19-Infektion vorliegt. Das Krankentransport-Unternehmen HospiTrans unterstützt die Feuerwehr Herne bei Fahrten von Corona-Patienten, nun war einer der Wagen also auf dem Weg zum Kuckucksweg 13. Ich hatte als Anweisung erhalten, in den Redaktionsräumen in der ersten Etage mit Mund-Nasen-Schutz zu warten. „Echte“ infizierte Personen sollen das genauso tun.

Unten geparkt, begannen die Hygienevorkehrungen von HospiTrans-Chef Klaus Möllmann und Rettungssanitäter Kevin Siderczyk. Große Schutzanzüge, Füßlinge, FFP2-Maske, Einmal-Handschuhe und Schutzbrille: In voller Montur betraten sie den (fiktiv) kontaminierten Redaktionsraum. Das sah eher nach der Spurensicherung der Kriminalpolizei aus, wenn ein Tatort untersucht werden muss. Mit im Gepäck hatten sie eine Art Rollstuhl, der auch über Treppen steigen kann.

Ich bekam ebenfalls einen Schutzanzug und eine FFP2-Maske ausgehändigt. In den Anzug kam ich als fitter Mensch ohne Probleme selbst hinein. Aber besonders ältere oder körperlich schwache Personen werden dabei auf Hilfe angewiesen sein. Zunächst wurde noch einmal Puls gemessen, bevor ich im Stuhl angeschnallt wurde. „Arme vor den Körper legen und nicht ans Geländer fassen, sonst besteht Gefahr“, sagte Siderczyk, mit ruhiger, aber bestimmte Stimme. Gesagt, getan.

Kevin Siderczyk von der Firma Möllmann bereitet 'fiktiven Patienten' für den Transport vor.
Kevin Siderczyk von der Firma Möllmann bereitet den 'fiktiven Patienten' für den Transport vor. Foto: Carola Quickels

Ich wurde nun in Richtung Treppenhaus geschoben, an der Treppe angekommen, schieben sich die Rollen langsam über selbige - genau beobachten konnte ich das nicht, mein Blick ging geradeaus, meinen Körper konnte ich durch den Gurt nicht besonders bewegen. Was folgte, war eine Art Fahrt auf einer holprigen Holzachterbahn, obwohl es sich um eine normale Treppe handelte. Stufe für Stufe klapperte der Rollstuhl herunter. Für Menschen mit Rückenproblemen nicht besonders zu empfehlen - aber da wäre Covid-19 sowieso das größere Problem.

Nach geschätzt 20 Stufen Schleudersitz kamen wir dann an der Straße an, wo der Krankentransportwagen, wie die korrekte Bezeichnung lautet, wartete. Klaus Möllmann öffnete als Fahrer des Zweiertrupps die Hintertür. Zuvor hatte er bereits mit mehreren Metern Abstand seinen Schutzanzug (pro Stück Kostenpunkt 37 Euro, werden aber von der Feuerwehr Herne bereitgestellt) ausgezogen und entsorgt. Das passiert, damit der Wagen von außen nicht in Berührung mit einer (möglicherweise) infizierten Person kommt und ebenfalls kontaminiert wäre. Ab diesem Zeitpunkt hat dann nur noch der zweite Mitarbeiter im Wagen etwas mit dem Patienten zu tun.

Ich wurde in den hinteren Bereich samt Stuhl geschoben, Kevin Siderczyk nahm mit zwei Metern Abstand auf einem Sitz Platz, die Liege blieb frei. „Je nach Krankheitsbild wird auch die Liege benutzt“, erläutert der Rettungssanitäter. Schließlich setzt sich der Krankentransport in Richtung Innenstadt in Bewegung. Die Fahrt verlief ruhig, der Fahrer brachte uns gut ans Ziel. „Normal werden Gespräche auf ein Minimum reduziert, um nicht unnötig Aerosole auszustoßen“, merkte Siderczyk an. An der Bahnhofstraße angekommen, herein gefahren über die Kirchhofstraße, hieß es nach wenigen Metern: Ziel erreicht. Hier wäre eine Arztpraxis.

Transport eines 'fiktiven coronainfizierten' Patienten durch die Firma Hospitrans.
Für den 'fiktiven coronainfizierten' Patienten geht es in den Krankentransportwagen Foto: Carola Quickels

Doch, Moment: Erstmal muss dazu der Patient, in diesem Fall ich, aus dem Wagen heraus. Dazu machte Klaus Möllmann den Wagen auf und legte die schräge Rampe an den Wagen. Ab diesem Zeitpunkt hätte er wieder einen (neuen) Schutzanzug anziehen müssen, da er nun erneut mit dem (infizierten) Patienten zu tun hat. Kevin Siderczyk schob mich aus dem Wagen und es liefen natürlich Passanten durch die Innenstadt. Krankentransportwagen, Personen in Schutzanzügen, einer im Rollstuhl: Das erregt Aufmerksamkeit. Unzählige, unangenehme Blicke der Fußgänger schauten in meine Richtung. Obwohl ich, zumindest so weit ich es einschätzen kann, keine Corona-Infektion habe, hätte auch lautes Rufen nichts genutzt. Wer glaubt schon einem Fremden im Schutzanzug im Rollstuhl, dass die Person gesund ist? Ich hätte da wahrscheinlich auch meine Zweifel.

Einigen Passanten schien das aber weniger auszumachen, ohne die Rufe „Halten Sie bitte Abstand“ von Klaus Möllmann hätte ich denen vermutlich die Hand reichen können, so nah wäre es geworden. Andere dagegen machten einen großen Bogen um den vermeintlichen Corona-Patienten herum.

Zugegeben: Ich war froh, als es hieß, wir sind fertig und ich wieder in den Wagen geschoben wurde und die Türen geschlossen waren. Daher kann ich mir nun annähernd vorstellen, wie sich wirkliche Covid-19-Patienten fühlen müssen, erst recht, wenn unbeteiligte Personen dies mitbekommen. „Wir wollten mit diesem Transport zeigen, dass keiner davor Angst haben muss. Die Herner sollen sich sicher fühlen, gleichzeitig wollten wir sie dafür sensibilisieren, welche Sicherheitsvorkehrungen nötig sind“, sagte der 26-jährige Siderczyk über die Aktion. Er hat ehrenamtlich beim DRK angefangen, bevor er in der Branche hängengeblieben ist. Seit acht Jahren ist er im Rettungsdienst tätig, neun Monate dabei bei HospiTrans.

Der 'fiktive coronainfizierten' Patienten wird von Radio Herne interviewt.
Der 'fiktive coronainfizierten' Patienten wird von Radio Herne interviewt. Foto: Carola Quickels

Übrigens: Obwohl draußen nur Temperaturen um die drei Grad Celsius waren, hatte ich nur eine normale Hose und ein T-Shirt unter dem Schutzanzug an. Mir war damit weder kalt noch warm, mit Jacke oder Pullover hätte ich wohl noch geschwitzt.

Fünf bis sechs „richtige“ Transporte fährt das Unternehmen derzeit täglich von Montag bis Freitag - für jede Fahrt werden drei Schutzanzüge samt Schutzhandschuhen, Brillen, Masken und Füßlinge benötigt, die anschließend entsorgt werden. „Das Besondere an diesen Fahrten ist, dass man vom Gefühl her nie weiß, ob es richtig ist, was man tut. Man kann sich nur an die Vorgaben und Vorschriften halten“, beschreibt Klaus Möllmann. „Die wichtigste Frage ist: Bin ich noch gesund, wenn ich abends zu meiner Familie nach Hause komme? Man konnte diese Einsätze auch vorher nicht üben. Es ist ein Kampf gegen einen unsichtbaren Feind.“

So gingen aufregende Stunden zu Ende. Mir bleibt zu hoffen, dass mir das erspart bleibt. An dieser Stelle wünsche ich allen an Covid-19-Erkrankten schnelle und gute Genesung, selbstverständlich aber auch allen, die anderweitige Krankheiten haben.

Lagebesprechung nach dem Einsatz, der fiktive Corona Patient macht sich letzte Notizen. Die Hospitrans-Menschen schauen zu.
Lagebesprechung nach dem Einsatz, der fiktive Corona-Patient macht sich letzte Notizen. Die Hospitrans-Menschen schauen zu. Foto: Carola Quickels
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