Die unendliche Geschichte

Karin Eppler Dramatisierung am WLT

Begegnung auf dem Schul-Dachboden: Atréju (Thyra Uhde), Basti (Chris Carsten Rohmann) und der Glücksdrache Fuchur (Vincent Bermel).
Begegnung auf dem Schul-Dachboden: Atréju (Thyra Uhde), Basti (Chris Carsten Rohmann) und der Glücksdrache Fuchur (Vincent Bermel). Foto: Volker Beushausen

„Behindi-Basti“, „Basti-Spasti“ und „Gib dein Handy her!“: An seinem 12. Geburtstag ergreift Bastian Balthasar „Basti“ Bux (Chris Carsten Rohmann) in der Pause vor dem Deutschunterricht die Flucht vor seinen ihn mobbenden Mitschülern. Auf dem Dachboden der Schule, zwischen ausrangierten Turnmatten, einem Skelett aus dem Biounterricht und einer ganzen Phalanx von verstaubten Archivkartons (Ausstattung: Marc Mahn) findet er eine dickleibige Schwarte. „Sieht gar nicht aus wie ein Schulbuch“, stellt Basti fest, was seine Neugier weckt.

Mit „Es war Mitternacht in Phantásien…“ beginnt die ihn sogleich fesselnde Lektüre bei Bonbons und O-Saft aus dem Rucksack. Während ein Erzähler aus dem Off das erste von 26 (!) Kapiteln rezitiert, erscheinen im Hintergrund mit dem Nachtalb (Thyra Uhde), dem Irrlicht Blubb (Luisa Chichosch), dem Winzling (Vincent Bermel) und dem Felsenbeißer (Mark Plewe) vier Gesandte auf dem Weg zum Weißen Elfenbeinturm und damit zur Kindlichen Kaiserin. Der Schulgong sorgt nur für eine kurze Unterbrechung, auch Mathematik findet ohne Basti statt, der sich immer stärker in die phantastische Welt des 1979 erschienenen globalen Bestsellers „Die unendliche Geschichte“ von Michael Ende (1929-1995) vertieft.

Wilde Mischung der farblich gekennzeichneten Wirklichkeits-Ebenen: Atréju (Thyra Uhde) und ihr Pferd Artax (Mark Plewe).
Wilde Mischung der farblich gekennzeichneten Wirklichkeits-Ebenen: Atréju (Thyra Uhde) und ihr Pferd Artax (Mark Plewe). Foto: Volker Beushausen

In dem sich die Erde, die reale Welt, und das märchenhafte Reich der Phantasie durch den Protagonisten Bastian Bux vermischen – wie auch in der modernen Bühnenfassung der Regisseurin Karin Eppler am Westfälischen Landestheater. In der „Basti“ seine im Krankenhaus verstorbene Mutter ebenso vermisst wie seinen beruflich stark geforderten Vater, der selbst am Geburtstag seines einzigen Kindes nur auf die Tiefkühlpizza im Kühlschrank daheim verweist. Weshalb der Junge lieber unterm Schuldach verfolgt, wie der etwa gleichaltrigen Atréju (Thyra Uhde als Amazone) von Cairon (Vincent Bermel) mit dem Auryn-Medaillon des Glücksdrachens auf die „Große Suche“ geschickt wird. Denn das grenzenlose Reich Phantásien wird vom Nichts bedroht und nur „das Kind von allen“ kann es vor dem Untergang bewahren.

Bis Bastian den Mut findet, als „Basti phantasti“ zum Helden seiner eigenen Geschichte zu werden – und sich am Ende mit seinem Vater zu versöhnen, geht’s mit dem Pferd Artax (Mark Plewe) zur Schildkröte Morla (Vincent Bermel) in den Sumpf der Traurigkeit, zu Uyulála (Thyra Uhde), um einen Namen für die Kindliche Kaiserin (Luisa Chichosch) zu finden, und zum Werwolf Gmor (Mark Plewe), der Atréju schließlich den richtigen Weg weist.

„Es gibt Menschen, die können nie nach Phantásien kommen, und es gibt Menschen, die können es, aber sie bleiben für immer dort. Und dann gibt es noch einige, die gehen nach Phantásien und kehren wieder zurück. Und sie machen beide Welten gesund“: In Michael Endes „Die unendliche Geschichte“, 1980 mit dem deutschen und im Jahr darauf mit dem europäischen Jugendbuchpreis ausgezeichnet, werden die unterschiedlichen Realitäts- und Phantasieebenen farbig gekennzeichnet. Was Karin Eppler in der über sechzig Minuten hochspannenden Inszenierung ihrer grandios konzentrierten Bühnenadaption für alle ab zehn Jahren (bzw. ab 5. Klasse) übernimmt, die ursprünglich am 21. Februar 2021 in Castrop-Rauxel Premiere feiern sollte.

Das immer noch vielköpfige Figurenarsenal agiert in schwarzen Trikots, leicht unterscheidbar durch weiße Attribute wie eine Schärpe bei Cairon, ein Helm bei Fuchur oder Wollmützen bei den Gnomen. Weil sich nicht absehen lässt, wann wieder vor Publikum gespielt werden kann, so ist eine Aufführung im Herner Kulturzentrum für das Frühjahr 2022 terminiert, hat das WLT die Wuppertaler Filmprofis Siegersbusch, die u.a. auch für das Schauspielhaus Bochum tätig sind, mit einer Aufzeichnung der unter Corona-Bedingungen zustande gekommenen packenden Inszenierung beauftragt. Diese kann nun vier Wochen lang bis 26. Mai 2021 über die Homepage des Westfälischen Landestheaters im Bereich „WLT digital“ gestreamt werden.

Autor: