Dido and Aeneas

Barock-Triumph am Aalto Theater Essen

'Dido and Aeneas': Die Zauberin (Bettina Ranch, l.) als Doppelgängerin Didos (Jessica Muirhead, r.), dazwischen Aeneas (Tobias Greenhalgh).
'Dido and Aeneas': Die Zauberin (Bettina Ranch, l.) als Doppelgängerin Didos (Jessica Muirhead, r.), dazwischen Aeneas (Tobias Greenhalgh). Foto: Bettina Stöß

Aeneas (der US-amerikanische Bariton Tobias Greenhalgh), Sohn der Göttin Venus und des Königs Anchises von Troja, ist es als einem der wenigen Trojaner gelungen, aus der von den Griechen besiegten und geplünderten Stadt zu fliehen. Auf seiner Fahrt nach Italien, die insgesamt sieben Jahre dauern wird, gelangt er nach Nordafrika. In Karthago verliebt er sich unsterblich in die dortige Königin Dido (herausragend: die britisch-kanadische Sopranistin Jessica Muirhead), die ihrem verstorben Gatten, dem sie einst über den Tod hinaus ewige Treue geschworen hat, nachtrauert. Obwohl sie keine weitere Beziehung mehr eingehen will, verliebt sich Dido in Aeneas. Ihre Hofdame Belinda (in Essen, warum auch immer, Didos Schwester: die deutsch-italienische Sopranistin Giulia Montanari) unterstützt die Versuche von Aeneas, ihre Herrin von ihrem Keuschheitsschwur abzubringen. Mit Erfolg zum Ende des ersten Aktes.

Der zweite beginnt mit unheilschwangerem Donnergrollen. Eine Zauberin (die Berliner Mezzosopranistin Bettina Ranch, warum auch immer, als Doppelgängerin Didos) schickt, zumindest im Libretto von Nahum Tate, einen Getreuen in der Gestalt des Götterboten Merkur zu Aeneas, um diesen an seinen göttlichen Auftrag zu erinnern, in Italien eine neue Stadt, Rom, zu begründen. Aeneas folgt, wenn auch widerstrebend, dem angeblichen Befehl Jupiters und lässt die Segel setzen. Unter dem spöttischen Gelächter der Hexen (Giulia Montanari und die amerikanische Sopranistin Christina Clark) kommen die Liebenden im dritten Akt ein letztes Mal zusammen: Während Aeneas seinen Entschluss zur Abreise verschleiert, weist Dido ihn zurück. Sie verabschiedet sich in Essen nicht von Belinda, sondern vom abwesenden Aeneas, den ein leerer Stuhl symbolisiert, bevor sie mit gebrochenem Herzen stirbt.

'Dido and Aeneas': Statt Vergils göttlicher Mächte in der literarischen Vorlage „Aeneis“ verleitet bei Purcell eine Zauberin (Bettina Ranch) Aeneas zur Trennung von Dido.
'Dido and Aeneas': Statt Vergils göttlicher Mächte in der literarischen Vorlage „Aeneis“ verleitet bei Purcell eine Zauberin (Bettina Ranch) Aeneas zur Trennung von Dido. Foto: Bettina Stöß

Mit dem berührenden Klagegesang „Dido’s Lament“ endet nach nur einer Stunde Henry Purcells „Dido and Aeneas“ nach Vergils römischem Nationalepos „Aeneis“, weshalb das dreiaktige barocke Meisterwerk, wahrscheinlich 1688/89 in Chelsea (London) uraufgeführt, zumeist in Kombination mit einem anderen Stück zur Aufführung gelangt. So auf spektakuläre Weise im Mai 2009 am Gelsenkirchener Musiktheater im Revier mit Peter Maxwell Davies‘ „Miss Donnithorne’s Maggot“ von 1974 in der Inszenierung Bernd Schindowskis mit einer überragenden jungen Mezzosopranistin Anna Agathonos.

Im Essener Aalto Theater steht, in englischer Sprache mit deutschen Übertiteln, „Dido and Aeneas“ für sich. Bereits Anfang 2021 unter Corona-Bedingungen produziert, aber aufgrund des damaligen Lockdowns nicht gezeigt, konnte nun ein Jahr später die Inszenierung Ben Baurs endlich Premiere feiern. Sie setzt nicht immer nachvollziehbare Akzente: Der auch für die Bühne verantwortliche Regisseur hat diese mit einem Aschenboden bedeckt. Die verbrannte Erde steht ebenso für das Ergebnis blutiger Auseinandersetzungen aller Zeiten wie der nackte, mit Wunden bedeckte Oberkörper des Kriegshelden Aeneas. Dem Baur in einer kurzen, stummen Szene einen Knaben und einen Greis allegorisch an die Seite stellt. Weniger einleuchtend dagegen die optische Gleichsetzung von Königin und Zauberin, zwei Seiten einer Person suggerierend (Kostüme: Uta Meenen).

Purcell setzt mit „Dido and Aeneas“ musikalische Glanzpunkte, die der junge Italiener Andrea Sanguineti, welcher im halbhohen Graben die auch in kleiner Barock-Besetzung phantastischen Essener Philharmoniker vom Cembalo aus mit Verve dirigiert, zum Leuchten bringt. Bis auf eine Ausnahme, der brasilianische Tenor Ian Spinetti als Matrose studiert noch an der Essener Folkwang-Universität, sind alle Partien aus dem eigenen Ensemble besetzt. Großes Lob auch für den einheitlich in schwarze Kutten gehüllten Chor.

Karten für die weiteren Vorstellungen am Sonntag,16. Januar, und Freitag, 11. Februar 2022, sind erhältlich im TicketCenter, II. Hagen 2 in der Essener City, an der Kasse des Aalto-Theaters, Opernplatz 10, unter Tel 02 01 / 81 22-200 sowie online unter theater-essen.de.

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