Der lasche Armin in der Delta-Falle

Kolumne von Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey

Delta, Delta - überall, wohin man schaut. Nach der Wahl ist vor dem Lockdown.
Delta, Delta - überall, wohin man schaut. Nach der Wahl ist vor dem Lockdown. Illustrator: Jörg Lippmeyer

Die vierte Welle mit der Delta-Variante rollt. In Großbritannien, den Niederlanden, Spanien und Portugal beherrscht sie bereits mit hohen Inzidenzen das Infektionsgeschehen. Auch in Deutschland dominiert die Delta-Variante, wenn auch – noch – auf niedrigem Niveau. Kanzleramtschef Helge Braun befürchtet Ende September täglich 100.000 Neuinfektionen, Jens Spahn warnt für den Herbst vor Sieben-Tage-Inzidenzen von 800 und mehr. Derweil gerät die Impfkampagne ins Stocken. Wenn das derzeitige Impftempo beibehalten wird und sonst nichts zur Eindämmung des Infektionsgeschehens geschieht, werden Spahn und Braun recht behalten.

Eines wird aber bereits sehr deutlich: Die Impfungen wirken und bieten unter realen Bedingungen einen exzellenten Schutz. Auch wenn von interessierter Seite immer wieder gemunkelt wird, tatsächlich ist die Zahl der Impfdurchbrüche, gar die Zahl der Todesfälle unter Geimpften verschwindend gering. Bei den sehr seltenen Impfdurchbrüchen (nach Schätzung der University of California in San Francisco beträgt sie nur eins zu einer Million) ist auch das Auftreten des Long-Covid-Syndroms nach bisheriger Beobachtung extrem selten. Es liegt eher in der Logik der Medien (und der Impfskeptiker), dass die Rarität der Fälle, in denen doch jemand schwer erkrankt, unverhältnismäßig hochgespielt wird. Die vierte Welle wird sich somit in der ungeimpften Bevölkerung abspielen.

Inzwischen spielt auch die Inzidenz nicht mehr die Rolle, wie im letzten Herbst, weil sie nicht mehr unmittelbar mit der Zahl schwerer und tödlicher Verläufe korreliert. Die Risikogruppen sind weitgehend durchgeimpft und somit weitestgehend geschützt. Aber, auch wenn die zu erwartenden hohen Inzidenzen hauptsächlich unter den ungeimpften Jüngeren, die häufig nicht schwer erkranken, auftreten, wissen wir nicht, welche Inzidenz wir uns erlauben können, ohne das Gesundheitssystem erneut in die Knie zu zwingen. Die überwiegende Zahl der Schwerkranken in den Kliniken ist derzeit in der Altersgruppe der 50 – 70jährigen zu finden. Diese Altersgruppe ist groß und allenfalls zur Hälfte geimpft.

Vielfach wird daher gefordert, die Lage nicht mehr nach der Inzidenz, sondern nach den Klinikeinweisungen zu bewerten. Dabei nur die Zahl der Intensivpatienten zu berücksichtigen, könnte sich jedoch als fatale Verspätung herausstellen. Aufgrund des exponentiellen Wachstums dürfte dann binnen kurzem die Überlastung eintreten. Besser wäre es, die gesamte Belegung der Krankenhausbetten mit Covid-Patienten zu überwachen.

Zum Glück haben wir das Großlabor Großbritannien. Sie lassen das Virus einfach laufen. Fast zwei Drittel der Bevölkerung sind geimpft, die bleiben cool. Die Jüngeren hoffen, dass es nicht allzu schlimm kommt. Wer sich nicht impfen lassen will, ist selber schuld. Die sich nicht impfen lassen können, müssen sehen, wie sie zurecht kommen. So etwas nennt man Durchseuchungs-Strategie. Ich bin gespannt, wie das ausgeht.

Dass die Stiko die Kinder und Jugendliche mit einer für meine Begriffe geradezu fadenscheinigen Zögerlichkeit erneut ins Feuer schickt, halte ich in der gegenwärtigen Lage für unverantwortlich. Das Infektionsgeschehen spielt sich derzeit weit überwiegend in der Gruppe der 12- bis 30-jährigen Bevölkerung ab. Solange noch nicht ansatzweise die Zahl fataler Verläufe in der unweigerlich auf uns zurollenden 4. Welle einzuschätzen ist, droht eine erneute flächendeckende Schließung der Bildungseinrichtungen, wenn nicht auch die junge Bevölkerung geimpft wird. Im Übrigen taucht Long-Covid auch bei Kindern auf, selbst wenn die zunächst nur asymptomatisch oder mit milden Symptomen erkranken. Zwar liegen bislang noch keine Zahlen über die Häufigkeit vor, aber schon ein oder auch ein halbes Prozent unter den Betroffenen wäre schlimm.

Ich vermute, Armin Laschet hat das britische Modell im Blick, wenn er den Ungeimpften die gleichen Grundrechte zurückgeben will, wie den Geimpften oder Genesenen. Ich wiederhole mich: Ein negativer Schnelltest ist eine Momentaufnahme und bietet nur eine Sicherheit für wenige Stunden. Die Qualität der Probenentnahme ist vielfach grottenschlecht. Eine Testfrequenz von 2x pro Woche ist Augenwischerei und gerade in der Delta-Welle kaum mehr als Symbolpolitik. Im Vergleich zur Zahl falsch negativer Tests ist die Zahl der Impfdurchbrüche (wenn vollständig Geimpfte sich mit dem Coronavirus infizieren und Symptome entwickeln) verschwindend gering. Will man die Pandemie in den Griff bekommen, gibt es zur Impfung überhaupt keine Alternative. Selbstverständlich können Ungeimpfte (mit Ausnahme der jungen Menschen, die von der STIKO bislang ausgebremst werden) nicht damit rechnen, dass die inzwischen mehrheitlich geimpfte Bevölkerung weiterhin deren Defizite zum Nulltarif kompensiert. Mit kostenlosen und wenig aussagefähigen Tests kann es zukünftig keinen freien Zugang zu Theatern, Kinos, Kneipen, Restaurants und Muckibuden geben. Sonst drohen diese zu institutionalisierten Superspreader-Locations zu werden. Mit Impfpflicht hat das nicht das geringste zu tun. Eine Anwendung des Rasermottos „Freie Fahrt für freie Bürger“ könnte in der Endphase der Pandemie sonst noch einmal zu katastrophalen Folgen führen.

Allerdings könnte ich mir noch eine weitere Möglichkeit der „Freitestens“ vorstellen: Wenn die Ergebnisse der Heinsberg-Studie und die Publikationen der WHO zur Sterblichkeit zutreffend sind, müssten allein in Deutschland um die 20 Millionen unbemerkte Infektionen stattgefunden haben. Da könnte doch ein – natürlich kostenpflichtiger – Antikörpertest eine durchgemachte Infektion belegen. Damit könnte man sich dann bei den Geimpften und Genesenen einreihen.

Herr Laschet scheint darauf zu pokern, notfalls den Geimpften und Genesenen nach seiner Wahl zum Kanzler einen erneuten Lockdown in der unvermeidlichen vierten Welle zumuten zu können. Er müsste sich doch darüber im Klaren sein, dass Wolfgang Kubicki mit seiner Einschätzung der verfassungsmäßigen Rechtslage nicht der allerbeste Ratgeber ist.

Die Lage ist derzeit also höchst unübersichtlich und es herrscht Wahlkampf. Der lasche Armin macht das, was er immer schon gemacht hat: Möglichst allen wohl und keinem wehe zu tun. Leider hat dieser Opportunismus in der Vergangenheit ebenso wenig zur Beherrschung der Pandemie wie zur Rettung des Klimas beigetragen. Ich könnte mir aber auch denken, dass ihn derart schwierige Projekte nicht wirklich interessieren. Sonst hätte er wohl nicht bei der Rede des Bundespräsidenten zur Flutkatastrophe im Hintergrund herumgealbert.

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