Der geheime Roman des Monsieur Pick

Romanverfilmung neu im Kino

Kinofilm: Der geheime Roman des Monsieur Pick. im Bild: Hanna Schygulla, l., mit Camille Cottin und Fabrice Luchini.
Kinofilm: Der geheime Roman des Monsieur Pick. im Bild: Hanna Schygulla, l., mit Camille Cottin und Fabrice Luchini. Foto: Roger Arpajou / Neue Visionen

Frédéric Koska (Bastien Bouillon) sitzt aufgeregt vor dem Fernsehapparat. Der berühmte Literaturkritiker Jean-Michel Rouche (wundervoll: Fabrice Luchini), ein französischer Marcel Reich-Ranicki, wird gleich sein neues Buch besprechen. Natürlich hoffen Frédéric und seine Freundin, die Lektorin Daphné Despero (Alice Isaaz), auf eine positive Besprechung des gefürchteten Kritikerpapstes, wären aber auch schon mit einer sachlichen Würdigung zufrieden: die hohe Quote des TV-Formats bringt in jedem Fall Aufmerksamkeit. Doch dann ist die Sendezeit abgelaufen und Koskas Roman mit keinem Wort erwähnt.

Auf diese Enttäuschung folgt im bretonischen Crozon gleich die nächste: Sein spöttischer Schwiegerpapa, der Buchhändler Gérard Despero (Vincent Winterhalter), war mit der Wahl seiner Tochter Daphné schon immer unzufrieden. Diese tröstet Frédéric mit dem Besuch einer singulären Einrichtung, welche es nur auf dieser Halbinsel im Département Finistère gibt: In der Bibliothek der abgelehnten Bücher werden Manuskripte von Schriftstellern gesammelt, die keinen Verlag gefunden haben. Beide entdecken beim Stöbern in den Regalen ein Werk mit dem Titel Die letzten Stunden einer großen Liebe, das von einem gewissen Henri Pick verfasst sein soll.

Kinofilm: Der geheime Roman des Monsieur Pick. im Bild: Joséphine (Camille Cottin) und Jean-Michel (Fabrice Luchini).
Kinofilm: Der geheime Roman des Monsieur Pick. im Bild: Joséphine (Camille Cottin) und Jean-Michel (Fabrice Luchini). Foto: Roger Arpajou / Neue Visionen

Daphné ist von dem maschinengeschriebenen Manuskript dermaßen begeistert, dass sie es ihrer Verlagschefin Inès de Crécy (Astrid Whettnall) so schmackhaft macht, dass diese gar nicht anders kann als das Buch zu publizieren. Der Liebesroman des vor zwei Jahren gestorbenen bretonischen Pizzabäckers Henri Pick wird sofort zum Bestseller. Was nicht zuletzt seine Witwe Madeleine Pick (Josiane Stoléru) erstaunt: Von ihrem Gatten hätte sie allenfalls ein Kochbuch erwartet. Auch Tochter Joséphine Pick (Camille Cottin) bringt Papa und Puschkin, der im Roman auftaucht, nicht zusammen. Tatsächlich wird sie später auf dem Dachboden ihres Elternhauses in Crozon eine Schreibmaschine und eine Ausgabe von Eugen Onegin finden.

Zuvor jedoch hat der Literaturkritiker Jean-Michel Rouche vor laufender TV-Kamera seine Überzeugung geäußert, dass hier Betrüger am Werk sind. Und nicht nur das: er stellt in gewohnter Schärfe und grenzenloser Überheblichkeit die Witwe Madeleine Pick derart öffentlich bloß, dass nicht nur Rouches Gattin Brigitte (Florence Muller), sondern auch der Senderchef empört ist – und beide den Kritikerpapst vor die Tür setzen. Der macht es sich fortan zur Aufgabe, zu ermitteln, wer den zweifelsohne qualitätvollen Roman wirklich geschrieben hat. Dabei geht es ihm um nichts weniger als die Verteidigung der Literatur. Während Picks im übrigen sehr belesene Tochter Joséphine an seiner Seite darauf drängt, ihren Vater nicht länger als Hochstapler dastehen zu lassen.

Beide so grundverschiedenen Ermittler setzen zunächst bei der Entdeckerin an. Doch Daphné Despero bleibt bei ihrer Version und auch aus Rouches alter Freundin Inès ist nichts Neues herauszuholen. Vor Ort im verregneten Finistère stoßen Jean-Michel und Joséphine, die sich auch menschlich immer näher kommen, auf einen immer größeren Kreis von Verdächtigen, darunter die Bibliothekarin Magali Roze (Marie-Christine Orry) und Jean-Pierre Gourvec (Marc Fraize), der Bibliotheksgründer. Dessen Roman Das Mädchen aus Sibirien einst vom renommierten Verlag Gallimard abgelehnt worden war. Ist gar Gourvecs Frau Ludmila Blavitsky (kleine, feine Episodenrolle für den deutschen Filmstar Hanna Schygulla) die große Liebe, die der Roman des Pizzabäckers beschwört? Jedenfalls besteht ihre Ehe nur zum Schein. Als Inès de Crécy zum jährlichen Verlagsempfang einlädt, provoziert Jean-Michel einen Skandal, der ganz Paris erschüttert...

David Foenkinos Roman Le Mystere Henri Pick, 2016 in der Pariser Éditions Gallimard erschienen, ist eine Satire auf die Marketingstrategien des kommerziellen Literaturbetriebs und speziell auf die Lancierung bestimmter Autoren und Titel durch intellektuelle Schwergewichte in den Wochenendbeilagen führender Zeitungen wie in populären Fernsehsendungen. Der 1974 in der französischen Hauptstadt geborene Jazzgitarrist und Musiklehrer, der zunächst in den Presseabteilungen mehrerer Verlage gearbeitet hat, bevor er als Romancier (Nathalie küsst) und Dramatiker große Erfolge feierte, setzt sich generell kritisch mit der Kultur-Wahrnehmung auseinander, glücklicherweise aber längst nicht so verbissen wie sein Landsmann Michel Houellebecq.

Für die am 24. Februar 2019 in Paris uraufgeführte 100minütige Leinwand-Adaption, die jetzt bundesweit in den Kinos gestartet ist, hat Drehbuchautor und Regisseur Rémi Bezançon („C’est la vie – So sind wir, so ist das Leben“) mit Fabrice Luchini und Camille Cottin ein großartiges Ermittler-Duo vor die Kamera Antoine Monods verpflichtet. Der geheime Roman des Monsieur Pick ist ein inspirierendes, die Grenzen von Schein und Sein verwischendes Kino-Vergnügen zwischen philosophischer Kulturkritik und spannendem Krimi, inszeniert mit der sprichwörtlichen charmanten Leichtigkeit und spielerischen Eleganz französischer Produktionen vor einer grandiosen bretonischen Landschaftskulisse. Zu sehen im Casablanca Bochum, in der Schauburg Dortmund und im Essener Filmstudio Glückauf.

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