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Benjamin Werners eindrucksvolles Solo „Die Eröffnung“ ist ein Repertoire-Dauerbrenner am Bochumer Rottstr5-Theater.

Peter Turrinis „Die Eröffnung“

Dauerbrenner an der Rottstraße

„Willkommen, Bienvenue, Welcome“: Dies ist die Geschichte eines nicht mehr ganz so jungen Mannes, der vor dem Leben und der Wirklichkeit auf der Flucht ist: „Ich bin ein Kunsttraum-Träumer“. Der vor dem Chaos des Daseins in die schützende Dunkelheit des Theaters flüchtet, „wo jeder Mord nach Plan, jede Liebe nach einem festen Text funktioniert“. Der Namenlose glaubt, alle Darstellungsformen, alle Rollen und alle Gefühle auf die Bühne bringen zu können – doch es eröffnet sich ihm das Nichts.

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Doch bevor es soweit ist, zieht der österreichische Dramatiker Peter Turrini alle Register, erzählt ein ganzes Leben, besser: gleich mehrere. Und lässt seinen Protagonisten auf der Bühne nach Belieben sterben und wieder auferstehen. Trennung, Erwürgung, Vergiftung, alles dient dem einen Zweck: Der Geschichte auf der Bühne Leben einzuhauchen.

Liebeserklärung an das Theater

Herman Beil, Claus Peymanns Dramaturgen-Legende am Schauspielhaus Bochum und am Wiener Burgtheater, schrieb seinerzeit über den Monolog: „‘Die Eröffnung‘ ist eine Liebeserklärung an das Theater und eine solche Liebeserklärung kann bei Turrini naturgemäß, nur rückhaltlos sein. Kleinliche Vorbehalte, ironische Versteckspiele, skeptische Ausweichmanöver oder gar Überheblichkeit und Besserwisserei sind seine Sache nicht. (...) Turrini spürt in der Gesellschaft die Komödien der Eitelkeiten und des permanenten Selbstbetrugs auf und wird dennoch kein Zyniker.“

Nach einem Jahr coronabedingter Zwangspause lud das Rottstr5Theater am 29. Oktober 2021 zur ersten Premiere ein: „Die Eröffnung“ von Peter Turrini. Diese programmatische Wahl hat schon Tradition in Bochum: Matthias Hartmann eröffnete seine erfolgreiche Zeit als Bochumer Intendant am 21. Oktober 2000 mit der Uraufführung dieser Auftragsproduktion. Neben dem Protagonisten Michael Maertens (als „Der Mann“) standen unter anderem zwei leider längst verstorbene Herner in Sidekicks auf der Bühne des Schauspielhauses: Tana Schanzara als Maskenbildnerin und Anton Lohse vom Kleinen Theater als Aufseher in der Psychiatrie.

Wie immer, es geht um Lüge und Tod

Oliver Paolo Thomas und Thomas Müller haben das Figurenarsenal des bei der Uraufführung auf fünf Rollen erweiterten Monologs über das Theater und das Leben zwanzig Jahre später etwas eingedampft: Benjamin Werner, ganz in existentialistisches Schwarz gehüllt, erzählt bisweilen aus der Mitte des Publikums von einem Mann, der sich haltlos in die Welt der Bühne hineinbegeben hat. Der dem Publikum in zahlreichen Rollen sein ganzes Glück und Unglück, seine Siege und Niederlagen und nebenbei auch die Tricks des Theaters offenbart. Alles ist Lüge, doch es geht immer um Leben und Tod: „Das Theater ist der einzige Ort, das Leben zu überleben“.

Die Musikerin Linda Bockholt ist auch Mit-Spielerin des Protagonisten Benjamin Werner.

An seiner Seite gibt die Musikerin Linda Bockholt ihr Rott5-Debüt – als An- und Mit-Spielerin, als Ausdruckstänzerin und Sängerin (unter anderem mit dem „Willkommen“-Auftaktsong aus dem Musical „Cabaret“). Die gebürtige Heppenheimerin des Jahrgangs 1985 studierte Pop in Hamburg und Philosophie an der Ruhr-Universität Bochum und machte 2021 gerade ihren Master am Institut für populäre Musik der Essener Folkwang-Universität. Sie gehörte auch zum phantastischen Ensemble der Musikproduktion „Club 27 – Songs für die Ewigkeit“ in den Kammerspielen des Schauspielhauses Bochum – a tribute to Jimi Hendrix, Jim Morrison, Kurt Cobain, Janis Joplin und Amy Winehouse – stellvertretend für alle viel zu früh gestorbenen Genies.

Aber auch die Souffleuse Franka Siegmund hat einen Kurzauftritt in dieser Fassung, die dem Theater auf dem Theater eine veritable Liebes-, Sex- und Eifersuchtsgeschichte an die Seite stellt, musikalisch untermauert mit dem Song „Surabaya Johnny“ aus „Happy End“ von Bert Brecht und Kurt Weill. In der Ausstattung von Phillipp Niggemeier sorgt Simon Krämer für Spiel und Reflexion trennende Lichtverhältnisse. Mit einer Reverenz an den leider viel zu früh verstorbenen Peymann-Star Gert Voss endet ein bemerkenswerter, das singuläre Medium Theater feiernder Abend unter den Glückauf-Eisenbahnbögen: „Scheitern, scheitern, besser scheitern!“

Peter Turrini

Peter Turrini, 1944 in St. Margarethen in Kärnten geboren, lebt in Kleinriedenthal bei Retz. Seit 1971 freier Schriftsteller wurde er mit seinem ersten Stück „Rozznjagd“, von mehr als 150 Bühnen in Europa und außerhalb gespielt, schlagartig bekannt. Und schrieb mit dem Drehbuch zur sechsteiligen Fernsehserie „Alpensaga“ Fernsehgeschichte. Turrinis Werke wurden in über dreißig Sprachen übersetzt, seine Stücke werden weltweit gespielt. Zu seinen Auszeichnungen gehören 2011 der österreichische Theater-Oscar „Nestroy“ fürs Lebenswerk und zuletzt der nach dem Regisseur Axel Corti benannte österreichische Fernsehpreis 2023.

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Die 85-minütige Inszenierung Oliver Paolo Thomas‘ ist wieder am Freitag, 24. Mai 2024, um 19:30 Uhr im Rottstr5Theater am Rande des Bochumer Bermuda-Dreiecks zu sehen. Karten unter rottstr.de oder Tel 0163 – 761 50 71.

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  • Freitag, 24. Mai 2024, um 19:30 Uhr
Donnerstag, 23. Mai 2024 | Quelle: Pitt Herrmann