Das freie Wochenende

„Der Tatortreiniger“ in Bochum

Der Tatortreiniger (Maximilian Strestik, r.) als geduldiger Zuhörer und empathischer Trostspender.
Der Tatortreiniger (Maximilian Strestik, r.) als geduldiger Zuhörer und empathischer Trostspender. Foto: Anna Högerle

In Dagmar Drexlers (Laura Thomas) Leben geht es zurzeit besonders turbulent zu. Ein großer Kongress muss vorbereitet werden, ihre Ehe mit Wulf kriselt, steuert gar auf eine Scheidung zu, und ihre vierjährige Tochter Lea zickt schon wieder herum, weigert sich standhaft, ihre Schlammhose anzuziehen. Und dann ist auch noch ihr Schwiegervater gestorben – und sie muss sich um alles kümmern. Ausgerechnet von der Wohnung des Verstorbenen aus, in der gerade ein gewisser Heiko „Schotty“ Schotte (Maximilian Strestik) als Tatortreiniger die nicht unerheblichen Spuren des Ablebens beseitigt. Der neugierige, bisweilen allzu redselig-arbeitsscheue, aber dann auch wieder empathisch-tröstende Mann bekommt Dagmars Probleme sozusagen hautnah mit - von der Formulierung der Traueranzeige über die Beerdigung bis hin zur Speisefolge des Leichenschmauses im „Weißen Hirschen“, in die Dagmars Schwägerin ständig eingreift. Und dann will Tante Hilde, die sowohl U-Bahnen als auch Taxis verabscheut, auch noch zum Friedhof gefahren werden…

Heiko „Schotty“ Schotte kommt zum Tatort eines Gewaltverbrechens, wenn die Polizei samt Spurensicherung ihre Arbeit getan und ein Bestattungsunternehmen die Leiche abtransportiert hat. Im Auftrag der Firma Lausen GmbH beseitigt er die Reste der Tat – und seien die Hinterlassenschaften von Täter und Opfer auch noch so gruselig. „Schotty“ schreckt nichts, wenn er sein Goldkettchen am Hals mit einem klinisch weißen Overall verbirgt und seinen Schuhen Plastikschoner überzieht. Ganz wichtig: Mundschutz. Denn er rückt den Flecken von Blut und anderen Körperflüssigkeiten nicht nur mit Bürsten, Schrubbern, Schwämmen und Seife zu Leibe, sondern auch mit einer ganzen Reihe nicht ungefährlicher chemischer Substanzen.

Der Tatortreiniger: Dagmar Drexler (Laura Thomas, Mitte) will nur eines: Endlich ‘mal ausschlafen. Manuel Loos (l.) und Maximilian Strestik können das verstehen.
Der Tatortreiniger: Dagmar Drexler (Laura Thomas, Mitte) will nur eines: Endlich ‘mal ausschlafen. Manuel Loos (l.) und Maximilian Strestik können das verstehen. Foto: Anna Högerle

Es ist eine Wissenschaft für sich, für jeden Stoff, jeden Fußbodenbelag, jedes Möbelstück oder jede Wandbespannung die richtigen Mittel auszuwählen und bei Bedarf zu kombinieren. Gefragt ist freilich auch Empathie und Geistesgegenwart, wenn er mit kindlicher Unschuldsmiene und ganz offener, unvoreingenommener Neugier jeden Tag völlig fremden Menschen begegnet: Hinterbliebenen, Mitbewohnern und Bekannten der Opfer oder einfach nur Leuten, die rein zufällig vorbeikommen.

Manchmal wird der stets neugierige, naiv-offenherzige Heiko Schotte sogar mit den Geistern der Ermordeten konfrontiert, und da ist seine aus 31 stets rund dreißigminütigen Folgen in sieben Staffeln, die der Norddeutsche Rundfunk zwischen 2011 und 2018 produziert hat, bewunderte Schlagfertigkeit besonders gefordert: Ingrid Lausund, Ingolstädterin des Jahrgangs 1965, Dramaturgin und langjährige Hausautorin am Deutschen Schauspielhaus Hamburg, hat die Drehbücher für die von Arne Feldhusen mit Bjarne Mädel verfilmten Episoden der überaus erfolgreichen und vielfach preisgekrönten TV-Serie „Der Tatortreiniger“ unter dem Pseudonym Mizzy Meyer geschrieben – und das mit einer großen Portion hintergründigem Witz.

Lange schon hegte das Prinz Regent Theater Bochum den Wunsch, eine Theaterserie herauszubringen. Der künstlerische Leiter Hans Dreher: „Nach dem Vorbild einer guten Fernsehserie in regelmäßigen Abständen mehrere in sich geschlossene Geschichten zu erzählen, die sich um eine Figurenkonstellation drehen, war von Beginn an Teil unseres Konzepts. Die Serie ‚'Der Tatortreiniger‘ macht genau das auf so hohem Niveau, dass es eine ideale Vorlage bietet. Künstlerisches Ziel ist es, dem Stoff eine eigenständige Identität als Bühneninszenierung zu geben, und ihn nicht nur eins zu eins nachzuspielen.“

Zum Auftakt hat sich Hans Dreher für die 2. Episode der 5. Staffel „Das freie Wochenende“, erstausgestrahlt am 17. Dezember 2015 mit Bjarne Mädel und Annika Meier, entschieden. Die heftig umjubelte und bisher stets ausverkaufte Bühnenadaption des Bochumer Prinz Regent Theaters, die erste Arbeit der Essener Regisseurin Magz Barrawasser am PRT, ist mehr rhythmisch grundierte Choreographie als herkömmliche Inszenierung. In der Ausstattung von Clara Eigeldinger (Bühne) und Rabea Stadthaus (Kostüme) bringt sie trotz Corona-Auflagen über siebzig Minuten ungeschmälerten Live-Genuss auf die Bretter zurück. Zu dem auch der wie stets in mehreren Rollen glänzende Live-Musiker (und Geräuschemacher) Manuel Loos und, als Gast, Michael Kamp beitragen. Letzterer sorgt als Emil Wagner für einen fulminanten Auftakt mit einem Kurzmonolog, der nicht nur für den Schriftsteller-Kollegen Harry Rowohlt „der absolute Hammer“ ist: „Knolls Katzen“ des 1975 in München geborenen und jetzt in Berlin lebenden Jan Neumann, uraufgeführt am 27. Juni 2010 am Schauspielhaus Bochum.

„Der Tatortreiniger – Das freie Wochenende“ ist ungewollt topaktuell: Ohne zu viel zu verraten geht es in der sieben Jahre alten Episode auch um einen Virus und eine mehrtägige Quarantäne in einem Hotel. Sie steht wieder am Dienstag, 8. Februar 2022, um 19:30 Uhr, am Mittwoch, 9. Februar 2022, um 19:30 Uhr, am Freitag, 4. März 2022, um 19:30 Uhr sowie am Sonntag, 6. März 2022, um 18 Uhr auf dem Programm des Prinz Regent Theaters in Bochum, Karten können auf der Homepage des Prinzregents geordert werden.

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