Lebenskluge Komödie der Volksbühne Körner
'Anderthalb Stunden zu spät'
„Kommen wir zu spät?“ - „Ja, mit Sicherheit.“ - „Ach so, dann habe ich ja noch etwas Zeit“: Er tigert nervös im Mantel durch die modern eingerichtete Wohnung (Sonderapplaus für die Bühnenbildner Peter Mahlberg, Franz Josef Krabbe, Kijara Keppler und Karin Krebs), immer häufiger geht sein Blick zum gut bestückten Barwagen. Sie lässt sich zwar immer ‘mal wieder kurz blicken, verschwindet dann aber rasch mit immer wieder neuen Ausreden.
Pierre (Klaus Mahlberg) und Laurence Sansieu (Heike Gruß) sind seit 30 Jahren verheiratet. Seit ihr gemeinsamer Sohn Alexander aus dem Haus ist, der Achtzehnjährige studiert in Straßburg, hat zumindest für Laurence ein neuer Lebensabschnitt begonnen.
Kein Sinn für Smalltalk
Zwar ist auch der erfolgreiche Pariser Steueranwalt bereit, zumindest etwas kürzer zu treten: Sein Freund und Geschäftspartner Chalmet hat Anteile an seiner Kanzlei erworben, was an diesem Abend gebührend gefeiert werden soll. Aber für Laurence stellt sich die Frage nach der Zukunftsgestaltung grundsätzlicher: „Ohne Kinder bin ich überflüssig.“
Weshalb ihr der Sinn nicht nach Smalltalk mit Chalmet steht, sondern nach einem offenen, tiefgründigen Austausch mit ihrem „Dealmaker“ von Gatten. Zumal die 56-Jährige gerade erfahren hat, dass sie Großmutter geworden ist und sie die englische Schwiegertochter partout nicht leiden kann.
Pierre zieht alle Register
„Jetzt wollen wir das Fass aber nicht zum Überlaufen bringen“ mahnt Pierre, der alle Register gezogen hat, um seine Gattin umzustimmen, nun aber erkennen muss, sein Repertoire ausgereizt zu haben. Seufzend lässt er sich neben Laurence nieder in der Hoffnung, irgendwie doch noch die Kurve zu kriegen, wenn sie sich ausgesprochen hat über ihr bisheriges Leben in der Familie und das künftige zu zweit. Kurz: über den bevorstehenden Ruhestand, den „Endspurt zum Sarg.“
Sie möchte sich verstärkt ihrem Hobby, der Malerei, zuwenden und das nun verwaiste Zimmer des Jüngsten als Atelier nutzen. Schließlich sei sie nicht zur Glucke geboren, sondern eine geworden.
Von der Oma zur Kurtisane
Sichtlich widerwillig und zunehmend resigniert lässt sich Pierre auf das Gespräch ein, in dessen Verlauf sich Laurence von der enttäuschten Großmutter zur entflammten Kurtisane mausert und das am Premierenabend am Samstag (21.2.2026) begeisterte Publikum ganz nebenbei erfährt, nach welcher Logik die Welt funktioniert, wieso ein Ehebruch der Ehe guttut und wodurch Persönlichkeiten wie Vasco da Gama oder Leonardo da Vinci überhaupt erst möglich wurden. Kaum ein Lebensbereich bleibt unberührt; sogar Alexander der Große und Che Guevara werden miteinbezogen.
Auf ungemein humorvoll-lebenskluge Weise zeichnen die Autoren Gérald Sibleyras und Jean Dell die Wünsche und Nöte dieses liebevoll gezeichneten „Vorruhestandspaares“, das mit großer Leidenschaft und Schlagfertigkeit ihre Beziehung seziert. Und je länger das Gespräch der beiden dauert, desto emotionaler und bewegender wird es. Alte Gewissheiten geraten ins Wanken und völlig neue Horizonte tun sich auf – um sich am Ende als Paar genau dort wiederzufinden, wo Laurence und Pierre angefangen haben. Denn trotz allem schaffen sie es noch: Sie kommen zwar zu spät, aber letztendlich „nur“ anderthalb Stunden…
Stehende Ovationen
Das Zwei-Personen-Stück „Une heure et demie de retard“, so der Originaltitel, ist am 6. September 2005 Théâtre des Mathurins in Paris uraufgeführt worden. Die Deutschsprachige Erstaufführung folgte erst im September 2014 in der Berliner Komödie am Kurfürstendamm mit Herbert Herrmann (auch Regie) und Nora von Collande. Auch die Volksbühne Körner spielt die deutsche Übersetzung von Dorothea Renckhoff und Fedora Wesseler in der am Premierenabend mit stehenden Ovationen gefeierten Inszenierung Klaus Mahlbergs.
Protagonisten auf Augenhöhe
Der in Heike Gruß eine in jeder Hinsicht ebenbürtige Bühnenpartnerin hat in dieser ganz von geschliffenen Dialogen lebenden Komödie, die binnen zweier höchst unterhaltsamer Stunden weder boulevardesk-türenknallend noch schenkelklopfend-pointengeil daherkommt, sondern beinahe pausenlos für enormen Wiedererkennungswert beim Publikum in der intimen Atmosphäre der Komödie am Park sorgt. Der Eickeler Bresser-Keller erweist sich einmal mehr als ideale Spielstätte für hautnah zu erlebendes emotionales Theater.
Karten im Vorverkauf für die weiteren Vorstellungen in der Komödie am Park an der Hauptstraße 25 in Herne-Eickel am 28. und 29. März, 18. und 19. April, 16. und 17. Mai sowie 27. und 28. Juni 2026 sind bei „Blickpunkt Optik“ an der Hauptstraße 21 in Eickel, Tel. 02325 - 61760, erhältlich.
Weitere Termine (3) anzeigen...
- Sonntag, 17. Mai 2026
- Samstag, 27. Juni 2026
- Sonntag, 28. Juni 2026
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- Samstag, 28. März 2026
- Sonntag, 29. März 2026
- Samstag, 18. April 2026
- Sonntag, 19. April 2026