Am Ende winkt Endemie

Kolumne von Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey

Viren im Corona-Reservat werden von der Corona-Polizei bewacht.
Viren im Corona-Reservat werden von der Corona-Polizei bewacht. Illustrator: Jörg Lippmeyer

Unlängst zeigte sich sogar Professor Drosten ein wenig optimistisch im Blick auf das Ende der Corona-Pandemie. Mitte Januar 2022 meinte er, dass wir „den endemischen Zustand bis Ende des Jahres erreicht haben, wir sind praktisch da“. Andere Experten zweifeln da noch, so Minister Lauterbach und Frau Professor Priesemann. Sie befürchten das Auftauchen neuer Varianten, die die Pandemie noch weiter in die Länge ziehen könnten.

Überhaupt, was bedeutet denn dieser Begriff „Endemie“? In der Medizin spricht man von einer Endemie, wenn eine Krankheit in einer umschriebenen Bevölkerungsgruppe (z. B. den Ungeimpften) oder in bestimmten Gegenden regelmäßig gehäuft auftritt. Es müsste also zum Beispiel in Herne über einen gewissen Zeitraum sowohl die Prävalenz (Krankheitshäufigkeit) als auch die Inzidenz (Neuerkrankungshäufigkeit) von Covid-19 erhöht sein, während sie in Bochum, Berlin oder München kaum auftritt. Am Ende ist ist damit das Coronavirus noch längst nicht. Es kann sich nur nicht flächendeckend ungebremst durchsetzen.

Im Gegensatz dazu handelt es sich bei einer Epidemie um eine Erkrankung, die zeitlich und räumlich begrenzt zu ungewöhnlich vielen Fallzahlen in einer Population führt, dann aber wieder erlischt. Das konnte man bei den Ebola-Ausbrüchen in Westafrika 2014 bis 2016 oder im Kongo 2018 bis 2020 beobachten. COVID-19 hat sich hingegen weltweit ausgebreitet. Anders als eine Epidemie ist eine Pandemie lediglich zeitlich begrenzt und nicht örtlich.

Endemie bedeutet aber auch, dass der Erreger konstant präsent bleibt, auch wenn er nur noch sporadische Krankheitswellen verursacht. Keineswegs sagt der Begriff etwas über die Gefährlichkeit des Erregers aus. So ist die Malaria in weiten Teilen Afrikas endemisch. Es kann zwar durchaus passieren, dass Covid-19 sich in Richtung saisonaler Erkältungskrankheiten entwickelt, aber eine Garantie dafür gibt es nicht.

SARS-CoV-2 ist ein völlig neues Virus. Schon die Ursprungsvariante war hochinfektiös. In der gesamten Weltbevölkerung fehlte jegliche Immunität. Vor allem hatte es eine fiese Eigenschaft: Es hatte nur eine moderate Virulenz. Es wurden also keineswegs alle Infizierten schwer krank. Insbesondere die riesige Zahl der symptomlos Infizierten und natürlich auch ansteckenden Menschen hat es dem Virus ermöglicht, sich explosionsartig über den gesamten Planeten auszubreiten.

Aber irgendwann ändern sich die einer Epidemie zugrunde liegenden Kräfte. Dann nämlich, wenn die Immunisierung der Menschen gegen diese Erkrankung soweit fortgeschritten ist, dass die großen Wellen ausbleiben und sich nur noch hier und da „das Wasser kräuselt“. Die Immunisierung sollte idealerweise kontrolliert durch Impfungen erfolgen. Aber auch natürliche Infektionen hinterlassen eine Immunität, naturgemäß mit hohen „Kollateralschäden“. Damit sinken die Möglichkeiten des Erregers, auf infizierbare Menschen zu treffen.

Auch Mutationen können die Übertragungsfähigkeit, die Infektiösität, eines Erregers beeinflussen. Insbesondere die höhere Infektiosität ist der entscheidende evolutionäre Vorteil eines Erregers. Im Gegensatz dazu ist die Pathogenität oder Virulenz (beide Begriffe werden meist synonym gebraucht), also die Fähigkeit, Krankheiten zu verursachen, nur von untergeordneter Bedeutung für das Fortbestehen des Erregers. So macht die enorme Infektiosität bei (relativ) geringer Pathogenität schon die Omikron-Variante BA.1 zum „High-Speed-Virus“ und ihr auf den Fersen folgt schon die nochmal wohl 30% infektiösere Variante BA.2!

Noch haben wir es mit einer rasanten und unbeherrschbaren Ausbreitung der Infektion zu tun. Es sterben zwar nur noch wenige, meist Ungeimpfte. Aber viele sind doch über einen längeren Zeitraum arbeitsunfähig oder gar hospitalisierungsbedürftig erkrankt. Am Ende jedoch werden wir einen Punkt erreichen, an dem Infektion zwar weiter zirkuliert, für die Bevölkerung aber eine geringere Bedrohung darstellt als zu Beginn der Pandemie. Immer noch wird es wie bei der Grippe zu Infektionswellen, insbesondere saisonal, kommen. Diese aber sind vorhersehbar und sie sind auch ohne Einschränkungen und Schutzmaßnahmen beherrschbar. Dann können wir von einem endemischen Infektionsgeschehen reden.

Aber Vorsicht: Es gibt keine Garantie, dass Omikron Delta völlig verdrängt. Es ist absolut möglich, dass nach dem Abflachen der aktuellen Omikron-Welle Delta zurückkommt. Zudem werden neue Varianten auftauchen. SARS-CoV-2 ist weltweit verbreitet und viele Menschen sind noch nicht ausreichend geimpft, um die Viruslast in den Populationen zu drücken. Und es hat Tierreservoire. Überall dort wird es fröhlich weiter mutieren. Die ungeheure Masse an Virusgenomen stellt ein gewaltiges Repertoire für die Entstehung neuer Varianten dar. Sie könnten noch infektiöserer sein als die bisherigen. Das wäre nicht wirklich schlimm, solange sie nicht pathogener und tödlicher sind. Eine Garantie gibt es nicht. Deshalb wird die Impfung gegen Covid-19 neben der Entwicklung neuer Medikamente die nächsten Jahre, vielleicht Jahrzehnte bestimmen. Da ist vieles in der Pipeline. Aber erstmal ist unter dem Strich Omikron eher der erhoffte Problemlöser – extrem infektiös aber - besonders bei Geimpften - nur wenig krankmachend.

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