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Alcarràs – Die letzte Ernte: Die Familie Solé gemeinsam bei der letzten Pfirsichernte.

Berlinale-Gewinner im Kino

Alcarràs – Die letzte Ernte

Seit 80 Jahren hat die Familie Solé in Alcarràs, einem kleinen Dorf im spanischen Katalonien, vor allem Weinbergpfirsiche, aber auch Feigen, Tomaten, Nektarinen, Melonen, Salat und Gemüse angebaut. Nun versammelt sich drei Generationen, um gemeinsam die letzte Ernte zu realisieren. Denn das Land gehört ihnen nicht: Einst hatte es der Großgrundbesitzer Pinyol dem heutigen Großvater Rogelio (Josep Abad) überlassen als Dank für seine Rettung im Spanischen Bürgerkrieg. Nun will der junge Joaquim Pinyol (Jacob Diarte) vom Handschlag seines Urgroßvaters, dem kein schriftlicher Vertrag folgte, nichts mehr wissen. Sondern auf diesem wahren Garten Eden eine ungleich einträglichere Photovoltaik-Anlage errichten.

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Erste Bagger künden von der Zeitenwende. Als erstes verlieren die unbändigen Kinder Iris, Teia, Pau und Pere ihr liebstes Spielzeug, ein ausgeweidetes Autowrack. Rogelio, der in der Dämmerung mit dem Gewehr auf Kaninchenjagd geht, gibt die Hoffnung nicht auf, den jungen Pinyol noch zum Einlenken zu bewegen. Indem er ihm die schönsten, auch von nordafrikanischen Tagelöhnern mit der Hand gepflückten erntefrischen Früchte überreicht.

Alcarràs – Die letzte Ernte: Die Kinder werden bald ihr liebstes Spielzeug, das Autowrack, vermissen.

Vater Quimet (Jordi Pujol Dolcet) dagegen gibt sich als Realist. Das finanziell durchaus lukrative Angebot Pinyols, als eine Art Hausmeister die Solarpanele zu warten, lehnt er vehement ab und stürzt sich vielmehr in die Erntearbeit, als gäbe es doch noch ein Morgen. Seine stets fröhliche Frau Dolors (Anna Otin) hält Haus und Familie mit Engelsgeduld zusammen, doch auch sie kann beherzt Grenzen ziehen, wenn es etwa nach Feierabend im Pool zu laut wird. Denn auch die älteren Kinder Roger (Albert Bosch) und Mariona (Xènia Roset), Quimets Schwestern Glòria (Berta Pipó) und Nati (Montse Oró) sowie Schwager Cisco (Carles Cabós) helfen bei der Arbeit und haben viel Spaß miteinander.

Quimet regt sich fürchterlich darüber auf, dass Roger bei der Aufstellung der ersten Panele hilft statt bei der Ernte. Der Familienstreit eskaliert, als der Vater entdeckt, dass sein Ältester in einer versteckten Ecke des Grundstücks Marihuana anbaut. Als seine Schwester Glòria vermitteln will, schmeißt er sie kurzerhand hinaus. Sodass nun auch die Kinder getrennt werden. Bei der traditionellen Festa Major kommt heraus, dass Cisco sich mit Pinyol geeinigt hat und sein Grundstück den Solarzellen opfert. Und das vor dem Hintergrund neuerlicher Trecker-Blockaden der Obst- und Gemüsebauern um faire Preise der Genossenschaft. Quimet aber macht unverdrossen weiter…

Nach 120 Minuten hat man alle Mitglieder der Großfamilie, die sämtlich von Laiendarstellern aus der Provinz Lleida, in welcher das Dorf Alcarràs liegt, verkörpert werden, liebgewonnen. Jedem von ihnen hat das Autorengespann Arnau Vilaró und Carla Simón eine eigene Stimme und Geschichte auf den Leib geschrieben. Regisseurin Carla Simón im Piffl-Presseheft: „Alcarràs ist ein kleines Dorf im tiefsten Katalonien, wo meine Familie Pfirsiche anbaut. Als mein Großvater vor einigen Jahren starb, übernahmen meine Onkel und Tanten das Land. Die Abwesenheit meines Großvaters brachte mich dazu, die Familientradition und ihre Verbundenheit mit dem Land, die Bäume, die sie anbauten, auf eine neue Art wert zu schätzen. Ich spürte, dass das alles eines Tages verschwinden könnte.“

Gedreht wurde im Juni und Juli 2021 in Katalonien - auf Katalanisch. Der Authentizität wegen sollte man die Originalfassung mit deutschen Untertiteln einer Synchronfassung vorziehen. Der grandios choreografierte Gewinner des „Goldenen Bären“ der heurigen 72. Berlinale ist voller Farben, Kontraste und Facetten, voller Leben und Liebe. Nach einer Preview am 9. August 2022 im Düsseldorfer Atelier im Savoy startet er zwei Tage später in unseren Kinos, darunter Casablanca Bochum und Sweetsixteen Dortmund, in der Bochumer Endstation jedoch erst am 25. August 2022.

| Autor: Pitt Herrmann