Abel Ferraras „Siberia“

Verstörende Reise ins Unterbewusstsein

Willem Dafoe in „Siberia“.
Willem Dafoe in „Siberia“. Foto: Port au Prince

Clint (Willem Dafoe), ein vom Leben gezeichneter Mann, ist vor der lärmenden Welt in die Einsamkeit geflohen, zu den Cree-Indianern in die gerade tief verschneite kanadische Wildnis. Obwohl oder gerade weil er sich an ein schreckliches Ereignis erinnert: Als Sechsjähriger musste er sich verwilderter Huskies erwehren, die von motorisierten Schlitten ersetzt und ausgesetzt worden waren. In seine entlegene Hütte kommen Menschen, deren Sprache er nicht versteht. Er schenkt Rum aus an einen Indianer (Laurentio Arnatsiaq) und Wodka an eine hochschwangere Russin (Cristina Chiriac) und ihre alte Mutter (Valentina Rozumenko). Ab und an wirft ein bärtiger Waldläufer (Phil Neilson) ein paar Münzen in den Spielautomaten.

Clint findet selbst in dieser Abgeschiedenheit keine Ruhe. Eines Abends spannt er seine fünf Huskies vor den Schlitten und bricht auf in die Dunkelheit, getrieben von der Hoffnung auf Erlösung. Auf der Suche nach seinem wahren Ich begegnet er einem Magier (Simon McBurney), befindet sich plötzlich in der Wüste unter Ziegen und Kamelen, um im nächsten Moment in einer Höhle dem eigenen Bruder zu begegnen und mit dem eigenen Vater zu sprechen. Gerade hat er sich an beglückenden Sex mit seiner schönen Ex (Dounia Sichov) erinnert und sich an seinem hübschen Sohn (Anna Ferrara) erfreut, da alpträumt Clint von einer inzestuösen Beziehung zu seiner Mutter (Ulrike Willenbacher).

Dunkle Waldeinsamkeit und grelles Wüstenlicht, heulender Wind und ohrenbetäubende Explosionen, düster-dräuendes Donnergrollen und bukolisches Licht über dem in einer Höhle gelegenen See begleiten die horriblen Alpträume und apokalyptischen Obsessionen des Protagonisten, der am Ende zu seiner Hütte zurückkehrt und vor dem Nichts steht. Die Metapher eines im Kochtopf sprechenden, aber unverständlich bleibenden Fisches steht nach 92 nicht durchgängig spannenden Minuten für die unbeantwortet gebliebene Frage: Wer bin ich?

Siberia“, die so verstörende wie poetische Reise eines Mannes in sein eigenes Unterbewusstsein, ist nach „Tommaso und der Tanz der Geister“ (2019) bereits der zweite Film des preisgekrönten US-Regisseurs Abel Ferrara („Pasolini“, „Bad Lieutenant“) mit Willem Dafoe („Motherless Brooklyn“, „Grand Budapest Hotel“). In beiden Filmen, die sich aufeinander beziehen, ist der 65-jährige US-Schauspieler als Alter Ego seines vier Jahre älteren Landsmannes besetzt: Zunächst als alternder, von seinen Dämonen verfolgter Regisseur, der mit seinem neuen, offenbar autobiographischen Film, nicht vorankommt. Und nun als Clint, Protagonist dieses Films.

Dafoe übernimmt zugleich auch die Rollen des Bruders und des Vaters von Clint, was neben überraschenden Schauplatzwechseln und rasanten Schnitten zu einer erheblichen Irritation der Zuschauer führt. Die sich wie von Abel Ferrara gewohnt immerhin mit Dounia Sichov und Cristina Chiriac an zwei schönen hüllenlosen Frauen vor der Kamera Stefano Falivenes erfreuen können in unseren so überkorrekten politischen Zeiten. Beide Streifen sollten ursprünglich binnen kurzer Zeit in unsere Kinos kommen. Während es „Tommaso“ zu Jahresbeginn 2020 schaffte, konnte die bildmächtige, vor allem in Südtirol gedrehte Odyssee „Siberia“, die am 24. Februar 2020 im offiziellen Wettbewerb der 70. Internationalen Berliner Filmfestspiele uraufgeführt worden ist, coronabedingt erst jetzt bundesweit starten. Die beim Berlinale-Publikum wie bei der Kritik höchst umstrittenen Koproduktion der beiden Münchner Unternehmen Maze Pictures und Bavaria Film ist hierzulande unter anderem ab 16. Juli 2020 im Casablanca Bochum und ab 14. Juli 2020 im Sweetsixteen Dortmund zu sehen.

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