Ruhrfestspiele 2022 sind gestartet

Haltung und Hoffnung

Von Avignon zu den Ruhrfestspielen: die Choreografie „Lamenta“.
Von Avignon zu den Ruhrfestspielen: die Choreografie „Lamenta“. Foto: Heloise Faure

Nach dem Volksfest-Auftakt zum „Tag der Arbeit“ mit geschätzt 50.000 Besuchern auf Recklinghausens grünem Hügel begannen die 76. Ruhrfestspiele unter dem Motto „Haltung und Hoffnung“ mit einer erwartungsgemäß politisch voll korrekten Mahnung der Schriftstellerin Sharon Dodua Otoo, nicht nur Flüchtlinge aus der Ukraine bei uns mit offenen Armen zu empfangen und bei Geschlechtsangaben in amtlichen Fragebögen künftig stets „divers“ hinzuzufügen, wenn nur die Alternative „männlich“ und „weiblich“ vorgegeben ist. Otoo leitet das dreitägige Literaturfestival „Resonanzen“, das vom 19. bis 21. Mai 2022 „Schwarze deutschsprachige Belletristik“ von sechs Nachwuchs-Schriftstellern im Festspielzelt hinter dem Festspielhaus vorstellt.

Ruhrfestspiele: In „Sibyl“ begegnet sich William Kentridge selbst.
Ruhrfestspiele: In „Sibyl“ begegnet sich William Kentridge selbst. Foto: Stella Olivier

Zum Festspiel-Motto passend auch die Deutschland-Premiere einer höchst artifiziellen Multimedia-Produktion aus Südafrika, „Sibyl“ von William Kentridge, die noch einmal am 6. Mai 2022 um 20 Uhr im Festspielhaus aufgeführt wird. Die Ruhrfestspiele haben sich traditionell mit der Politik des Landes und insbesondere der Apartheid-Thematik auseinandergesetzt, erinnert sei an die drei Stücke Mbongeni Ngemas „Woza!“ (1988), „Magic at 4“ (1994) und „The Zulu“ (1999), aber auch an Mothobi Mutloases „Der Anzug“ (2000). Wer von William Kentridge erwartet hat, dass er angesichts der von Korruption und Gewalt geprägten Zustände im postkolonialen Südafrika Haltung zeigt, wurde enttäuscht: „Sibyl“, inspiriert von der Geschichte der Prophetin Sibylle von Cumae, die der Sage nach das Schicksal der Menschen auf Eichenblätter schrieb, die vom Wind in alle Himmelsrichtungen verweht wurden, ist rein assoziativ. So warten wir nicht nur auf bessere Götter, sondern hoffen auf ein politisch voll unkorrektes Theater in der Tradition Athol Fugards, das den Finger in offene Wunden legt, auch wenn diese nicht in unser Weltbild passen.

Haltung zeigen der Autor Fabian Lettow und die Bochumer Performer des Kainkollektivs mit der Herner Sängerin und Schauspielerin Kerstin Pohle in „Western Dreams and Eastern Promises“: Sie begeben sich zusammen mit den Krefelder Sputnic-Medienkünstlern um Nils und Jacob Voges auf die Spuren der Unruhen, die das Image des heutigen Europas prägen. Irgendwo zwischen Heimat und Apokalypse: Die mythologische Figur Europa steigt von ihrem Sockel auf der Akropolis, um ihre Familie zusammenzurufen. Denn die Welt will Europa die Trojanischen Pferde zurückgeben, die es ihr in dreitausend Jahren Geschichte vermacht hat.

Der zweistündige Film, entstanden 2018 während der Interims-Intendanz des heutigen Ruhrfestspiel-Leiters Olaf Kröck am Schauspielhaus Bochum, durchquert dabei buchstäblich ober- wie unterirdisch die europäischen Landschaften von Sibiu (Herrmannstadt), Wien und Warschau über London, Athen und Lissabon und zurück ins Ruhrgebiet, um den Krisen und Potenzialen unseres Kontinents nachzuspüren. Das visionäre Porträt Europas, das die Umrisse des alten Kontinents noch einmal vermisst, kurz bevor seine Systeme kollabieren, kann noch bis zum 15. Mai 2022 kostenlos gestreamt werden unter digital.ruhrfestspiele.de.

Ebenfalls kostenlos ist der Audiospaziergang „The people of … Recklinghausen Süd“ des im britischen Manchester beheimateten Künstlerensembles Quarantine. Er führt entlang der Bochumer Straße und macht die vielfältigen Stimmen der Menschen, die an diesem Ort arbeiten, lebendig. Vier Wochen war das Team um Kate Daley und Sarah Hunter für das Porträt des an Herne grenzenden Stadtteils und seiner Bewohner in Recklinghausen-Süd unterwegs, um in Bekleidungsgeschäften, Friseursalons, Kiosken, Bäckereien und Moscheen zu recherchieren. Gerahmt von einer Komposition des Kölner Musikers Julian Stetter ist ein Klangporträt der Bochumer Straße entstanden, das den Hörspaziergang während der Erzählungen begleitet. Der Audiospaziergang kann bis zum 12. Juni 2022 jederzeit mit dem eigenen internetfähigen Smartphone oder Tablet und Kopfhörern gemacht werden, ist kostenlos und in deutscher Sprache. Abspielgeräte werden jeweils freitags und samstags zwischen 15 und 18 Uhr ausgeliehen, Terminbuchung online über die Kartenstelle der Ruhrfestspiele oder unter Tel 02361 – 921 80.

„Lamenta“, eine Choreografie von Koen Augustijnen und Rosalba Torres Guerrero feiert am 7. Mai 2020 um 19 Uhr seine Deutschlandpremiere im Theater Marl, wo es weitere Vorstellungen am 8. Mai, um 18 Uhr sowie am 9. Mai 2022 um 20 Uhr gibt. „Lamenta“ stellt die Frage, warum wir uns in unserer Gesellschaft von sozialen Ritualen und Traditionen abgewendet haben, die individuellen Gefühlen eine kollektive Sprache geben. Das belgische Choreografenduo verbindet in seiner neuen Arbeit die Traditionen der Miroloi, griechischer Lament- und Klagegesänge, mit den Codes des modernen Tanzes, mit zeitgenössischen Kompositionen und Einflüssen aus Jazz und Post-Rock. Karten unter ruhrfestspiele.de oder Tel. 0231 – 921 80.

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