'Ein Trauma kann ansteckend sein'

Beratung für geflüchtete Ukrainerinnen und Helferinnen

Antonie Brieske, Annelie Gogolla und Susanne Wormuth (v.l.n.r.) beraten bei Schattenlicht Frauen und Mädchen.
v.l. Antonie Brieske, Annelie Gogolla und Susanne Wormuth beraten bei Schattenlicht Frauen und Mädchen. Foto: Julia Blesgen

Nichts dominiert die Nachrichten und sozialen Medien derzeit so stark, wie die erschütternden Bilder und Meldungen um den Angriffskrieg Russlands in der Ukraine. Viele Menschen - vor allem Frauen und Kinder - ließen in der Ukraine alles zurück, um ihr Leben und das ihrer Lieben zu retten. Ebenso ist die Hilfsbereitschaft in der deutschen Bevölkerung für die Geflüchteten groß. Viele Menschen haben in ihren eigenen vier Wänden Geflüchtete aufgenommen.

Doch die Belastung für die betroffenen ukrainischen Frauen und auch die Unterstützerinnen ist teilweise enorm. So gibt es bei der Frauen- und Mädchenberatungsstelle Schattenlicht e.V. Herne erste Anfragen von Unterstützerinnen, die die vor ihrem inneren Auge entstandenen Bilder nicht mehr abschütteln können.

Das Team vom Verein Schattenlicht nimmt dies zum Anlass, um auf ihr Unterstützungsangebot für Ukrainerinnen und Helferinnen aufmerksam zu machen. Mit halloherne-Redakteurin Julia Blesgen sprachen Antonie Brieske, Annelie Gogolla und Susanne Wormuth über das bestehende Angebot, aber auch über erste Hilfestellungen, wie man auch als Unterstützerin wieder Kraft tanken kann.

„Es ist eine spezielle Situation. Es gab eine große spontane Hilfsbereitschaft Menschen aufzunehmen, jedoch wird dadurch auch der eigene Bereich beengter. Außerdem haben die Geflüchteten traumatische Erfahrungen hinter sich", so Antonie Brieske.

Belastung auch durch Zuhören, bildhaftes Vorstellen und oder Einfühlen

Eingang Schattenlicht
Schattenlicht bietet Hilfe für geflüchtete Ukrainerinnen und Helferinnen. Foto: Julia Blesgen

Annelie Gogolla ergänzt: „Es ist der erste Krieg, der auch durch die sozialen Medien praktisch in Echtzeit mitzuverfolgen ist. Viele Bilder prasseln ungefiltert auf uns herein. So sehen sehen Ukrainerinnen immer noch die Bilder von der zerstörten Heimat und auch die Sorge um die zurückgelassenen Lieben wächst."

Dies sei nicht nur belastend für die geflüchteten Frauen, sondern auch für die Helferinnen. „Je näher ich den Menschen stehe, die ich unterstütze, weil es zum Beispiel Freunde sind oder Verwandte, umso mehr Achtsamkeit braucht es. Denn ein Trauma kann ansteckend sein. Dazu reicht Zuhören, bildhaftes Vorstellen und Einfühlen in den emotionalen Zustand der anderen Person. Man muss den Schrecken nicht selbst erlebt haben", sagt Susanne Wormuth.

Vielfach führe diese Stresssituation auch bei den Unterstützerinnen zu körperlichen und psychischen Problemen wie beispielsweise Erschöpfung, schlechtem Schlaf, Magenschmerzen oder auch einem Gefühl der Hilflosigkeit. Dennoch würden es sich viele betroffene Helferinnen nicht 'erlauben', starke emotionalen Reaktionen zu zeigen, da sie es ja nicht am eigenen Leib erfahren haben.

Jedoch gebe es auch das Gegenteil: Helferinnen, die aufgrund der Schilderungen an eigene Erlebnisse erinnert werden. „Es gibt vielleicht auch Parallelen zum eigenen Leben. Betroffene mit eigener Fluchtgeschichte und Kriegserlebnissen können durch die Erzählungen getriggert werden", so Antonie Brieske.

Neue Ansätze zum Krafttanken

Reise durch die Ukraine im Auftrag des ASB Herne-Gelsenkirchen mit Aufenthalt in den Städten Kiew, Luzk und Czernowitz vom Samstag (12.07.2008) bis Donnerstag (17.07.2008).
Viele Ukrainerinnen sind traumatisiert, aufgrund der Ereignisse in der Heimat. Foto: Stefan Kuhn

„Wir möchten uns ganz gezielt, neben betroffenen Ukrainerinnen, auch an private und professionelle Unterstützerinnen wenden und sie einladen, dass sie sich bei uns melden können, um über ihr Erleben zu sprechen und neue Ansätze zum Krafttanken mitzunehmen", so Susanne Wormuth weiter. Die Beratung sei anonym und kostenlos. Jedoch ist vorher eine Terminvereinbarung per Tel unter 02323/981198 oder per Mail unter info@beratungsstelle-schattenlicht.de erforderlich.

Das Team von Schattenlicht wende sich hierbei auch an professionellen Unterstützerinnen, die zwar als Teil ihrer Ausbildung um diese Zusammenhänge wissen und Distanzierungstechniken erlernt haben, aber dennoch aufgrund des immensen Leids Ermüdungs- und Erschöpfungszustände aufweisen könnten und auch Hilfe in Anspruch nehmen möchten.

Klopfen gegen Stress und Angst

In Kürze bietet Schattenlicht als weiteres Angebot auch fortlaufende Emotional Freedom Techniques (EFT)-Gruppen an. Einer Akkupressurtechnik nach Fred Gallo, die mithilfe von klopfen beispielsweise auf die Hand Stress- und Angstblockaden lösen kann. „Ich habe die Technik bereits zur Frauenwoche angeboten und nun biete ich eine erneute Gruppe am 3. Juni 2022 an. Es sind noch ein paar Plätze frei. Jedoch ist wichtig zu betonen, dass es sich hierbei nicht um eine Therapie handelt, sondern nur um eine Hilfestellung Stress zu reduzieren", berichtet Anneli Gogolla.

Wer teilnehmen möchte, kann sich unter Tel 02323/981198 oder per Mail anmelden, dann wird auch der Veranstaltungsort mitgeteilt. Außerdem soll es in den Sommerferien auch wieder das Informations-Picknick für Mädchen mit Fluchthintergrund „your life – many choices“ geben. Dieses Mal richte es sich auch an ukrainische Mädchen.

Das Projekt 'Your life, your choice' will Mädchen in ihrer Selbstbestimmung stärken.
Das Projekt 'Your life, your choice' will Mädchen in ihrer Selbstbestimmung stärken. Foto: Beratungsstelle Schattenlicht

Ebenso geben die Frauen vom Verein Schattenlicht noch Tipps, wie man den Stress bewältigen kann. Bewegung sei ein gutes Mittel bei Stressreaktionen, oder auch Meditation. Hilfreich kann es auch für manche sein, nicht ständig Nachrichten zu konsumieren. „Ich glaube hier ist die richtige Dosierung wichtig. Bei Überforderung kann es helfen, nur einmal am Tag zu einer bestimmten Tageszeit die Nachrichten zu konsumieren", berichtet Antonie Brieske.

Dem Team von Schattenlicht ist es insgesamt wichtig zu betonen, dass die Unterstützerinnen nicht die Achtsamkeit für den eigenen Körper vergessen. „Es ist kein Zeichen von mangelndem Mitgefühl, sich gut um sich selbst zu sorgen, denn nur so bleibt die Kraft, auch für andere da sein zu können", sagt Susanne Wormuth abschließend.

Da Frauenberatungsstellen immer noch den „Projektstatus“ haben und Fördermittel in regelmäßigen Abständen beantragen müssen, die jedoch nicht die Gesamtkosten des Vereins decken, freut sich das Team über Spenden.

Autor: