Zahlenspielereien und gigantische Fehleinschätzungen

Eine Kolumne von Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey

Unsere Cool Cats propagieren: Demokratie, Meinungs- und Pressefreiheit!
Unsere Cool Cats propagieren: Demokratie, Meinungs- und Pressefreiheit! Illustrator: Jörg Lippmeyer

Demokratie, Meinungs- und Pressefreiheit können lästig sein, aber sie sind mit Abstand die wichtigsten und besten Errungenschaften unserer Zeit. Das zeigt sich, entgegen aller Mäkelei, die gerade für Deutschland typisch ist, in Zeiten der Coronakrise in besonderem Maße. Aus eben diesem Grunde sind die Zahlen, die bei uns in Sachen Covid-19 ermittelt werden, im internationalen Vergleich die wahrscheinlich zuverlässigsten.

Nichts entlarvt die politische Lüge und den Betrug effektiver als eine Kultur der Demokratie, der Meinungs- und Pressefreiheit. Es überrascht mich nicht, dass Länder mit besonders gut demokratisch funktionierenden und entsprechend kontrollierten Institutionen am erfolgreichsten in der Bekämpfung von Covid-19 sind. Selbst Staaten, die von der Seuche ziemlich „kalt erwischt“ wurden, wie Italien, Spanien und Frankreich, kommen allmählich mit demokratischer Solidarität aus dem Tal der Tränen. Besonders bemerkenswert ist, dass die Spitzenreiter im Covid-19-Management weibliche Regierungschefs haben!

Dem gegenüber werden die Staaten mit den gruseligsten Entwicklungen und absurdesten Lügen von den gewissenlosesten Vertretern unter den Staatslenkern geführt. Am prominentesten sind ohne Frage die USA. Mit ihnen gleichauf sind Brasilien, Russland, die Türkei, dicht gefolgt von Großbritannien. Auch der so genannte schwedische Weg lässt sich meines Erachtens als selbstgefällige Realitäts-Verweigerung der politischen Führung einordnen.

Es ist aufschlussreich, die aus diesen Ländern an die Johns-Hopkins-Universität übermittelten Zahlen einer näheren Betrachtung zu unterziehen. Man kennt inzwischen ziemlich genau die Sterberate bezogen auf die Gesamtzahl der Infizierten. Der Fachbegriff im Deutschen ist „Letalität“, im Englischen „Infection-fatality-rate“. Sie liegt zwischen 0,25 Prozent und 0,7 Prozent. Die Unterschiede erklären sich u.a. aus dem Durchschnittsalter der Infizierten und der Leistungsfähigkeit der Gesundheitssysteme. Ich nehme die in der Heinsberg-Studie ermittelte Zahl von 0,37%. Danach muss die Todesrate mit 270 multipliziert werden, um eine etwaige Vorstellung über das Ausmaß der tatsächlich Infizierten zu bekommen. Das setzt aber voraus, das zumindest die an Covid-19 Verstorbenen halbwegs zuverlässig ermittelt werden. Selbst da hapert es aber bei vielen Ländern ganz gewaltig. Neben fehlenden Institutionen, die eine realitätsnahe Testung und Erfassung von Todesursachen leisten können, offenbaren die Zahlen teils charakterliches wie institutionelles Versagen von Staatsführungen, teils auch dreiste Manipulation.

Schauen wir zunächst mal die USA an. Gemessen an der absoluten Zahl der registrierten Infektions- und Todesfälle sind sie weltweit am schwersten von der Corona-Pandemie betroffen. Stand heute (30.06.2020) sind dort 126.141 Menschen an Covid-19 verstorben. Bei den dürftigen Verhältnissen in der gesundheitlichen Versorgung insbesondere der ärmeren Bevölkerung halte ich diese Zahl noch für ziemlich „optimistisch“. Die tatsächliche Zahl der Infizierten müsste unter Berücksichtigung der Letalität 34 Millionen liegen, dem 13-fachen der registrierten Fälle (2,5 Millionen). Nur 700.000 Personen werden als genesen gemeldet. Das zeigt vor allem, dass der Verlauf des Infektionsgeschehens nur ansatzweise verfolgt werden kann. Täglich werden Neuinfektionen von über 45.000 registriert. Die Dunkelziffer dürfte weit höher liegen, weil symptomlose Virenträger nicht getestet werden. Die Zahl der infektiösen Spreader dürfte wohl in die Millionen gehen. Auch wenn diese Zahlen nur ein ungefähres Bild der Größenordnung liefern, zeigen sie dennoch, dass in den USA das Infektionsgeschehen weit weg ist von einer realitätsnahen Kontrolle. Gleichwohl meinte Donald Trump unlängst, die Coronavirus-Pandemie sei „weitgehend“ überstanden – eine wahrhaft psychopathologische Verdrängung von Realität.

Ganz verrückt geht es auch in Brasilien zu. Dort ist das Gesundheitssystem in weiten Teilen des Landes bereits kollabiert. Fast 1,4 Millionen Infektionen und 58.000 Todesfälle wurden registriert. Mindestens 15,7 Millionen Menschen müssten aber tatsächlich infiziert sein. Wie dieses Land das Infektionsgeschehen und die Coronaopfer in den Favelas und der indigenen Bevölkerung erfassen will, ist völlig schleierhaft. Die echten Zahlen, auch der Toten, dürften also dramatisch höher liegen. Da verwundert es nicht, wenn der rechtsradikale Präsident keine Zahlen mehr publizieren lassen möchte.

Interessant ist auch das, was in Sachen Covid-19 aus Russland gemeldet wird. Russlands Staatsvertreter sonnen sich bei der Bewältigung von Krisen seit je in angeblichen Erfolgen weit jenseits jeglicher Plausibilität. Die Zahl, die das in Sachen Corona-Pandemie angeblich rechtfertigt: die Sterblichkeit. Die sei um den Faktor 7,6 geringer als der weltweite Durchschnittswert. Zwar werden über 3 mal so viele Infektionen (640.246) gemeldet wie in Deutschland (195.042), aber nur 9.152 Tote (Deutschland 8.976). Die Zahl ist schlicht ein Witz. Man will wohl glauben machen, man hätte ein besonders gut funktionierendes Gesundheitswesen. Wohl auch deshalb ist es in weiten Teilen des Landes verboten, Alkoholismus als Todesursache zu benennen. Nun, in Russland hat die politische Lüge eine jahrhundertealte Tradition.

Schlimmer noch als in Russland sind die Verhältnisse in der Türkei. Kann man schon die Tatsache, dass auch die Türkei von der Pandemie nicht verschont geblieben ist, nicht bestreiten, werden die tatsächlichen Zahlen über die Infizierten und Toten in geradezu grotesker Weise manipuliert und geschönt. Wenig verwunderlich ist es da, dass Journalisten und Wissenschaftler, die echte Fakten berichten, in gewohnter Manier mit Strafverfolgung bedroht werden. Unter diesen Umständen wäre es fahrlässig, hätten die deutschen Behörden die Reisewarnung für die Türkei aufgehoben.

Aber selbst in einem Land wie Schweden, das bislang als demokratisches Musterland galt, konnte es geschehen, dass in einer Mischung aus kollektiver Selbstgefälligkeit und Ignoranz wissenschaftlicher Fakten über 5.300 Menschen in den Tod geschickt wurden. So behauptet der offizielle Staatsepidemiologe Anders Tegnell von der Behörde für öffentliche Gesundheit nach wie vor, ein genereller Lockdown hätte die Todesrate nicht vermindert. Angesichts der Tatsache, dass in Schweden bei gleichen Grundbedingungen zu Beginn der Krise inzwischen fast 10 mal mehr Menschen pro 100.000 Einwohner gestorben sind als in Finnland oder Norwegen, ist das für mich eine geradezu dummdreiste Behauptung. In einem Interview mit dem renommierten Wissenschaftsmagazin „Nature“ sagte er sinngemäß: „Es gibt genügend Hinweise darauf, dass wir über Herdenimmunität nachdenken können.” Zu dem Zeitpunkt war längst klar, dass dies mit einer vertretbaren Zahl von Opfern fern jeder Realität war. Obwohl viele Medien dies nicht explizit aussprechen, muss man bei genauer Betrachtung das totale Versagen des schwedischen Staates konstatieren. Anders als in Deutschland hat hier die demokratische Kontrolle einer politisch und wissenschaftlich unfähigen Staatsführung versagt.

In Deutschland und Europa, stimuliert auch von den wirtschaftlichen Bedürfnissen, geben wir uns der wahrscheinlich trügerischen Annahme hin, das Schlimmste sei bereits durchgestanden. Währenddessen geht in Südostasien, Südamerika und Afrika die Welle erst richtig los. Insbesondere in Indien und Afrika gibt es überhaupt keine Strukturen und Ressourcen, die das Infektionsgeschehen erfassen und abbilden können. Ich befürchte, hier könnte es jedes vorstellbare Maß übersteigen, ohne dass die Weltöffentlichkeit davon ernsthaft Notiz nimmt. Die gut 500 000 Toten weltweit sind noch eine „schmeichelhafte“ Zahl, 50 Prozent mehr sicher nicht abwegig. Dann sind wahrscheinlich 135 Millionen Menschen infiziert – und wir sind noch in der Anfangsphase der Ausbreitung.

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