Tschaikowski-Oper „Eugen Onegin“

Faszinierende Kosky-Inszenierung im Netz

Während die Matkas Larina (Christiane Oertel) und Filippewna (Margarita Nekrasova) Erdbeermarmelade einkochen, nascht Olga (Karoline Gumos, vorn) von der süßen Köstlichkeit und Tatjana (Asmik Grigorian) schlendert versonnen übers Grün.
Während die Matkas Larina (Christiane Oertel) und Filippewna (Margarita Nekrasova) Erdbeermarmelade einkochen, nascht Olga (Karoline Gumos, vorn) von der süßen Köstlichkeit und Tatjana (Asmik Grigorian) schlendert versonnen übers Grün. Foto: Ilko Freese/Drama Berlin

Die Komische Oper Berlin, unter der Intendanz von Barrie Kosky, in der Kritikerumfrage der führenden Fachzeitschrift Opernwelt gleich mehrfach zum Opernhaus des Jahres im deutschsprachigen Raum gewählt, ist wie alle Theater bis Ende dieser Spielzeit geschlossen. Als kleiner Ausgleich – und Ermunterung, dem unvergleichlichen Live-Erlebnis treu zu bleiben, wenn die Entwicklung der Corona-Pandemie eine Öffnung der Häuser wieder zulässt, offeriert das führende Berliner Opernhaus einen kostenlosen Online-Spielplan von Monumental-Oper bis Operette, der auch kleinere Konzerte und digitale Formate umfasst. Seit dem 1. Mai und noch bis zum 31. Juli 2020 kann Barrie Koskys faszinierende Tschaikowski-Inszenierung „Eugen Onegin“ hier gestreamt werden. Nebenbei: die aktuelle Ausgabe Mai 2020 der Opernwelt porträtiert mit Günter Papendell ein ehemaliges Ensemblemitglied des Gelsenkirchener Musiktheaters im Revier, dass sich seit vielen Jahren an der Komischen Oper wohlfühlt.

In „Jewgeni Onegin“, den 1879 am Moskauer Maly-Theater uraufgeführten „Lyrischen Szenen“, so der Untertitel Tschaikowskis, lebt die fröhliche Olga (Karolina Gumos) bei ihrer Mutter, der Generalswitwe Larina (Christiane Oertel), auf dem Land. Sie ist mit dem jungen, schwärmerischen Dichter Lenski (Ales Briscein) verlobt, der eines Tages mit Onegin (Günter Papendell) einen befreundeten Nachbarn mitbringt. Dem weltgewandten und daher von der Provinz eher angeödeten Gutsherrn verfällt Olgas introvertierte Schwester Tatjana (Asmik Grigorian) sogleich mit Haut und Haaren.

Und schreibt ihm noch am Abend einen flammenden Liebesbrief, doch der leichtlebige, vom jetzigen Leben gelangweilte Onegin zeigt sich genervt und weist sie am anderen Tag kühl zurück. Mehr noch: auf dem Fest zum Namenstag Tatjanas flirtet Onegin in aller Offenheit mit der lebenslustig-naiven Olga. Ein Streit mit dem darob eifersüchtigen Lenski endet in einer Katastrophe: Onegin tötet im Duell seinen Freund und muss als Mörder die Provinz für unbestimmte Zeit verlassen.

Viele Jahre später begegnet er Tatjana erneut, die inzwischen mit dem Fürsten Gremin (Alexey Antonov) verheiratet und umschwärmter Mittelpunkt der St. Petersburger Gesellschaft ist. Reuig dreht Onegin den Spieß um und fleht sie an, mit ihm ein neues Leben zu beginnen. Doch die kurzzeitig zu Tränen der Erinnerung gerührte Tatjana weist Onegin energisch ab – und das nicht nur als pflichtbewusste verheiratete Frau...

Die nach drei szenisch wie musikalisch begeisternden Stunden nicht nur am Premierenabend des 31. Januar 2016 in der Komischen Oper Berlin mit stehenden Ovationen gefeierte „Onegin“-Neuproduktion des Intendanten Barrie Kosky und des Generalmusikdirektors Henrik Nanasi verlegt die Tragödie um erste große Liebe, Freundschaft, Enttäuschung, Rache und Schuld in die metaphorische Weite der Natur. Zentrales Element des Bühnenbilds von Rebecca Ringst ist eine ungebändigte Wiese – eine Wiese, die auf historischen, rund einhundert Jahre alten Webstühlen und zum Teil in traditioneller Handarbeit in einem sächsischen Familienbetrieb aus Sisal hergestellt worden ist.

Auf dieser sitzen zu Beginn mit Filippewna (Margarita Nekrasova) und Larina zwei Matkas und unterhalten sich beim Einkochen von Erdbeer-Marmelade über alte und notabene glücklichere Zeiten, während das „lustige Vögelchen“ der kindlich-verspielten Olga, von Klaus Bruns in ein vergleichsweise aufreizend rotes Kleid gesteckt, ausgiebig aus einem frisch gefüllten Glas nascht und die zurückhaltend-taubenblau gekleidete Tatjana abseits allen Trubels still vor sich hin träumt, bevor sie ein Buch zur Hand nimmt.

„Ich will keine Könige, keine Volkstumulte, keine Götter“, so Tschaikowski 1878 zu „Onegin“: „Ich brauche Menschen und keine Puppen. Ich will mich gern an jedwede Oper machen, in der, wenn auch ohne kraftvolle und unerwartete Effekte, Geschöpfe, wie ich es bin, Gefühle haben, die auch von mir erlebt worden sind und verstanden.“ Tschaikowski schwebte „ein Konflikt, der mich wirklich berührt“ vor, als er mit seinem Freund Konstantin Schilowski den ab 1825 publizierten Versroman „Jewgeni Onegin“ Alexandr S. Puschkins für das Musiktheater bearbeitete – als bei allen heiter-volkstümlichen Melodien und dramatisch-aufwühlenden Gefühlsausbrüchen herzerwärmend-melancholische Reise in das Innenleben zweier völlig konträrer Protagonisten, die ihrem Schicksal nicht entkommen können.

Für Barrie Kosky ist Tschaikowskis Puschkin-Adaption vor allem von zwei Momenten geprägt: dem Realismus der Figuren und ihrer Gefühle sowie einer legendenumstrickten Überidentifikation des Komponisten mit der weiblichen Hauptfigur Tatjana. „Eigentlich ist es ihr Stück“, so der regieführende Intendant, „es ist das Drama ihrer Liebe und Enttäuschung.“ Die ersten beiden Akte sind durch geradezu impressionistische Wimmelbilder geprägt: Beim Picknick wird ausgiebig gesungen und getanzt, Federball gespielt und gelacht, die Drehbühne scheint pausenlos in Bewegung.

Dieser fröhlichen Ausgelassenheit folgen kleine, feine Gesten der Intimität etwa bei Asmik Grigorians nachdenklich-gschamiger Tatjana, die ihre nervös-verkrampften Hände nicht zu verbergen weiß. Zur äußerst dramatischen Musik Tschaikowskis führt Kosky ungewohnt zurückhaltend Regie, was auch für den 3. Akt gilt, der in einer brüchigen Palast-Architektur auf besagtem ungebändigtem Grün spielt. Asmik Grigorian, ein Traum im schulterfreiem roten Samt, ist hier umschwärmter Mittelpunkt, ein strahlender Engel, der sich geliebt fühlt, wenn er vielleicht auch nicht mit gleicher Intensität selbst liebt. Das einzige Duett zwischen Tatjana und Onegin der ganzen Oper ist ganz vom Abschied geprägt – hier begleitet vom Abbau der Kulissen: Mit diesem so brachialen wie stimmigen V-Effekt lässt Kosky auch optisch das Kartenhaus des Titelhelden in sich zusammenfallen.

Kosky und Henrik Nanasi können auf bewährte Kräfte des eigenen Ensembles zurückgreifen wie den russischen Bass Alexey Antonov, die Mezzosopranistin Christiane Ortel, den Tenor Christoph Späth - und den grandiosen Bariton Günter Papendell in der Titelpartie. Nach seinem ausgelassen-komödiantischen Don Giovanni in der vorherigen Spielzeit, 'mal ein hintergründiger Tim Burton-Clown, 'mal ein dämonischer „Batman“-Joker, im nächsten Moment ein bleicher Michael Jackson-Wiedergänger, im übernächsten ein unbekümmert-kindlicher Otto Waalkes-Verschnitt in der erwartungsgemäß klamaukigen Inszenierung Herbert Fritschs, meistert der einstige Gelsenkirchener mit der erneuten Titelpartie des tragischen Onegin, der durch die eigene Arroganz sein Glück verspielt, die neuerliche Herausforderung seiner stimmlichen und darstellerischen Vielseitigkeit mit Bravour. Mit der litauischen Sopranistin Asmik Grigorian und dem tschechischen Tenor Ales Briscein haben zwei der hochkarätigen Gäste schon hier gesungen, während die russische Mezzosopranistin Margarita Nekrassova als Gast der Moskauer Novaya-Oper ihr Debüt an der „Komischen“ gibt.

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