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Das gutbürgerliche, kunstsinnige Gesicht des Grauens: Rudolf Höss (Christian Friedel), Kommandant des KZ Auschwitz.

Sandra Hüller als Hedwig Höss

The Zone of Interest

Nach einem langen rein akustischen Intro ohne Bilder, mit unheildräuenden Geräuschen, leisem Wispern, aber auch Vogelgezwitscher, fängt Łukasz Żals Kamera eine idyllische Flusslandschaft ein. Junge Familien mit Kindern liegen am Ufer der Soła, die unmittelbar durch Oświęcim fließt, bevor sie in die Weichsel mündet, im Gras. Einige sammeln Beeren, andere baden.

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Bei Anbruch der Dunkelheit gehen sie ins Haus, von fern sind Stimmen und Hundegebell zu hören. Das Haus ist das Reich von Hedwig Höss (Sandra Hüller), Gattin des KZ-Kommandanten von Auschwitz, Rudolf Höss (Christian Friedel). Sie kümmert sich liebevoll um die Kinder, ist aber durch reichlich Personal aus den umliegenden Dörfern weitgehend von der Hausarbeit befreit, sodass sie sich ihrem blühenden Paradies von Garten widmen kann, den sie unmittelbar an der hohen Mauer zum Konzentrationslager angelegt hat.

Schwimmen unter Schloten

Immer wieder bekommt sie Schmuck und Kleidung, die weiblichen Lagerhäftlingen abgenommen wurden, und posiert im dicken Pelzmantel vor dem Spiegel. Auch die Gattinnen höherer Offiziere vom Wachpersonal, die regelmäßig zum Kaffeekränzchen kommen oder zu kulturellen Veranstaltungen, werden solcherart bedacht. Und wenn dann noch etwas liegen geblieben ist, dürfen sich die Hausmädchen bedienen.

Hedwig Höss (Sandra Hüller) in ihrem liebevoll gepflegten Garten unmittelbar an der KZ-Mauer.

Während Rudolf Höss mit seinem ältesten Sohn Klaus (im Film, warum auch immer, Claus: Johann Karthaus) zu Pferde die umliegende Landschaft durchstreift und der Rohrdommel lauscht, stören Kommandorufe aus der Ferne das Naturerlebnis. Und das kleine Schwimmbecken mit der selbstgezimmerten Rutsche, an der alle Kinder einen Heidenspaß haben, steht im Schatten der rund um die Uhr rauchenden Schlote. Zum privilegierten Leben gehört auch ein Luxusaufenthalt in einem italienischen Kurhotel, da lässt sich die – wieder nur akustisch erahnbare – Selektion der Neuankömmlinge an der Rampe leichter verdrängen.

Mutter ist beeindruckt

Linna Hensel (Imogen Kogge), Hedwigs Mutter, kommt zu Besuch und ist beeindruckt vom großbürgerlichen Lebensstil ihrer Tochter, vor allem aber genießt sie den „Paradiesgarten“ der „Königin von Auschwitz“. Die ihre Umgebung keinesfalls verlassen will, als Gatte Rudolf nach Oranienburg vor die Tore der Reichshauptstadt versetzt wird. Wo er seine erfolgreiche Arbeit für den ganzen Osten fortsetzen soll. Hedwig darf bleiben, wofür Gauleiter Fritz Bracht (Shenja Lacher) sorgt.

Gerade hat er als Auschwitz-Kommandant mit den beiden Ingenieuren Fritz Sander (Benjamin Utzerath) und Karl Prüfer (Thomas Neumann) die Neuentwicklung eines Ring-Einäscherungsofens, welcher einen Dauerbetrieb im Krematorium ermöglicht, erfolgreich getestet. Nun soll Höss, im wahren Leben Rudolf Franz Ferdinand Höß, das Hauptaugenmerk auf den Erhalt der Arbeitskraft möglichst vieler KZ-Insassen legen: Vorrang vor der industriellen Vernichtung zumeist jüdischer Menschen im ganzen Reich hat nun der Personalbedarf der Rüstungsindustrie.

Ungarische Aktion

Als die „Ungarische Aktion“ zur Vernichtung der Juden im Vasallenreich des Miklós Horthy beginnt, wobei zunächst 20 Prozent als Arbeitskräfte ausgesondert werden sollen, kehrt Rudolf Höss nach Auschwitz zurück - als kranker und schließlich gebrochener Mann. Am Ende ein plötzlicher Zeitsprung in die Gegenwart: Reinigungspersonal des Auschwitz-Museums erledigt gewohnheitsmäßig-emotionslos die tägliche Arbeit vor dem nächsten Besucheransturm – auch an den Öfen im Krematorium.

Der Londoner Regisseur und Drehbuchautor Jonathan Glazer ließ sich für „The Zone of Interest“ vom gleichnamigen, 2014 erschienenen Roman des im Mai 2023 verstorbenen britischen Schriftstellers Martin Amis inspirieren. Freilich ohne die Liebesgeschichte des Protagonisten, eines SS-Offiziers, zu Hedwig Höss oder gar das Auftauchen eines jüdischen Sonderkommandos zu übernehmen. Sein mehrfach für den Oscar nominierter Film beleuchtet vielmehr die Schrecken des Holocaust aus der Perspektive der Kommandantenfamilie, die ein völlig abgeschottetes privilegiertes Leben führte, obwohl ihre (für den Film minutiös nachgebaute) Villa unmittelbar an die Hölle grenzte.

Glänzende Sandra Hüller

Der vor allem mit Sandra Hüller glänzend besetzte 105-Minüter ist im Sommer 2021 über zwei Monate in Polen gedreht worden, vor allem in Auschwitz (Oświęcim) und Jelenia Góra, dem früheren Hirschberg im Riesengebirge. Nach der Uraufführung am 19. Mai 2023 bei den Int. Filmfestspielen Cannes gabs den Großen Preis der Jury und den Fipresci-Kritikerpreis. Johnny Burn erhielt den Europäischen Filmpreis 2023 in der Kategorie „Bester Ton“: Regisseur Glazer wollte die Gräueltaten aus dem KZ hinter der Gartenmauer ausschließlich über Geräusche erfahrbar machen.

Zum Kinostart am Donnstag, 29. Februar 2024, bei uns zu sehen im Casablanca Bochum, Roxy Dortmund, Eulenspiegel Essen und Cinema Düsseldorf.

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Update, Dienstag (9.4.2024)

Der Film läuft weiterhin im Casablanca, Metropolis und Union Bochum, in der Schauburg Dortmund, im Eulenspiegel Essen und im Cinema Düsseldorf.

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  • Donnerstag, 29. Februar 2024
| Autor: Pitt Herrmann