Arikia Orbáns Meisterstück
Suzie Millers Bühnen-Blockbuster 'Prima Facie'
Tessa Ensler (Arikia Orbán) ist ein Star in der Welt der Juristen, Richter und Staatsanwälte. Dabei hat sie es nicht leicht gehabt – und auf der Eliteuniversität Cambridge schon gar nicht. Stammt sie doch nicht wie der weitaus größte Teil ihrer Kommilitonen aus wohlhabenden bürgerlichen Verhältnissen, hat keine Chance, als Tochter eines Staatsanwaltes als Protegé durchs Studium zu gehen oder nach dessen Abschluss die Kanzlei eines Vaters zu übernehmen.
Die Dekanin hat ihr schon bei der Erstsemester-Einführung zu verstehen gegeben, dass sie sich auf einen gnadenlosen Kampf um möglichst gute Noten einstellen muss: Nur ein kleiner Teil der Studenten schafft es überhaupt zum Examen. Tessa hat es geschafft – und mit Auszeichnung bestanden. Und ist dabei, in der angesagten Großkanzlei die Karriereleiter einige Stufen auf einmal hinaufzusteigen, als sie von ihrem Kollegen Julian nach einer ausgelassenen Feier mit viel Alkohol vergewaltigt wird.
„Nein“ heißt „Nein“
Dabei hatte die Liaison mit sanftem, einvernehmlichem Sex begonnen und Tessa war gar nicht abgeneigt, diese unter dem Deckmantel beiderseitiger Verschwiegenheit gegenüber den Kollegen in der Kanzlei fortzusetzen. Doch nun ist sie bereit, ihr dreijähriges entbehrungsreiches Studium und sieben Jahre Berufserfahrung aufs Spiel zu setzen, indem sie Julian anzeigt: „Wenn eine Frau ‚'Nein‘ sagt, wenn ihr Verhalten ‚'Nein‘ sagt, ist das nichts Feinsinniges oder schwer zu verstehen … das Gesetz besagt, so darf man mit einer Frau nicht umgehen. Man darf nicht vergewaltigen. Und danach so tun, als wäre es einvernehmlich gewesen. Oder?“
Tessa weiß aus eigener Erfahrung, was auf sie zukommt, hat sie doch – auf der anderen Seite des Gerichtsaals – jahrelang mit Erfolg ihre Mandanten freigeboxt, indem sie Lücken in den Anklagen misshandelter und vergewaltigter Frauen entdeckt und diese so lange in Widersprüche verwickelt hat, bis sie freiwillig das Handtuch schmissen.
Erdbeben in der Theaterwelt
Die Uraufführung des dramatischen Debüts „Prima Facie“ der australisch-britischen Immunologin, Mikrobiologin und Juristin Suzie Miller am 17. Mai 2019 am Griffin Theatre in Sidney löste geradezu ein Erdbeben in der Theaterwelt aus, allein im deutschsprachigen Raum hat es seitdem 44 Inszenierungen des unter die Haut gehenden Monodramas gegeben bis zur nach neunzig Minuten mit stehenden Ovationen gefeierten Premiere der Inszenierung des hier auch für die Ausstattung zuständigen WLT-Intendanten Ralf Ebeling am 11. Juli 2025 im WLT-Studio am Europaplatz in Castrop-Rauxel.
Die in erster Linie naturgemäß Arikia Orbán galten, die nicht nur die Tessa verkörpert, was wörtlich zu nehmen ist mit jeder Faser ihres Körpers, sondern auch in zahlreiche andere Rollen schlüpft wie die der Unidozentin, des Richters, ihrer den Prozess beobachtenden Mutter und sogar in die ihres Vergewaltigers Julian. Der Stücktitel bezieht sich auf den aus dem Lateinischen stammenden juristischen Terminus „Prima Facie“, zu Deutsch „auf den ersten Blick“ oder „bei erster Betrachtung“. Er steht für den „Anscheinbeweis“, der vor Gericht genutzt wird, um einen Sachverhalt bei unzureichender Beweislage, wenn etwa Aussage gegen Aussage steht, so zu bewerten, wie er sich beim ersten Anschein präsentiert.
Bewunderungswürdige Offenheit
Arikia Orbán, 1993 in Hamburg-Altona geboren und im Wendland aufgewachsen, ist nach ihrer Ausbildung im Hamburger Studio Frese zum Jungen Staatstheater Parchim nach Mecklenburg-Vorpommern gegangen. Von der Metropole in die Provinz an der Seite ihrer Kommilitonin und besten Freundin Gesa Penthin: Dieter Schumann hat die beiden jungen Frauen zwei Jahre begleitet für seine grandiose Kino-Dokumentation „Dann gehste eben nach Parchim - Von der Leidenschaft des jungen Theaters“, die noch bis zum 2. Februar 2026 in der ARD-Mediathek gestreamt werden kann. In der Arikia Orbán mit bewunderungswürdiger Offenheit über private Probleme nach dem allzu frühen Tod ihrer Eltern und berufliche Schwierigkeiten während der Corona-Pandemie spricht, sich förmlich offenbart.
Bis an die Grenzen
Eine Parallele zu ihrer bis an die Grenzen gehende Entäußerung als Tessa Ensler in „Prima Facie“, die unter die Haut geht: WLT-Ensemblemitglied seit 2024 hat die Allrounderin Arikia Orbán in Castrop-Rauxel „Cabaret“ gespielt und „Der zerbrochne Krug“ – und starke Frauen in zwei Literatur-Adaptionen verkörpert: Charlie in Frank Goosens „Sommerfest“ und Hanna Schmitz in Bernhard Schlinks „Der Vorleser“. Vier Jahre gehörte sie zum Mecklenburgischen Staatstheater, es sollten auch – mindestens – vier Jahre beim Westfälischen Landestheater werden. Was nach diesem Meisterstück nicht vorauszusehen ist.
Die nächsten Vorstellungen
- Die nächsten Vorstellungen:
- Montag, 5. Januar 2026, 20 Uhr
- Dienstag, 6. Januar 2026, 20 Uhr
- Freitag, 16. Januar 2026, 20 Uhr
Karten
Alle im WLT-Studio Castrop-Rauxel, Europaplatz, Karten unter westfaelisches-landestheater oder Tel 0 23 05-97 80 20.
Eine weitere Aufführung in unserer Region findet am Freitag, 6. März 2026, um 19:30 Uhr im Ruhrfestspielhaus Recklinghausen statt.
Vergangene Termine (2) anzeigen...
- Montag, 5. Januar 2026, um 20 Uhr
- Dienstag, 6. Januar 2026, um 20 Uhr