Sprung in der Schüssel

Kolumne von Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey

Die Cool Cats sind sich sicher: CovIDIOTEN gibt es überall.
Die Cool Cats sind sich sicher: CovIDIOTEN gibt es überall. Illustrator: Jörg Lippmeyer

Ich habe keinen Zweifel an der Existenz des SARS-CoV 2-Erregers und seiner gefährlichen Eigenschaften. Deshalb habe ich auch keinen Zweifel an der Notwendigkeit von Gesetzen, Regeln und Bestimmungen zur Eindämmung der Covid-19-Pandemie. Allerdings werden viele Regeln so uneinheitlich und widersprüchlich umgesetzt, dass es für Demonstrationen gegen einige Anti-Corona-Maßnahmen eigentlich gute Gründe gäbe. Wenn zum Beispiel 20.000 Zuschauer bei Fußballspielen erlaubt sind und davon 10.000 in öffentlichen Nahverkehrsmitteln anreisen, ist dort weder ein Mindestabstand noch eine Kontrolle der Mund-Nase-Bedeckung zu realisieren. Wenn sich dann zum Beispiel Schausteller beschweren, dass Volksfeste wie die Cranger Kirmes untersagt sind (was ich übrigens für absolut richtig halte), kann ich das durchaus verstehen.

Das Risiko einer Infektion ist bei der Anreise zu Fußballspielen, Großkonzerten oder Kirmesveranstaltungen weitestgehend identisch. Ganze Branchen der kleinen und mittelständischen Wirtschaft sind so von der Vernichtung bedroht. Wirklich schlimm sind die Verhältnisse für Veranstalter und Künstler in der Unterhaltungsbranche und für Schausteller. Aber vielleicht ist ja die Pleite eines kleinen Schaustellers weniger relevant als die Einkommenseinbuße von Bundesligaprofis.

Während im Großen und Ganzen die Corona-Schutzbestimmungen in Deutschland im Weltvergleich durchaus moderat sind und von der Masse der Bürger auch befolgt werden, zieht ein bizarrer Zirkus durchs Land, beherrscht von rechten und linken Verschwörungstheoretikern, jeder Menge Neonazis, völkischen Predigern, Reichsbürgern, Antisemiten und Holocaustleugnern, Esoterikern, Impfgegnern, Religionsvertretern, auch verunsicherten Einzelpersonen. Man sollte auch diejenigen nicht vergessen, die mit all diesen nur ihre Geschäfte im Sinn haben und zum Beispiel über höchst zweifelhafte Spendenaufrufe den vielen Irregeleiteten ihr Geld aus der Tasche ziehen.

Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey.
Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey. Foto: Wolfgang Quickels

Die Meinungsäußerung dieser Mobs ist heftig bis gewalttätig und überwiegend im Bereich der Absurditäten angesiedelt. Wenn in Verschwörungstheorien, die man nur als irre bezeichnen kann, der Staat zum Verbrecher und die Verfassung für ungültig erklärt wird, hat der vielerorts pompös inszenierte Widerstand mit Kritik nichts mehr zu tun. Geradezu abwegig ist vor allem eine Meinung dieser „Rebellen“, nämlich, dass sie ihre Meinung nicht äußern dürften. Man muss den Schwachsinn dieser Überzeugungen und Parolen laut Verfassung tolerieren. Es ist aber weit entfernt von einer Unterdrückung einer Meinung, wenn über 90 Prozent der Deutschen sich diese nicht zu eigen macht. Es mag durchaus sein, dass ein nennenswerter Teil der Demonstranten von großen existentiellen Sorgen geplagt sind. Wenn diese sich allerdings der realitätsentrückten Szene der „COVIDioten“ anschließen, dürfen sie sich nicht wundern, wenn man sie als Bürger nicht mehr ernst nimmt.

Klimawandel-Leugner, Impfgegner, Corona-Verschwörer – eines eint diese Szenerien: Sie halten sich für die großen Analytiker der Wahrheit und machten ihre Einschätzung zum Maß der Dinge. Sie glauben, sie alleine hätten die Erkenntnis und das Wissen, wie die Welt funktioniert. Wissenschaftliche Fakten akzeptieren sie nur zu dem Teil, mit dem sie ihr ansonsten abstruses Weltbild garnieren können. Selbst mit den tadellosesten Studien kann man ihnen nicht ihren Irrtum erklären. Wissenschaftliche Verfahren werden nach Gutdünken umgenutzt, um ihre Argumentation zu begründen.

Ein Beispiel: Wir werden in Deutschland coronabedingt bis zum Jahresende eine Übersterblichkeit von circa 10.000 Fällen haben. Bei einer Gesamtsterblichkeit von circa 950.000 ist das nicht sehr viel. Es ist aber völlig verfehlt, deshalb die Corona-Schutzmaßnahmen für sinnlos zu erklären. Mit der gleichen Logik könnte man auch auf Sicherheitskonzepte bei Veranstaltungen wie der Love-Parade verzichten. Die Zahl der Toten bei dieser Veranstaltung ist mit dem Mittel der Übersterblichkeit noch nicht einmal zu erfassen. Wäre Deutschland beim Management der Pandemie so lax vorgegangen wie Schweden, hätte wir 50.000 bis 60.000 Tote zu verzeichnen. Das würde dann auch bei der Übersterblichkeit zu Buche schlagen. Ohne jegliche Corona-Schutzmaßnahmen, wie es die Demonstranten ja fordern, hätten wir leicht 250.000 Tote und einen völligen Kollaps des Gesundheitswesens erlebt.

Ein weiteres Beispiel: In Deutschland sind bislang 275.000 SARS-CoV2-Infizierte als solche identifiziert. Da ist es relativ unwahrscheinlich, dass jeder der übrigen über 80 Millionen Bürger schon mal einen Infizierten leibhaftig kennengelernt hätte.

Die gemeinen Corona-Leugner beziehen ihre „Informationen“ statt aus seriösen Quellen üblicherweise aus sozialen Medien wie YouTube und Facebook, in denen ein jeder ungeprüft veröffentlichen kann, was er/sie möchte. Sinn oder Unsinn werden nicht von Fachleuten geprüft, sondern nur von der – begrenzten – Urteilsfähigkeit der breiten Masse. Die dort tätigen „Influencer“ ziehen bei ihren Film- und Wortbeiträgen denn auch durchaus clever alle Register der Demagogie, um Naive zu überzeugen. Es geht nicht um Information sondern um Agitation. Da schildert dann ein angeblich Gebildeter mit ironischer eingefärbter Stimmlage Ergebnisse wissenschaftliche Daten, während im Hintergrund ein weiterer verächtlich kichert. Die belastbare Auseinandersetzung mit diesen Daten folgt natürlich nicht. Ein Hausarzt bezweifelt die angeblich absurden Zahlen, die vom RKI veröffentlicht würden. Er habe erst - fast kreischend spricht er - zwei Patienten mit Covid-19 (natürlich symptomlose) gesehen. Dabei werden die meisten der bekannten 250.000 Corona-Patienten in Zentren betreut. Da sind zwei Patienten in einer Praxis bei 55.000 Hausärzten eigentlich eine ziemlich hohe Zahl.

Die Frage, ob es 40.000 Menschenleben wert wären, Einschränkungen wie die Kontaktverbote durchzuhalten, darf man den Corona-Leugnern nicht stellen. Es interessiert sie in ihrer Verantwortungslosigkeit und der daraus resultierenden Realitätsflucht nicht. Die Akzeptanz der Wahrheit ist leider häufig wenig vergnüglich. Nur wenige Menschen denken freiwillig über schwer verständliche Zusammenhänge nach. Simple Gerüchte bleiben dagegen wesentlich leichter im Gedächtnis haften als komplizierte wissenschaftliche Fakten. Besonders die Erkenntnis, dass man Unrecht hat, schadet dem Selbstwertgefühl. Das macht viele Menschen immun gegen Fakten, weshalb sie ihre Meinung stur verteidigen. Stattdessen folgen sie blind irgendwelchen Phantasten, die sich in den absurdesten Verschwörungstheorien gegenseitig überbieten.

Im europäischen Ausland ist man über dieses Spektakel schier sprachlos. Die französische Journalistin Pascale Hugues schreibt dazu: „... für mich ist das ein großes Paradox. Es gab wenige Tote, wenige Ansteckungen, einen sehr milden Lockdown. Man konnte einigermaßen normal leben. In Frankreich hatten sie nicht genug Masken, viele Tote, viele Ansteckungen, nicht genug Krankenhausbetten, die Franzosen mussten ihre Kranken nach Deutschland exportieren. Wenn man jetzt durch Berlin läuft, sieht man: Das Leben ist normal. In Frankreich herrscht jetzt, wie in den meisten großen Städten, Maskenpflicht auf der Straße. In Frankreich demonstriert keiner und hier gibt es eine Riesendemonstration. Wofür frage ich, wofür?“

Zum Glück ist die übergroße Mehrheit der Deutschen in ihrer demokratischen Grundhaltung inzwischen so stabil, dass die Grundfesten des demokratischen Rechtsstaates durch die Demos der Renitenten kaum erschüttert werden können. Und vor allem, der „Sprung in der Schüssel“ derjenigen, die das Bild der Demos prägen, ist so offensichtlich, dass sie eine letztlich lächerliche Minderheit bleiben werden.

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