Schon wieder sticht der Hafer

Kolumne von Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey

Banner und Plakate der Stadt und des Stadtmarketing, um mehr vor Corona zu warnen.
Banner der Stadt Herne mahnen und warnen. Foto: Fabian Dobbeck

Am Montag (8.2.2021) meldete das RKI 4.535 neue Infektionsfälle und „nur“ 158 Tote, zwei Tage später am Mittwoch (10.2.2021) schon wieder 8.072 „Neue“ und 813 Tote. Das zeigt zwar, der Lockdown wirkt. Weshalb mich dieser deutliche Rückgang der Zahlen nicht nur freut, sondern auch besorgt, möchte ich in dieser Kolumne erläutern.

Der „Wellenbrecher-Lockdown“ vom letzten November 2020 war ein „Schuss in den Ofen“ – ein vorhersehbarer. Schauen wir uns die Zahlen bis zum Oktober an: Im Juni und Anfang Juli, der Zeit der großen Hitze, sanken die täglich registrierten Infektionszahlen vereinzelt auf unter 200 - deutschlandweit. Am 1. Oktober wurden schon 2.619 Fälle identifiziert, 13 mal so viele. Man konnte im August und September bereits wieder wie im März und April in sehr überschaubaren Verdopplungszeiten rechnen. Zwischen dem 1. Oktober und dem 16. Oktober verdreifachte sich die Zahl der Infizierten auf 7.976.

Betrachten wir die eigentlich noch wichtigere Zahl, die der an Covid-19 Verstorbenen. Lassen wir die blödsinnige Einschränkung „an oder mit“ mal außen vor, ist im Gegensatz zu allen anderen Zahlen die Dunkelziffer hier nahe Null. Ein Toter ist nun einmal leichter zu erkennen und zu zählen als ein symptomloser Infizierter. Inzwischen kennt man ziemlich gut die Sterblichkeit von Covid-19. Sie liegt im Mittel zwischen 0,3 Prozent und 0,7 Prozent, abhängig im Wesentlichen vom Altersdurchschnitt der betroffenen Bevölkerung. Je jünger, desto mehr Infizierte pro Verstorbenem, je älter, desto weniger Infizierte führen zu mehr Toten. Und gestorben wird im Durchschnitt etwa 3 Wochen nach der Infektion. Man muss also nur die Zahl der Toten mit 140 bis 330 multiplizieren, um die Größenordnung des Infektionsgeschehens einordnen zu können. Weil die Kontaktnachverfolgung der Gesundheitsämter bei sehr geringen Inzidenzen im Juni und Juli 2020 effizient war, tendierte die Dunkelziffer gegen Null und die Zahl der entdeckten Infektionen lag ziemlich nahe an der Realität.

Auf die Maskenpflicht zur Corona-Prävention weisen in der Innenstadt von Herne (NW) Schilder an den Zugängen zur Fußgängerzone auf der Bahnhofstraße hin. Aufnahme vom Dienstag (27.10.2020).
Auf die Maskenpflicht zur Corona-Prävention weisen Schilder hin. Foto: Stefan Kuhn

Es ist sehr wahrscheinlich, dass sich im Sommer das Infektionsgeschehen mehr in die jüngere Bevölkerung verlagert hat. Die Reisetätigkeit der Älteren war halt nicht so sehr auf Halligalli in den Hot Spots der Infektion am Ballermann und an der Schwarzmeerküste fokussiert. Man kann also davon ausgehen, dass die Sterblichkeit (0,37 Prozent nach Heinsberg-Studie) etwas abgenommen hat. Dementsprechend habe ich einen Multiplikationsfaktor von 300 genommen, um von der Zahl der Toten auf die Zahl der tatsächlich Infizierten hochzurechnen. Es brauchte auch eine gewisse Zeit, bis die Reiserückkehrer ihre Infektion unters Volk bringen konnten. Zwischen dem 25. Oktober und dem 30. Oktober sind im Durchschnitt 69 Menschen täglich an Covid-19 gestorben. Davon ausgehend müssten sich einen Monat zuvor, als die Reisewelle abflaute, also zwischen dem 25. und 30. September täglich ca. 20.600 Menschen infiziert haben. Entdeckt wurden in dieser Zeit aber nur knapp 2.000 Infizierte pro Tag. Wir waren also schon Ende September wieder bei einer Dunkelziffer vom 10fachen der identifizierten Infektionen und einer Zahl, die Frau Merkel im Oktober erst für Weihnachten 2020 prognostiziert hatte.

Vom 1. bis zum 6. Februar 2021 hatten wir im Schnitt 700 Covid-19-Tote pro Tag. Ergo müssen sich 3 Wochen vorher vom 11. bis 16. Januar (wir sind wieder bei den Heinsberg-Zahlen, weil wir keinen nennenswerten Reiseverkehr haben) 189.000 Menschen pro Tag angesteckt haben. Die Dunkelziffer steht immer noch beim 10fachen der gemeldeten Zahlen, allerdings auf einem 10fach höheren Niveau als im Oktober. Damals wurde der „Schuss in den Ofen“, der „Wellenbrecher-Lockdown“ erfunden, der nichts gebracht hat. Er hat nur viel Zeit gekostet. Hätte man den harten Lockdown, wie von zahlreichen seriösen Wissenschaftlern empfohlen, bereits Ende Oktober vollzogen, hätten wir wahrscheinlich schon Weihnachten bessere Zahlen gehabt als jetzt Anfang Februar.

Inzwischen haben wir es aber mit einer deutlich gefährlicheren Situation zu tun. Die infektiöseren Mutanten breiten sich mit atemberaubender Geschwindigkeit aus. Bei den Iren, den Briten und den Portugiesen explodierte nach leichtfertigen Lockerungen das Infektionsgeschehen geradezu. Als im Mai letzten Jahres die Israelis die Schulen landesweit öffneten, passierte ihnen dasselbe mit dem „alten“ Virus: das Infektionsgeschehen geriet außer Kontrolle. Selbst jetzt, wo sie im Rekordtempo impfen, hat sich die Lage noch nicht wirklich beruhigt. Noch gibt es so gut wie keine Informationen darüber, wie sich das mutierte Virus auf Kinder und Jugendliche auswirkt. Wer aber heute noch glaubt, Kinder und Jugendliche hätten keinen nennenswerten Anteil am Infektionsgeschehen, der ist nach meiner Ansicht „vom Weltlichen ab“.

Am 10. Februar werden in den Staatskanzleien und bei der Kanzlerin wieder die 16 Fernseher aufgestellt zur Videokonferenz. Es soll entschieden werden, wie es mit dem Lockdown weitergeht. Wie man hört und liest, will man Öffnungsperspektiven ausloten. Schon hat Sachsen, immerhin das Land, das durch Covid-19 im Dezember eine Steigerung der Todeszahlen um über 100 Prozent erleiden musste, die Öffnung der der Schulen für die oberen Jahrgänge angekündigt. Auch aus anderen, meist östlichen Bundesländern mehren sich die Lockrufe nach Lockerung des Lockdowns. Begleitet wird das von den Parteien der Opposition vor allem rechts der Mitte mit allerlei verqueren Ideen. Bei Maybritt Illner polemisiert Kristina Schröder (CDU) gegen das strenge Vorgehen der Bundesregierung, angeblich wegen der schwerwiegenden Folgen für Kinder und Jugendliche. Im Gleichklang mit der AfD warnt sie vor „totalitärem“ Handeln. Seit dem letzten Sommer ist sie aber auch für die von Arbeitgeberverbänden getragene, wirtschaftsliberale Lobbyorganisation „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ tätig. Das Sprichwort sagt “wes Brot ich ess, des Lied ich sing“. In der gleichen Sendung kommt darüber Jana Schroeder, immerhin Fachärztin für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie, aus dem Kopfschütteln über ihre Namenscousine kaum mehr heraus.

Und machen wir uns nichts vor: Aus der akuten Misere wird uns auch die Impfung nicht befreien. Selbst wenn alle Gesundheitsminister der EU optimal gehandelt hätten und die Pharmaindustrie am 27.12.2020 ausreichend Impfstoff hätte liefern können, wären wir immer noch weit vom Ausweg aus der akuten Misere entfernt. Es dauert einfach zu lange, bis der Effekt der Impfung eintritt. Wenn die Impfung im April zu einer Entspannung auf den Intensiv-Stationen führt, ist das eine durchaus sportliche Hoffnung.

Wer wünscht sich keine Rückkehr in ein unbeschwertes Leben? Natürlich erleiden vor allem Kinder und Jugendliche eine Katastrophe. Ja, es ist auch schlimm für die Ungezählten, die gehindert sind, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Was aber wäre denn die Alternative? Weitere 50.000 Tote in den nächsten 3 Monaten? Seitens der seriösen Wissenschaft besteht kein Zweifel: Die derzeitigen Infektions- und die Todeszahlen sind viel zu hoch und durch die tückischen Virusmutanten werden sie hoch bleiben, wenn nicht entschlossen gegengesteuert wird.

Wenn wir jetzt denselben Fehler begehen wie im letzten Oktober, als wir trunken und benebelt vom Sommer von der gewaltigen 2. Woge der Infektion überflutet wurden, sind Zahlen wie in Portugal nicht mehr fern der Realität. Die Woge hat seit dem 1. November 2020, also in 3 Monaten, 50.000 Tote gefordert. Die Zahl derer, die schwere gesundheitliche Schäden davongetragen haben, auch in der Bevölkerung, die nach 1970 geboren wurde, dürfte noch um ein vielfaches höher liegen. Nennenswerte Lockerungen zum jetzigen Zeitpunkt kurz vor einem beherrschbaren Zielwert werden uns alle, auch die Wirtschaft, um Wochen zurückwerfen und viele zusätzliche Milliarden kosten – auch wenn die unverbesserlichen Sponsoren von Kristina Schröder das nicht begreifen wollen.

Ein Inzidenzwert von 25 pro Woche pro 100.000 Bürger dürfte deshalb für die Gesundheitsämter gerade noch zu schaffen sein. Besser wäre noch weniger.

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