Deutsch-Türkisches Puppenmusical am MiR
Osmans Töchter – Kochshow wider Willen
Eine Küche mag ein Ort der Geheimnisse, der Gerüche, der Verführung und nicht zuletzt der Vorfreude auf bevorstehende Gaumenfreuden sein. Wie bei „Osmans Töchter“, einem türkischen Restaurant unweit des S-Bahnhofs Schönhauser Allee im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg, Namensgeber des deutsch-türkische Puppenmusicals der renommierten Berliner Off-Truppe „Das Helmi“ um Florian Loycke, der sich selbst die Rolle eines Eşek, also eines Grautiers, zugedacht hat.
Baba Osman Özer (Emir Tebatebai) war nicht als Koch nach Deutschland gekommen, sondern als Ingenieur, wie seine jüngste Tochter Cemre (Neda Pourbakhshayeshi aka addeN) zu Beginn erzählt. Aber als alleinerziehender Vater von (jedenfalls in Gelsenkirchen) gleich drei Töchtern musste er sich, nachdem ihm seine Frau davongelaufen war, als Selbständiger durchbeißen und eröffnete ein Fischrestaurant. In dem sich ziemlich krasse Dramen abspielen: Ein Oktopus will lieber die Kochmütze aufsetzen als selbst gekocht zu werden und hat deshalb für den Topf eine Ente geordert. Und eine eitle Fleischtomate beansprucht die Hauptrolle im Salat.
Sympathischer Patriarch
Das alles wächst Baba, einem richtigen, aber sympathischen Patriarchen, über den Kopf, zumal sich seine älteste Tochter Petra (Gizem Akmann) nach Istanbul verabschiedet hat, seine Freundin Katharina (Gloria Iberl-Thieme als „Kathi“ Thalbach) nur eine „Freundschaft-Plus-Geschichte“ will und seine Tochter Nilüfer (Daniel Jeroma), die stolz auf ihren deutschen Pass und das Deutschland-Ticket ist, auch noch einen Habibi Alman (Maximilian Teschemacher) anschleppt. Vom bürokratischen Stress, Thomas vom Gesundheitsamt als Warzenschwein, ganz abgesehen hat sich auch noch Ex-Kanzlerin Angela Merkel als Gast angesagt!
Mit einem Knall verschwindet Baba Osman von der Bildfläche. Wer übernimmt für ihn das Ruder? Wie auf Kommando steht Petra in der Tür, die in Istanbul von Babas Verschwinden gehört hat. Aber Cemre ist bereit zum Kampf gegen ihre beiden Schwestern um die Nachfolge des offenbar heimwehkranken Patriarchen…
Teyzes als Stimmungskanonen
Nach der Uraufführung am 2. November 2025 in einer intimen Spielstätte des Saarländischen Staatstheaters am Saarbrücker Osthafen hagelte es niederschmetternde Verrisse, welche den Regisseur Florian Loycke zu einigen Änderungen veranlassten, die in Gelsenkirchen im Kleinen Haus sogleich zündeten. Wesentlichen Anteil hat neben der Straffung der Aufführung auf neunzig Minuten (die Pause mit Catering wurde gestrichen) der von zwei auf sechs großartige alevitische Stimmungskanonen erweiterte „Chor“ der Teyzes, also der Tanten mütterlicherseits bzw. der älteren Frauen.
Die bringen die im Vergleich zur Saar an Ruhr und Emscher naturgemäß wesentlich größere türkische Community im Handumdrehen auf Betriebstemperatur. Dass da noch viel mehr geht, beweisen die bewegenden „Istanbul“-Abende im Essener Grillo-Theater. An den skurril-verknitterten Schaumstoff-Puppen liegts jedenfalls nicht, sondern daran, dass die Berliner Helmi-Truppe zu viel in die Geschichte hineingepackt hat, von der moralischen Integrität Mesut Özils über die deutsche Ost-West-Problematik bis hin zum gescheiterten Versuch einer neuen Nationalhymne nach der Wiedervereinigung.
Erinnerung an Cem Karaca
Ausbaufähig ist sicherlich auch der musikalische Anteil, wenn man schon den Gattungsbegriff „Musical“ verwendet. Schließlich hat das „Helmi“-Kollektiv sein Können 2024 bei der ersten Zusammenarbeit mit dem MiR-Puppentheater, dem Nick-Cave-Musical „Death is not the end“, bewiesen. Was mich besonders freut: Der musikalische Leiter Jakob Dobers erinnert mit seiner Rollenfigur Cem Karaca an „den“ türkischen Rockstar (Istanbul 1945 – 2004), der zwischen 1970 und 1987 in Deutschland lebte. Sein bei „Pläne“ in Dortmund herausgebrachtes Album „Die Kanaken“ haben Martin Burkert und Harry Bösecke zur Grundlage ihres musikalischen Schauspiels „Ab in den Orient-Express“ gemacht, das 1983 am Westfälischen Landestheater Castrop-Rauxel uraufgeführt wurde und auch in Istanbul gastierte.
Vierzig Jahre später hat folgender Liedtext daraus nichts an Aktualität verloren: „Deutscher, Deutscher wechsel dich / wirf die Kleider hinter dich / kleb dir einen Schnauzbart an / fertig ist der Muselmann / Willst du mal ein anderer sein / kriechst ganz einfach in ihn rein / siehst mit seinen Augen dann / schade - dass man das nicht kann / Haare, Kleider ändern sich / doch das ist nur äußerlich / anders aussehn ist nicht schwer / anders sein dagegen sehr.“
Karten
Karten gibt es unter musiktheater-im-revier oder Tel. 0209 – 4097200
Die weiteren Termine:
- Freitag, 9. Januar 2026, 19:30 Uhr (anschl. Bargespräche)
- Donnerstag, 22. Januar 2026, 19:30 Uhr
- Sonntag, 22. Februar 2026, 18 Uhr
- Freitag, 13. März 2026, 19:30 Uhr
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- Sonntag, 22. Februar 2026, um 18 Uhr
- Freitag, 13. März 2026, um 19:30 Uhr
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- Freitag, 9. Januar 2026, um 19:30 Uhr