Noah, der Prepper

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Noah, der Prepper am WLT: Noah (Andreas Kunz) und Gattin Frauke (Anne Noack) bereiten sich in kälteresistenten Schutzmänteln aus Plastikflaschen auf den Ernstfall vor.
Noah, der Prepper am WLT: Noah (Andreas Kunz) und Gattin Frauke (Anne Noack) bereiten sich in kälteresistenten Schutzmänteln aus Plastikflaschen auf den Ernstfall vor. Foto: Volker Beushausen

„Stell dir mal vor“, sagt Noah (Andreas Kunz) zu seiner Gattin Frauke (Anne Noack), „wir müssen unsere Lebensmittel im Keller lagern, im Geheimen und nicht in der Garage, weil da könnten sie ja geklaut werden.“ Sie antwortet prompt: „Dann gehen wir einfach in den Supermarkt.“ Das ist aus Sicht des Familienvaters, der seinen Keller in eine Arche verwandelt hat, in der er sich auf den Weltuntergang vorbereitet, allzu naiv gedacht.

Noah, der sich mehr und mehr zum Prepper entwickelt, zu einem Menschen also, der sich akribisch auf reale oder vermeintliche Katastrophen, ja sogar den Weltuntergang vorbereitet, indem er sechs Meter unter der Erdoberfläche alles zum Überleben Notwendige für drei Monate bunkert, trainiert, um gegen Zombiearmeen anzukämpfen und im Falle eines nuklearen Unfalls für alles gerüstet zu sein.

„Ist ja eh alles gelogen, ist alles nicht so schlimm, es gibt keine Katastrophen, keine Klimaerwärmung“: Während er sich immer mehr in seine Arche vergräbt und mögliche Bedrohungsszenarien durchspielt, ist seine Frau skeptisch, ob das alles Sinn macht, obwohl sie nicht umhin kann, Noah in seiner Abkapselung von der Außenwelt zu unterstützen, wenn das Codewort „Die Gurken sind reif“ fällt.

Noah, der Prepper am WLT: Isabel und Felix finden in Papas Arche die Nachbarin Greta (Thyra Uhde, vorn) vor – gefesselt. Im Hintergrund ihre Eltern Frauke und Noah.
Noah, der Prepper am WLT: Isabel und Felix finden in Papas Arche die Nachbarin Greta (Thyra Uhde, vorn) vor – gefesselt. Im Hintergrund ihre Eltern Frauke und Noah. Foto: Volker Beushausen

„Wozu lernen, wenn es ohnehin keine Zukunft gibt“: Ihre beiden Kinder, die nichts von Papas Bunker wissen, haben sich der „Fridays For Future“–Bewegung angeschlossen. „Keine Schule, klingt schon mal geil“: Sie sammeln Plastikmüll auf und versuchen, mit anderen Jugendlichen etwas gegen eine bevorstehende Klimakatastrophe zu unternehmen: der Sohn Felix (Chris Carsten Rohmann) mit angelesenen Stichworten eher vom Verstand her, die kämpferische Tochter Isabel (Luisa Cichosch) ganz aus der Emotion heraus.

Schließlich prallen diese unterschiedlichen Charaktere im Kellerverließ des Hausherrn aufeinander, als die Kinder rein zufällig die gefesselte Nachbarin Greta (Thyra Uhde), die nur nach etwas Mehl gefragt hatte, in Noahs Arche entdecken. Und dann fällt auch noch der Strom aus und damit auch der Mechanismus der verschlossenen Kellertür. Nur Mutter Frauke ist draußen in der Wohnung, das restliche Quartett eingeschlossen…

„Noah, der Prepper“, das nunmehr achte Stück des in Frankreich geborenen und heute in Österreich lebenden Autors Flo Staffelmayr, ist ein skurriles und doch sehr realistisches Stück über den Umgang mit der Angst für alle ab 13 Jahren. Die Uraufführung musste pandemiebedingt verschoben werden. In der Zeit der ersten Corona-Welle entwickelten sich plötzlich normale Menschen zu Preppern und leerten die Supermarkt-Regale: ganze Einkaufswagen-Ladungen voller Toilettenpapier, Mehl, Zucker, Reis und Nudeln passierten die Kassen, bevor solch unsolidarischem Hamstern ein Riegel vorgeschoben wurde.

Geradezu prophetisch äußerte der Regisseur Peter Adrian E. Kahl Ende März 2020 im Gespräch mit der Dramaturgin Sabrina Klose: „Es ist schon spooky, wirklich spooky. Das Stück erscheint einem eigentlich so absurd. Und plötzlich wird die Absurdität so real. Ich meine, dass die Leute überall das Klopapier leer kaufen, ist absurd. Aber diese Absurdität kommt in der Realität an. Das macht es hochaktuell. Also könnten wir es aktuell hoch und runter spielen. Eigentlich müsste man das Stück genau jetzt spielen.“ Gesagt, getan: die gut siebzigminütige, so komödiantisch-überzeichnete wie actionreiche Inszenierung in der einfallsreichen Raum-im-Raum-Ausstattung von Laurentiu Tuturuga (eine aufklappbare Tür lässt einen Blick ins Wohnzimmer zu) hat sich zu einem Repertoire-Dauerbrenner des WLT entwickelt und ist wieder am Donnerstag, 13. Januar 2022, in der Stadthalle Castrop-Rauxel zu sehen.

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