Neu im Kino: Petting statt Pershing

Zeitporträt der frühen Kohl-Jahre

Neu im Kino: Petting statt Pershing v.l. Florian Stetter und Anna Florkowski.
Neu im Kino: Petting statt Pershing v.l. Florian Stetter und Anna Hornstein. Foto: Jutta Pohlmann/NFP

Die Bundesrepublik im Jahr 1983. Helmut Kohl ist Kanzler und die Angst vor einem Atomkrieg geht um. Irgendwo in der südhessischen Provinz tangiert der Kalte Krieg die 17-jährige Ich-Erzählerin Ursula Mayer (Anna Hornstein) allerdings wenig. Sie stellt zwar neugierig-skeptische Fragen zur offenbar eingeschlafenen Ehe ihrer Eltern Inge (Christina Große) und Helmut (Thorsten Merten), nachdem sie seit Jahren abgelaufene Kondome im Nachttisch entdeckt hat. Und will auch wissen, was Opa Wilhelm (Hermann Beyer), der gerade neu ins Haus eingezogene Vater ihres Vaters, im Zweiten Weltkrieg so gemacht hat.

Ihr einziges richtiges Problem sind ihre üppigen Formen. Die sind nicht nur im Sportunterricht hinderlich, sondern auch bei der Akzeptanz unter Gleichaltrigen. Ausgerechnet Ralf (Oskar Bökelmann), von allen Mädchen umschwärmter Bruder der Klassenschönheit Isabelle (Zoe Moore), soll ihr Entjungferer werden, weshalb sich Ursula von ihm in die Anglerhütte locken lässt. Doch der ist nur an einem schlechten Scherz interessiert: Ralf präsentiert der versammelten männlichen Dorfjugend ihren enorm dimensionierten BH, der als Trophäe herumgereicht wird – und schließlich auf dem Kernkraft-Modell im Schulfoyer landet.

Das Environment, dass Ursula in den Augen aller lächerlich machen soll, gefällt dem neuen Lehrer für Physik und Biologie, Siegfried Grimm (Florian Stetter). Der attraktive Linksalternative, der zusammen mit seiner Lebensgefährtin Erdmut (Britta Hammelstein) und dem nach einem Zusammenstoß mit einem Polizei-Wasserwerfer an den Rollstuhl gefesselten Aktivisten Hans-Erich (Leon Ulrich) eine Wohngemeinschaft mit ökologischer Landwirtschaft gegründet hat, steht sogleich im Mittelpunkt des Interesses der weiblichen Ortsbewohner jeglichen Alters. Erdmut offeriert nicht nur Öko-Koch- und -Backarbeitsgemeinschaften, sondern auch „Muschi-Kurse“ zur vaginalen Selbstuntersuchung und Stimulation, während Siegfried Trainings veranstaltet für gewaltfreie Demonstrationen gegen die geplante Stationierung von amerikanischen Pershing-Raketen in Mutlangen.

Sein Flugblatt-Motto Petting statt Pershing wörtlich nehmend, wird der die freie Liebe predigende Lehrer zur Projektionsfläche auch für Ursula, die von ihm als bisher einzigem dazu ermutigt worden ist, zu sich selbst zu stehen und ihre Haltung ohne Rücksicht auf Familie oder gesellschaftliche Konvention zu leben. An ihren Eltern sieht sie die Brüchigkeit herkömmlicher Strukturen: Während Vater Helmut sich als Arzt verwirklicht, hat Mutter Inge ihr Kunststudium abgebrochen nach Ursulas Geburt und sich ganz in den Dienst der inzwischen vierköpfigen Familie gestellt. Kein Modell also für Ursula, die davon träumt, mit Siegfried Grimm nackt im Bett zu liegen wie John Lennon und Yoko Ono.

Eher selten im WG-Bett, dafür auf hartem Schulklassenboden, auf Turnmatten in der Sporthalle oder romantisch im Heu des Ökohofes treibt es Ursulas narzisstisches Objekt der Begierde – mit ihrer eigenen Mutter Inge wie mit der Sportlehrerin Karin Teichert (Barbara Phillip). Was irgendwann weder Erdmut noch Ursula verborgen bleibt. Letztere fühlt sich verraten – und beschließt sich zu rächen...

Petra Lüschows Spielfilmdebüt Petting statt Pershing, das am 25. Oktober 2018 bei den Hofer Filmtagen uraufgeführt wurde und jetzt in die Kinos gekommen ist, sollte bereits vor Jahresfrist unter dem Titel Es ist aus, Helmut in die Kinos kommen. Die knapp hundertminütige Gesellschaftskomödie ist mit der Leinwand-Newcomerin Anna Hornstein großartig besetzt: Bisher nur in TV-Serien wie Schloss Einstein und Der Lehrer unter ihrem früheren Namen Anna Florkowski zu sehen, spielt sie an der Spitze eines erlesenen Ensembles eine junge Frau, die eigentlich klug und stark ist, aber unter ihren üppigen Körpermaßen leidet. Eigentlich will sie nur dazugehören, am Ende, das darf verraten werden, ist Ursula die Einzige, die die Kurve kriegt und ihrer Sehnsucht nach Ausbruch aus der kleinbürgerlichen Welt nachgibt.

Petra Lüschow ist mit Petting statt Pershing, zu sehen unter anderem im Metropolis Bochum, ein detailreiches Zeitporträt der frühen Kohl-Jahre wie der Spät-1968er geglückt, auch wenn vieles lustvoll-ironisch übertrieben erscheint. Wie die von Christine Schorn verkörperte Mutter der Sportlehrerin, Erna Teichert, die scheinbar selbstlos ein Kriegerdenkmal außerhalb des Dorfes pflegt, in Wahrheit aber auf die alten Kameraden schimpft und sich an einer im Marmor versteckten Schnapsflasche gütlich hält.

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