Neu im Kino: Kursk

Neu im Kino: Kursk: Matthias Schweighöfer.
Neu im Kino: Kursk mit Matthias Schweighöfer. Foto: wild bunch

Ein Junge hält gefühlt erheblich zu lange die Luft an – unter Wasser in der Badewanne. Aber zur Beruhigung aller lehnt an seiner Seite ein Männerarm mit klobiger Uhr: 57 Sekunden hat es Micha ausgehalten und Papa Mikhail Avenin (Matthias Schoenaerts) ist mächtig stolz. Der Kapitänleutnant der russischen Nordflotte lebt mit seiner inzwischen wieder hochschwangeren Frau Tanya (mit echtem Babybauch: Lea Seydoux) und den Familien der Kameraden in einer gesichtslosen Plattenbausiedlung auf dem Militärstützpunkt in Murmansk. Zehn Jahre waren er und seine Crew nicht mehr auf einer Mission. Da Moskau erheblich im Lohnrückstand ist, verkaufen Mikhail und seine Mannschaft ihre U-Bootfahrer-Uhren, um die Hochzeitsfeier von Pavel Sonin (Matthias Schweighöfer) und seiner großen Liebe Daria (Katrine Greis-Rosenthal) in gewohnt opulenter Form ausrichten zu können: der Alkohol fließt in Strömen. Als erster liegt Kapitän Gennady Shirokov (Martin Brambach) unterm Tisch...

Der Rausch ist noch nicht ganz verflogen bei Mikhail, Pavel und dessen bestem Freund Anton Markov (August Diehl), als am 10. August 2000 unter orthodoxen Kirchengesängen das russische U-Boot K-141 Kursk zu einem Manöver der russischen Nordflotte unter dem Kommando des Admirals Viacheslav Gruzinsky (Peter Simonischek) in der Barentssee ausläuft. An Bord des 1990/91 gebauten, mit Marschflugkörpern bestückten Atom-U-Bootes befinden sich 118 Mann Besatzung – und eine neue Übungsrakete, eine Art Geheimwaffe. Welche die Stimmung des Admirals nicht wirklich hebt, ist er sich doch über die prekäre Situation seiner Flotte im klaren: die Hälfte des Materials verrostet im Trockendock.

Neu im Kino: Kursk. Matthias Schoenaerts und Lea Seydoux.
Neu im Kino: Kursk mit Matthias Schoenaerts und Lea Seydoux. Foto: wild bunch

Am zweiten Tag der Übung, an dem immerhin noch 57 Überwasserschiffe und drei U-Boote teilnehmen, kommt es durch die Explosion des neuen, rasch überhitzten Test-Torpedos zur Katastrophe: Die Kursk erleidet schwere Schäden und sinkt auf den Meeresboden. Lediglich 23 Männer überleben und können sich in einen sicheren Abschnitt im hinteren Teil des U-Bootes retten, darunter auch Kapitänleutnant Mikhail Averin. Vier Hammerschläge zur jeweils vollen Stunde signalisieren der Außenwelt, dass es Überlebende im Rumpf des Bootes gibt. Die Hoffnung auf eine baldige Rettung schwindet zusehens: Von insgesamt drei Rettungsschiffen der Nordflotte ist nur noch ein schrottreifes Exemplar vorhanden, nachdem die Mir an die Amerikaner verkauft worden ist und nun Touristen für Unsummen zum Wrack der Titanic bringt. Nach mehreren vergeblichen Andockversuchen ist die zunächst euphorische Stimmung unter den Überlebenden tiefer Depression gewichen, besonders schlimm hat es Maxim (Pit Bukowski) erwischt, der auf eigene Faust „aussteigen“ will – es wäre sein eigenes Todesurteil.

Commodore David Russell (Colin Firth) von der britischen Royal Navy, der beim Nato-Partner Norwegen das russische Manöver überwacht, bietet Hilfe an: die Erdölförderplattformen im Europäischen Nordmeer verfügen über hochmodernes Rettungsgerät. Admiral Gruzinsky würde gern darauf zurückgreifen, doch sein Vorgesetzter, Admiral Vladimir Petrenko (Max von Sydow), verweigert jegliche internationsale Hilfe – aus Prestigegründen, aber auch aus nicht unberechtigter Angst vor westlicher Spionage. Währenddessen haben die Angehörigen Wind von der Havarie bekommen. Sie werden lange im Unklaren über die Ausmaße der Katastrophe gelassen. Die jungen Frauen, allen voran Tanya Averin, Daria Sorin und Markovs Gattin (Helene Reingaard Neumann) fordern verzweifelt Aufklärung - vergeblich. Die russische Militärführung bleibt stur, obwohl die Zeit für die Überlebenden abläuft...

Kursk ist hochspannend, obwohl man den Ausgang der zeitraubenden russischen Rettungsversuche kennt: als norwegische Taucher drei Tage nach der Explosion die - anders als von Petrenko & Co behauptet - keineswegs beschädigte Ausstiegsluke öffnen, sind alle 23 Besatzungsmitglieder tot – erstickt nach einer chemischen Reaktion, die zu einem Brand führte und den restlichen Luftsauerstoff verbrauchte. Sie hätten bei einem sofortigen Eingreifen der Norweger gerettet werden können. Bei der offiziellen Trauerfeier in Murmansk verweigern Micha und die anderen Waisenkinder Petrenko den Handschlag...

Der fast zweistündige, im englischsprachigen Raum The Command genannte Spielfilm beruht zwar auf den akribischen Recherchen des Journalisten Robert Moore, 2002 unter dem Titel A Time to Die: The Untold Story of the Kursk Tragedy veröffentlicht, ist aber eine – im übrigen hoch emotionale, alle Sinne anspannende - fiktionale Geschichte und keine Dokumentation. „Das ist eine Geschichte über Leben und Tod. Jede Szene und alles in diesem Film handelt von Leben und Tod. Es geht darum, wie die Zeit abläuft und wie neues Leben entsteht. Es geht um Tanya, die schwer atmet, weil sie schwanger ist. Und es geht um die Seeleute, die schwer atmen, weil die Luft knapp wird“, so „Dogma 95“-Regisseur Thomas Vinterberg (Das Fest, Die Jagd). Was er und sein Drehbuchautor Robert Rodat (Der Soldat James Ryan) erzählen, sind möglichst authentische Annäherungen, denn niemand weiß genau, was an Bord der Kursk passierte. Der u.a. im U-Boot Le Redoutable, das sich im französischen Marine-Museum von Cherbourg-Octeville befindet, gedrehte Film (Kamera: Anthony Dod Mantle) ist eine Hommage an die Besatzung des U-Bootes und an ihre Familien: die Katastrophe hat 71 Kinder zu Halbwaisen gemacht.

Kursk wurde am 6. September 2018 beim Int. Filmfestival Toronto uraufgeführt und kommt am 11. Juli 2019 in unsere Kinos, u.a. ins Metropolis im Bochumer Hauptbahnhof (auch Originalfassung) und in die UCI Kinowelt im Ruhrpark Bochum.

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