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Tragen einheitliche Schuluniformen und sind sich als Club Zero auch sonst einig: Fred, Elsa, Ragna, Ben und Helen.

Null-Diät im Elite-Internat

Neu im Kino: Club Zero

Im elitären Internat der Schulleiterin Dorset (Sidse Babett Knudsen) für Kinder aus wohlhabenden Familien, soll auf Wunsch des mächtigen Elternrats ein Kursus für bewusste Ernährung eingerichtet werden. Der schlägt auch gleich eine aufgrund ihres Social-Media-Auftritts geeignete Leiterin vor, Frau Novak (Mia Wasikowska). Die junge Frau weiß sich im Vorstellungsgespräch zu verkaufen: sie ist alleinstehend, hat keine Kinder oder andere familiäre Verpflichtungen und kann daher die im Kollegium höchst unbeliebten Wochenenddienste übernehmen. Zudem punktet sie mit „fasting tea“ aus ihrem Internet-Shop, der bald auch im Regal des Lehrerzimmers steht.

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Beim konstituierenden Stuhlkreis fragt Frau Novak ihre uniform in Gelb (Bluse bzw. T-Shirt), Sandfarben (Rock bzw. kurze Hose) und Blau (Strümpfe) gekleideten Schützlinge nach den Gründen, warum sie sich für den Kursus entschieden haben. Ihnen geht es vor allem um Gesundheit und Selbstfürsorge, aber auch um Klimaschutz – und nicht zuletzt als vernachlässigte Kinder vielbeschäftigter Eltern um den Kampf gegen Ausbeutung im kapitalistischen Wirtschaftssystem.

Hohe Erwartungen

Frau Dorset hatte von den hohen Erwartungen der Eltern gesprochen, die viel Schulgeld zahlen, um ihre in der Regel ehrgeizigen, aber auch sensiblen und bisweilen schwierigen Kinder in guten Händen zu wissen. Im Zentrum von Frau Novaks Lehre steht der Verzicht: Je weniger man zu sich nimmt, davon sind die Jugendlichen schnell zu überzeugen, desto größer die Selbstkontrolle, desto nachhaltiger ihr Effekt auf die Umwelt.

Ragna (Florence Baker) ist eine gute Schülerin, aber für eine Trampolin-Springerin der angestrebten Spitzenklasse nicht spritzig genug. Da helfen strenge Diät und Konzentration auf das Wesentliche: Frau Novak befindet sich da ganz auf der Linie von Ragnas Mutter (Keeley Forsyth), während ihr Vater (Lukas Turtur) das weitaus lockerer sieht. Auch Fred (Luke Barker), der nebenbei Ballettunterricht nimmt, ist begeistert und macht zusätzliche Entspannungsübungen mit der neuen Lehrkraft: der Diabetiker, dessen Eltern (Sam Hoare und Camilla Rutherford) ein Projekt im fernen Ghana betreuen, kann seine tägliche Insulindosis reduzieren.

Frau Novak (Mia Wasikowska) leitet bald nicht nur einen Ernährungskurs, sondern gründet mit einer Handvoll Schülern den Club Zero.

Während Elsa (Ksenia Devriendt), die sich zu Beginn darüber beklagt hat, dass ihr Vater (Matthieu Demy) sie stets zum Essen gezwungen und sich ihre Mutter (Elsa Zylberstein) aus jedem Streit herausgehalten hat, und Helen (Gwen Currant) der Behauptung von Frau Novak, Autophagie verlängere das Leben um bis zu zwanzig Jahre, Glauben schenken, bleibt Freds Zimmergenosse Ben (Samuel Anderson) skeptisch. Der sensible Junge aus vergleichsweise armen Verhältnissen lässt sich gern von seiner verwitweten und daher alleinerziehenden Mutter (Amanda Lawrence) bekochen und verweigert anfangs die Diät. Erst nach einer Intervention der Schulleiterin Dorset, bei der Bens Mutter ein Vollstipendium beantragt hat, schließt er sich an.

Ragna bekommt Fressattacken

Als zweite Stufe verordnet Frau Novak eine pflanzenbasierte Monodiät, die freilich nicht allen bekommt: Ragna durchlebt regelrechte Fressattacken. Doch der psychische Gruppendruck ist so groß, dass am Ende alle in den Geheimbund „Club Zero“ eintreten: eine Null-Diät bei absoluter Schweigeverpflichtung. Da besteht reichlich Ausredebedarf bei den Wochenend-Besuchen daheim, die Magersucht ist zu offensichtlich. Bei Fred, dessen Eltern ihn ja nur via Skype zu Gesicht bekommen, wird’s lebensbedrohlich: er wird in eine Klinik eingeliefert und sein Vater fliegt aus Afrika ein.

Nun steht der Elternrat, der den ganzen Skandal erst ermöglicht hat, bei Frau Dorset auf der Matte. Frau Novak ist nicht länger tragbar, ein gemeinsamer Opernbesuch mit ihrem Schüler Fred reicht zur Begründung einer fristlosen Entlassung ohne viel Aufhebens. Doch es nützt nichts: die große Manipulatorin hat die Schüler im Griff, die im Rausch des Fastens einfach weitermacht und sich in der Wohnung der Geschassten, die einem Sekten-Tempel gleicht, trifft.

Knall zum Weihnachtsfest

Der große Knall kommt zum Weihnachtsfest, das die Kinder stets in ihren Familien feiern, wobei Fred bei Ben und seiner Mutter zu Gast ist. Nur Helen, die mit ihrer Mutter (Laoisha O’Callaghan) zum Skifahren in der Schweiz weilt, bleibt verschont. Und bleibt doch dabei, indem sie den verstörten Eltern der anderen Club-Anhänger am bitteren Ende entgegenruft: „Ihr müsst dran glauben!“

Coming of(f) weight: Jessica Hausners scharfsinnige, an Dennis Gansels Morton Rhue-Verfilmung „Die Welle“ erinnernde Moralsatire mit Mia Wasikowska als enigmatische Frau Novak spürt den Schmerzpunkten unserer Gegenwartsdebatten nach. Mit bösem Witz, kompositorischer Perfektion und kaltblütiger Doppelbödigkeit gelingt ihr eine höchst austriakisch-schwarze Komödie, die weder kurzweilig noch immens unterhaltsam ist, wie uns der Verleih Neue Visionen weismachen will. Sondern ganz der Warnung im Vorspann vor „verstörenden Szenen“ entspricht.

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Die 110-minütige horrible Dystopie, am 22. Mai 2023 Cannes uraufgeführt und beim Filmfest München am 24. Juni 2023 als Deutsche Erstaufführung gelaufen, erhielt beim 56. Sitges International Fantastic Film Festival of Catalonia im Oktober 2023 den Preis für die beste Musik. Anfang Dezember 2023 überreichte die European Film Academy (EFA) in Berlin den Excellence Award in der Kategorie „European Original Score“. Zum Kinostart am 28. März 2024 läuft „Club Zero“ in der Galerie Cinema Essen und im Bambi Düsseldorf.

| Autor: Pitt Herrmann